Zum Ersten, zum Zweiten… Ein Plädoyer für die qualifizierte Leichenschau (Interview mit Roland Hartmann)

Roland Hartmann ist Kremationstechniker und Betriebsleiter bei der Feuerbestattungen Diemelstadt GmbH und spricht sich für eine staatlich finanzierte erste Leichenschau durch hierfür qualifizierte Mediziner aus.

Seit der Einführung des neuen Friedhofs- und Bestattungsgesetzes in Hessen Anfang März überprüft ein Rechtsmediziner eines öffentlich rechtsmedizinischen Institutes in einer zweiten Leichenschau vor einer Einäscherung Todesart und -ursache. Bisher wurde diese Untersuchung durch das Gesundheitsamt durchgeführt. Diese Regelung soll zu einer Verbesserung der zweiten Leichenschau führen. Während eines Modellprojekts mit der Frankfurter Polizei im vergangenen Jahr wurde laut Hessenschau in jedem dritten Fall eine nicht natürliche Todesursache festgestellt.

Gemäß einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts erfolgt in Deutschland jedoch nur in rund drei Prozent aller Todesfälle eine Obduktion nach der ersten Leichenschau. Europaweit seien es 15 Prozent, in Skandinavien mehr als 30 Prozent. Zustände, die dringend verbesserungswürdig sind, findet Roland Hartmann.

 

Sie erleben in Ihrem Krematorium beinahe täglich im Rahmen der zweiten Leichenschau Zweifel an der auf dem Totenschein angegebenen Todesursache. Sind Sie mit den Änderungen des Bestattungsgesetzes zufrieden?

Für meine Begriffe gehen sie nicht weit genug. Es wird an der falschen Stellschraube gedreht, denn lediglich die zweite Leichenschau soll einer Verbesserung unterzogen werden und das auch nur bei der Feuerbestattung. Dies bedeutet, dass mindestens ein Drittel der Sterbefälle gar nicht überprüft werden, da eine zweite Leichenschau bei Erdbestattungen nicht Pflicht ist. Andere Länder, wie Österreich, England oder hierzulande Bremen haben diesen Notstand erkannt und arbeiten an einer qualifizierten ersten Leichenschau oder haben sie bereits eingeführt. Bei uns in Diemelstadt müssen zwischen fünf und zehn Prozent der Todesbescheinigungen nach der zweiten Leichenschau nachkontrolliert werden. Bei einem Prozent müssen wir sogar die Staatsanwaltschaft zur Klärung der Todesursache einbestellen. Diese Quote könnten wir durch eine qualifizierte erste Leichenschau reduzieren und gleichzeitig die Dunkelziffer fehlerhafter Todesursachen bei der Erdbestattung erheblich senken. Ebenso sollte bei der Umsetzung der Pietätsaspekt nicht vergessen werden. Durch eine qualifizierte erste Leichenschau entfiele die zweite Leichenschau. Der Verstorbenen müsste nicht nochmals ent- und wieder bekleidet werden. Dies ist gerade für Angehörige ein wichtiger zusätzlicher Aspekt und drückt zusätzlich den Respekt gegenüber dem Verstorbenen aus. Wir brauchen also nicht mehr Quantität in der Leichenschau, sondern Qualität – im Übrigen besteht mit der Zunahme thanatologischer Maßnahmen weiterhin die Möglichkeit zur Vertuschung von äußeren Hinweisen.

 

Welche Voraussetzungen müssten für eine solche qualifizierte erste Totenschau erfüllt sein?

Die erste Leichenschau sollte von einem Arzt oder einer Ärztin durchgeführt werden, der oder die durch eine Zusatzqualifikation befähigt ist, den Tod direkt am Todesort festzustellen. Denn in der Realität wird der Rechtsmediziner nicht wie im Fernsehen direkt an den Auffindungsort gerufen. Er kann so wichtige Hinweise, wie etwa eine Tablettenpackung oder eine bestimmte Körperhaltung in die Feststellung der Todesursache einbeziehen. Einzige Ausnahme ist Bremen: Hier kommt ein Vertreter des rechtsmedizinischen Instituts an den Sterbeort. Österreich hat so genannte Sprengelmediziner, verschiedenen Bereichen zugeordnete Ärzte, die ebenfalls an den Todesort gerufen werden und die Todesart feststellen. Auch in Deutschland sollte es unserer Ansicht nach einen Pool an Ärztinnen und Ärzten geben, der auch in ländlichen Regionen mit einer geringen Arztdichte bei Todesfällen von der Polizei gerufen werden könnte. Wenn kein Arzt zu finden ist, müsste ein Bereitschaftsarzt des Gesundheitsamts einspringen. Da der Wunsch nach thanatologischen Maßnahmen auch in Deutschland seit Jahren ansteigt, wäre somit das Risiko der Vertuschung wesentlich reduziert.

 

Was kann die Politik tun?

Sich für die Qualität der Leichenschau einzusetzen und entsprechende Gelder bereitzustellen, ist nach meiner Ansicht eine wichtige Aufgabe der Politik. Zur Verbesserung der äußeren Leichenschau hat sich bereits im Jahr 2011 eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Länder, der Bundesärztekammer, des Bunds deutscher Kriminalbeamter, der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, des Deutschen Richterbunds, des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, des Deutschen Städtetages und des Statistischen Bundesamts gebildet. Sie hat Reformvorschläge vorgelegt und plädiert unter anderem für eine bessere Aus-, Weiter- und Fortbildung der für die Leichenschau zuständigen Ärzte. Eine grundsätzlich einheitliche Regelung zur qualifizierten ersten Leichenschau wäre auch hier eine wünschenswerte Alternative. Heute erlassen noch alle Bundesländer eigene Regelungen zur Leichenschau Da Verstorbenen auch aus dem Ausland zur Beisetzung nach Deutschland gebracht werden, wäre auch eine europäische Regelung in diesem Bereich wünschenswert.

 

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