Weinen um fremde Menschen: Das Phänomen der Massentrauer

csm_WilhelmineWulff_pixelio.de_b5ed7382fa© Wilhelmine Wulff/pixelio.de

Massentrauer hat als Erscheinung viele Gesichter: Es passiert ein Unglücksfall, bei dem viele Menschen sterben. Oder der tragische Tod einer Person des öffentlichen Lebens schockiert die Welt. Alle Medien berichtet darüber und die Menschen reagieren mit emotionaler Anteilnahme.

 

Sie bekunden ihr Beileid in sozialen Netzwerken wie Facebook, legen Blumen an den Orten des Unglücks ab, nehmen an öffentlichen Trauergottesdiensten oder sogar an der Beisetzung selbst teil. Sie weinen. Sie umarmen sich, um Trost zu spenden. Die Menschen trauern wie beim Tod eines nahen Angehörigen – obwohl ihre Emotionen Personen gelten, die sie überhaupt nicht persönlich kannten.

 

Massentrauer: Eine neue Erscheinung?

Schon in Zeiten ägyptischer Pharaonen, mittelalterlicher Könige und neuzeitlicher Staatsführer gab es gesteigerte Massentrauer, wie Chroniken und Archive belegen. Damals war die Ausdrucksform jedoch weitestgehend von staatlicher Hand reglementiert. Dass Katastrophen oder gar der Tod von prominenten Personen öffentliche Trauer auslösen, ist eine neue Entwicklung, darüber sind sich Trauerethnologen, Sozial- und Kulturwissenschaftler einig. Als der „King of Rock’n’Roll“, Elvis Presley, 1977 auf tragische Weise starb, war der mediale Rummel verhältnismäßig gering. Das Phänomen öffentlicher Trauer trat in seiner heutigen Ausprägung zum ersten Mal 1986 in Schweden auf, nachdem der damalige Ministerpräsident Olof Palm erschossen worden war. Als Zeichen der Anteilnahme legten die Menschen Blumen, Kerzen und Zettel am Tatort ab. In Deutschland waren Ereignisse wie das Flugzeugunglück in Rammstein, das Zugunglück in Eschede, die Ereignisse vom 11. September oder die Love Parade-Katastrophe in Duisburg Anlass für öffentliche Trauerbekundungen. Auch der tragische Unfalltod von Prinzessin Diana, der Selbstmord von Torwart Robert Enke oder das Ableben von Michael Jackson lösten hierzulande Erschütterung und kollektive Trauer aus.

 

Trauer ohne persönliche Betroffenheit

Dass Menschen um jemanden trauern, den sie nicht persönlich kannten, hat verschiedene Gründe. Es lässt sich zum Teil mit dem wissenschaftlichen Namen Trauergemeinde erklären, einem Begriff aus der Medienpsychologie, der bedeutet, dass Menschen durch die Massenmedien zu Stars oder öffentlichen Personen Beziehungen aufbauen. Die „parasoziale Interaktion“ macht es auch möglich, dass Zuschauer bei Spielfilmen die Emotionen der Hauptfiguren nachempfinden. Ähnlich verhält es sich, wenn um eine Person mediale Geschichten erzählt werden: Es entstehen Identifikation und fiktive Nähe zu Prominenten, sodass schwere Schicksale oder der Tod dieser Menschen Trauergefühle auslösen. Je intensiver die Berichterstattung über eine Person ist und je näher Ereignisse aus der Lebensgeschichte dem eigenen Erleben kommen, desto höher ist die Identifikation. Es wird mit gelebt und mitgelitten.

 

Gemeinschaftsgefühl durch kollektive Trauer

Zudem bedeutet Massentrauer, dass Menschen an einem kollektiven Erlebnis teilhaben können. Der Mensch, der sich der Trauergemeinde anschließt, wird Teil einer Gemeinschaft. Die Suche danach ist eine natürliche Neigung des Menschen, vor allem in Krisensituationen. Ein weiterer Aspekt: Wenn ein Mensch des öffentlichen Lebens stirbt und viele andere um diese Person trauern, so können auch Einzelne ihre Emotionen zeigen, ohne „das Gesicht zu verlieren“. Ähnliches erleben wir bei Sportereignissen. Vor allem beim Fußball wundert es manchmal, wie viele sonst eher distanziert wirkende „Machos“ kollektiv in Tränen ausbrechen, wenn der Lieblingsverein verliert.

Massentrauer bedeutet aber auch, Gefühle zeigen zu können, ohne dass sich die eigene Lebensgeschichte verändert. Wenn ein realer Mensch aus dem näheren Umfeld stirbt, hat das Konsequenzen. Wenn ein Promi stirbt, verändert sich im Alltag nicht viel; der Verlust ist weniger gravierend. Die Gefühle der Trauer sind daher viel „ungefährlicher“ und können leichter gelebt werden als in der Realität. Man könnte es fast als ein „Ausprobieren des Ernstfalls“ beschreiben.Die heute gelebte Massentrauer ist sicherlich ein Zeichen dafür, dass Tod und Trauer langsam aus der Tabuzone verschwinden. Die Menschen wünschen sich Trauerrituale für Personen, die im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen und möchten deren Schicksale öffentlich machen. Einerseits, um den Verstorbenen zu würdigen, andererseits – wie im Fall von Duisburg – als Präventionsmaßnahme. Im Rahmen der Massentrauer gehen die Menschen kreativ mit persönlicher Trauer um und richten sie nach außen. Eine Entwicklung, die die Branche grundsätzlich positiv bewerten dürfte.