„Abschied und Erinnerung werden heute oft neu gelernt.“

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Bestattungs- und Trauerkultur in Deutschland leise, aber tiefgreifend verändert. Beisetzungen auf dem Friedhof mit Trauerfeier, Gottesdienst und anschließendem Beisammensein werden seltener, besonders in städtischen Regionen. Aufgrund zunehmender Mobilität haben Menschen zudem den Bezug zu ihrem regionalen Friedhof oft verloren. „Stille Beisetzungen“ haben zugenommen. Bestattungen finden teils ohne Hinterbliebene und ohne Rituale statt.

 

Genau an dieser Stelle gewinnt der Abschied am Sarg im Krematorium an Bedeutung. In unserem Krematorium erleben wir regelmäßig, wie intensiv und nachhaltig dieser Moment wirkt – vorausgesetzt, er wird bewusst gestaltet und gut begleitet.

 

Der Sarg als letzter konkreter Bezugspunkt

 

Wenn traditionelle Rituale wegfallen, fehlt vielen Menschen ein greifbarer Anker. Der Sarg wird für sie zu einem der letzten physischen Bezugspunkte zum verstorbenen Menschen. Wer den Abschied am Sarg wahrnimmt, ist anschließend fast immer dankbar, diesen Schritt gegangen zu sein. Auch dann, wenn die Entscheidung im Vorfeld mit Unsicherheit oder Sorge verbunden war.

 

Daher schaffen wir Rahmenbedingungen, in denen die Zeit am Sarg nicht zu einem technischen Zwischenschritt wird, sondern zu einem geschützten, würdevollen Abschiedsmoment.

 

Neue Rituale: Menschen lernen Trauer neu

 

Parallel zu dieser Entwicklung beobachten wir eine weitere große gesellschaftliche Veränderung. Viele Menschen scheinen verlernt zu haben, zu trauern. Nicht aus Desinteresse, sondern weil vertraute Muster weggebrochen sind. Gleichzeitig ist die Sehnsucht nach einfachen, verständlichen Ritualen groß.

 

Deshalb werden besondere Angebote angenommen, die bewusst niedrigschwellig sind und trotzdem eine starke Symbolkraft entfalten:

  • Gedenkschlösser
    Wir haben einen farbigen Zaun aufgestellt. Angehörige können dort ein Schloss anbringen, um an den Verstorbenen sichtbar zu erinnern. Was zunächst schlicht wirkt, entwickelt eine erstaunliche Tiefe. Viele Familien kommen mehrfach wieder, suchen „ihr“ Schloss, berühren es, sprechen dort mit dem Verstorbenen.
  • Raum der Stille
    Bei uns kann eine Urne für bis zu ein Jahr stehen. Dieser Raum wird von vielen Familien als eine Art „Übungsraum für Trauer“ erlebt. Sie müssen sich nicht auf einen einzigen Abschiedsakt konzentrieren, sondern dürfen in ihrem eigenen Tempo Abschied nehmen.
  • Unser Hafen, der Mensch-Tier-Friedhof
    Letztlich ist auch unser Mensch-Tier-Friedhof ein Baustein neuer Trauerkultur. Wer Mensch und Tier in einem gemeinsamen Bild von Verbundenheit denken darf, erlebt Trost und Kontinuität – auch über Grenzen hinweg, die früher strikt gezogen wurden.

 

 

Selbst gestaltete Särge: Abschied wird greifbar

 

Immer häufiger erleben wir, dass Familien den Sarg selbst bemalen oder beschreiben. Kinder malen der Oma Blumen, Herzen oder kleine Szenen aus dem gemeinsamen Alltag auf den Sarg. Aus einem anonymen Objekt wird ein sehr persönliches Abschiedsgeschenk. Oder ein Elternpaar, das seinen kleinen Jungen verloren hat, entschied sich für einen Sarg in Form eines Feuerwehrautos – ebenso wie die Urne. Diese Form war kein „Effekt“, sondern Ausdruck eines gemeinsamen Themas, das Eltern und Kind verbunden hatte.

 

Neues Bestattungsgesetz: Türen öffnen für bewusste Trauer

 

Kürzlich trat in Rheinland-Pfalz ein neues Bestattungsgesetz in Kraft. Es erweitert die Möglichkeiten von Bestattungen und öffnet neue Türen des Abschieds und des Gedenkens. Flussbestattungen, Ascheverstreuung und die Option, die Urne nach Hause zu nehmen, sind nur einige Beispiele.

 

Wichtig bei all diesen neuen Angeboten: Menschen müssen sich vorher damit auseinandersetzen, wie sie bestattet werden möchten. Auf Bestattungsunternehmen und ihre Zulieferer kommen damit neue Aufgaben zu. Ob Beratungsgespräch beim Bestatter oder wasserlösliche Urne für die Flussbestattung – es wird viele Neuerungen geben.

Judith Könsgen

Geschäftsführerin Rhein-Taunus-Krematorium

 

www.rhein-taunus-krematorium.de

 

Telefonnummer 03681 - 30 18 32
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