Ein Grabstein, der Raum lässt

Was tun mit Gedanken, die am Grab keinen Platz finden? Mit kleinen Dingen oder Nachrichten, die der verstorbenen Person etwas bedeutet hätten, die man aber nicht öffentlich ablegen möchte? Tim Busam, Mitgründer von allive, hat gemeinsam mit zwei Partnern eine Antwort entwickelt: einen Grabstein als Medium. Vorausgegangen war die Frage des gemeinsamen Dozenten im Fach Mediendesign: „Wie soll eigentlich euer Grabstein aussehen?“

Was hat euch am Erscheinungsbild von Friedhöfen und speziell den Grabmälern gestört?
Uns fehlte der Austausch. Wir standen vor Gräbern und hatten das Gefühl: Hier endet alles im Stillstand. Keine Möglichkeit, Gedanken loszuwerden, etwas dazulassen, das über das reine Gedenken hinausgeht. Warum diesen Raum nicht nutzen und einen Ort schaffen, an dem Menschen etwas einwerfen können – Gedanken, Briefe, Erinnerungen? Aus diesen Fragen und aus Gesprächen mit Trauerpsychologen entstand die Idee des Grabsteins zum Einwerfen. Wir arbeiteten mit Faserzementplatten, das Grabmal ist innen hohl.

Gab es Erlebnisse, die bestätigt haben, wie groß dieses Bedürfnis ist?
Mehrere: Ein ehemaliger Arbeitskollege hatten seinen Vater sehr plötzlich verloren. Jahre später erzählte ich ihm von allivestone. Seine Freundin war gerade schwanger, der Geburtstermin lag genau ein Jahr nach dem Todestag. Er sagte: Ein solcher Grabstein hätte ihm geholfen, seinem Vater mitzuteilen, dass er Opa wird. Die beiden standen damals mit dem ersten Ultraschallbild am Grab – und wussten nicht, was sie tun sollten. Man legt so etwas nicht offen auf ein Grab. Also nahmen sie es wieder mit.

Ein anderes Beispiel war eine Familie, die ihren Sohn durch Suizid verloren hat. Die Mutter schrieb ihm seit seinem Tod täglich Briefe. Sie wusste lange nicht wohin mit den Briefen. Keinen Ort zu haben, belastete sie sehr. Den Friedhof mied sie, weil sie sich allein mit ihren Gedanken und zu überwältigt fühlte. Seit der bestehende Grabstein durch einen allivestone ersetzt wurde, geht sie gerne zum Grab, wirft einen Brief ein und bleibt noch eine Weile in stiller Zwiesprache sitzen.

Darum bezeichnen wir unseren Grabstein auch als Medium, das verbindet, nicht als Produkt. Er transportiert etwas zwischen den Lebenden und den Verstorbenen als Austauschraum für Menschen, die nicht richtig Abschied nehmen konnten oder Angst haben, sprachlos am Grab zu stehen.

Welche vermittelnde Rolle können Bestatterinnen und Bestatter spielen?
Bestatter sind für viele Familien die ersten Übersetzer ihrer Gedanken. Oft ist da ein diffuses Gefühl: Da fehlt noch etwas. An diesem Punkt können Bestatter Möglichkeiten aufzeigen und den Grabstein als Gesprächsanlass nutzen: Was möchte die Familie noch sagen? Gibt es etwas sehr Persönliches, das einen Ort braucht? In dieser vermittelnden Rolle werden Bestatter zu Begleitern, die neue Ausdrucksformen eröffnen.

Wir denken vom Bedürfnis her, nicht vom Sortiment. Unser Grabstein ist ein Einstieg. Perspektivisch wollen wir weitere Produkte bündeln, die diesem Leitbild folgen.

Wie individualisierbar ist der Grabstein?
Jede Familie bringt ihre eigene Geschichte mit. Wir starten immer mit einem ausführlichen Briefing und eruieren, was eine Bedeutung hat, was persönliche oder verbindende Erinnerungen sind. Daraus entwickeln wir mehrere Entwürfe. Einmal sollte beispielsweise auf dem Grabstein eines Sternenkinds ein Sonnenuntergang, ein Segelschiff und ein Kuscheltier zu sehen sein – der einzige Gegenstand, den es in seinem kurzen Leben berührt hatte. Das haben wir umgesetzt. Es geht nicht darum, was wir technisch können, sondern darum, was Menschen brauchen.

Was wünschen Sie sich von der Branche?
Offenheit. Trauer ist kein starres Ritual. Wenn wir ihr Raum geben, gestalterisch wie im Gespräch, entsteht die ehrliche Begleitung, die Familien unterstützt.

 

www.allivestone.de

 

 

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