Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist

Bild: pixabay © Omar Mahmood

(Interview mit Mohamed Oudrefi, Spezialist für Rückführungen Verstorbener und muslimische Bestattungen)

 

Der Bestatter Mohamed Oudrefi ist auf internationale Rückführungen Verstorbener und auf muslimische Bestattungen spezialisiert. Wenn es darum geht, Geflüchtete würdevoll zu bestatten, ist häufig sein Rat gefragt. Oudrefis Unternehmen AIM Bestattungen & Überführungen organisiert von München und Freising aus sowohl zeitnahe Rückführungen ins Ausland als auch islamische Bestattungen auf Gräberfeldern in Deutschland – inklusive aller Formalitäten, islamischer Leichenwaschung, muslimischem Totengebet und Organisation eines Imams oder Religionsgelehrten.

 

Sie organisieren auch internationale Rückführungen. Wie funktioniert die kooperieren mit Versicherungen, Ämtern und Bestattern weltweit?

Wir sind gut mit Botschaften, Versicherungen und Bestattern in anderen Ländern vernetzt. Dennoch ist kein Fall wie der andere. Die abenteuerlichste Rückführung war ein Deutscher, der mitten im Amazonas verstorben war und zum Teil auf den Schultern von Einheimischen bis zu einem Ort transportiert wurde, an dem er in die nächstgrößere Stadt geflogen und schließlich nach Deutschland rückgeführt werden konnte. Als wir den Leichnam in Empfang nahmen, lag er in einer Holzkiste in Palmenblätter gewickelt in einer dünnen Blechtruhe. Die Verwesung war schon so weit fortgeschritten, dass er leider nicht mehr aufgebahrt werden konnte, aber die Familie konnte Abschied vom Sarg nehmen – immerhin.

 

Ab welchem Schritt der Überführung waren Sie involviert?

Wir wurden von der deutschen Botschaft in Brasilien kontaktiert, die auch den Bestatter vor Ort organisierte, der den Leichnam offenbar gemäß landesüblichem Standard transportfähig machte und der Fluggesellschaft zur Rückführung nach Deutschland übergab. Dieser Bestatter wurde vom Auswärtigen Amt in Bonn bezahlt, welches die Kosten üblicherweise vorstreckt. Ich begleiche die Kosten und stelle den Hinterbliebenen eine Rechnung für die gesamte Überführung, sodass sie gefühlt alles aus einer Hand bekommen – trotz der zahlreichen Beteiligten, die es ermöglicht haben, dass der Verstorbene in seinem Heimatort bestattet werden konnte.

 

Was, wenn Menschen eine ungleich beschwerlichere Reise bereits zu Lebzeiten auf sich nehmen und ein Geflüchteter in Deutschland verstirbt? Kann er seine letzte Ruhe in seinem Heimatland finden oder in Deutschland den religiösen Vorschriften gemäß bestattet werden?

Die Rücküberführung verstorbener Flüchtlinge aus Deutschland ist seit einigen Jahren immer wieder Thema. Hier habe ich wirklich dramatische Fälle erlebt: Menschen, die es nach einer langen, beschwerlichen Flucht bis nach Deutschland geschafft haben und direkt nach ihrer Ankunft verstorben sind. Auch Tötungsdelikte in Flüchtlingsunterkünfte oder Eifersuchtsmorde waren dabei. Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt. Doch das Problem bleibt: Das Sozialamt kann keine Überführungskosten übernehmen. Die meisten geflüchteten Muslime werden sozialbestattet. Die wenigen muslimischen Friedhöfe bzw. Gräberfelder auf kommunalen Friedhöfen, die nach Mekka ausgerichtete Gräber und ein Ewigkeitsrecht gewährleisten, nehmen meist nur Verstorbene auf, die zu Lebzeiten Mitglieder der Gemeinde waren.

Wir erleben hier jedoch viel Engagement und Solidarität: Flüchtlingshilfevereine, die Geld sammeln, Moscheen oder auch Caritas, die sich finanziell an Rückführungen und muslimischen Bestattungen beteiligen. Das Problem: Es gibt oft keine Geburtsurkunden oder Dokumente, die wir dem Standesamt vorlegen können. Meldet sich bis zu zwei Wochen nach dem Sterbefall kein zuständiger Verwandter, wird die Bestattung von Amts wegen organisiert. Dies ist dann meist eine Feuerbestattung, die mit dem muslimischen Glauben nicht konform geht. Hier in München habe ich es aber schon oft erlebt, dass das Standesamt einen Imam von der Moschee bei einer Beerdigung einbezieht und sogar die Kosten der Bestattung auf einem muslimischen Gräberfeld übernimmt.

 

Zur Webseite:

aim-bestattungen.de