Von Naturstofffasern bis Pilzsporen: Materialvielfalt für die letzte Hülle

Luc LindeggerLuc Lindegger beschäftigt sich mit Pilzmaterial, das er als Innenmaterial für Särge verwendet, um den Verwesungsprozess zu beschleunigen.

Ein Sarg geht zusammen mit dem Leichnam den letzten Weg alles Vergänglichen – entweder direkt in der Erde oder durch das Feuer. Am Ende des Weges sind beide wieder Bestandteil der Erde. Ein Sarg aus Vollholz ist dafür ideal geeignet. Jedoch: Entwicklungen wie steigende Kremationszahlen, der Trend zur Individualisierung und ein wachsendes Bewusstsein für die Umwelt machen erfinderisch und bringen alternative Materialien hervor. Die Bestattung stellt drei von ihnen vor.

 

Speziell für den Einsatz in einfachen Kremationssärgen hat das Berliner Unternehmen lignotec MassivHolz GmbH bereits 2003 das Material lignoboard entwickelt – einen Holzwerkstoff, der sowohl die Anforderungen von Krematorien (VDI-Richtlinie 3891) als auch die von Bestattern erfüllt. Seit der Markteinführung wurden mehr als 200.000 Särge in über 70 deutschen Krematorien eingeäschert. Für die Herstellung des lignoboard-Materials werden ausschließlich saubere Resthölzer und Industriehölzer von Kiefer und Buche eingesetzt, die sich aufgrund ihrer Ausgangsbeschaffenheit nicht für den Möbel- oder Sargbau eignen. Die Hölzer werden mechanisch zerfasert und anschließend unter Leimzugabe zu homogenen Platten geformt. Durch dieses aufwendige Verfahren haben lignoboard-Platten sehr gute Eigenschaften hinsichtlich des für den Sargbau wichtigen Quell- und Schrumpfungsverhaltens bei Luftfeuchtigkeitsschwankungen. Die Särge können quasi spannungsfrei und damit gleich bleibend passgenau hergestellt werden. Dies wirkt sich vor allem vorteilhaft auf die palettengestützte Lieferlogistik aus: Särge aus lignoboard daher sehr passgenau und frei von Rissen, Ästen, Dübeln, Harzgallen sowie jahreszeitlich bedingter Bläue. Die mit diesem Material mögliche hohe Maßgenauigkeit und die funktionelle Formgebung ermöglichen eine besonders effiziente und kompakte Lager- und Transportlogistik. lignoboard-Särge werden vollständig in Deutschland gefertigt sichern so deutsche Arbeitsplätze – in einem Markt, der sonst von osteuropäischer Importware dominiert ist.

 

Individualisierung ausdrücklich erwünscht

Auch der Cremona-Sarg eignet sich aufgrund seiner Materialbeschaffenheit besonders für die Kremation, was auch das TÜV-Siegel bestätigt. Durch seinen Vollholzeinsatz im Unter- und Oberteil ist er jedoch ebenso für die Erdbestattung und für Angehörige geeignet, die eine individuelle Gestaltungsmöglichkeit schätzen. Er besteht aus einem Naturholzkern aus unbehandeltem Kiefernvollholz und einer verleimten Zuckerrohrfaserplatte. Bei der CO2-neutralen Einäscherung unterscheidet sich ein Cremona-Sarg nicht wesentlich von einem Kiefernvollholzsarg. Bei der Fertigung werden ausschließlich Naturstofffaserplatten, unbehandeltes Massivholz, umweltfreundliche Farben und nur ein sehr geringer Anteil an Klebstoffen verwendet. Der Naturholzkern stammt aus dem Kreislauf nachhaltiger Forstwirtschaft in Europa. Die Zuckerrohrpflanzen werden in Südafrika umweltfreundlich angebaut. Nach der Ernte werden die Restpflanzen aber nicht durch ökologisch bedenkliche Brandrodung vernichtet, sondern gesammelt und gemahlen. Aus der zermahlenen Zuckerrohrpflanze wird mittels Wabenstruktur eine sehr stabile Naturstofffaserplatte gepresst. Diese Platten werden nach höchsten Umweltstandards weiterverarbeitet. Im Rohzustand werden sie fototechnisch mit umweltfreundlichen Farben und speziellen Motiven bedruckt. Danach werden die bedruckten Platten passgenau gefalzt und dienen der Naturholzschale als attraktive Ummantelung mit einem persönlichen Design. Denn was das Produkt vor allem auszeichnet, ist seine Individualisierbarkeit: Hinterbliebene können den Sarg mit persönlichen Motiven, mit Bildern aus dem Leben des Verstorbenen oder nach entsprechenden Designvorgaben gestalten und erhalten ihn nach einer Lieferzeit von drei bis vier Tagen bei ihrem Bestatter. Aktuell sind 16 Standardmotive verfügbar: Biker, Blumenornament, Calla, Engel, Herbst, Herzen, Klavier, Kreuz, Rose des Abschieds, Orchidee, Rosen, Segelboot, Stielrose, Strand, Strandkorb und Dünenlandschaft. Zu jedem Sargmotiv bietet Cremona außerdem ein passendes Urnengefäß und eine Erinnerungsbox in zwei unterschiedlichen Größen an. Jeder Cremona-Sarg ist ein Unikat.

 

Exkurs: Ein Burial Suit als Talar?

Über diese für die Kremation etablierten Produkte hinaus gibt es auch bei der Erdbestattung neue Entwicklungen, die vor allem die Ökologie im Blick haben. Denn ein toter Mensch ist immer auch eine Belastung für die Umwelt. In unseren Körpern lagern zahlreiche Schadstoffe, die wir am Ende unseres Lebens abgeben – sei es an die Erde, ans Grundwasser oder an die Luft. In Deutschland besteht überwiegend Sargpflicht; in nahezu 55 Prozent der Fälle wird der Sarg dem Feuer übergeben. Im Sommer kommt nun der Burial Suit auf den Markt – eine Art Pilzanzug, der in der Lage ist, tote Körper mit Haut, Haar und Schadstoffen zu „essen“. Das ist umweltschonender als die Kremation mit ihrem hohen Energieaufwand, CO2-Ausstoß und Materialeinsatz. Die US-amerikanische Künstlerin Jae Rhim Lee forscht am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) an einem Pilzanzug, der organisches totes Material zersetzt.

 

Wird der Körper innerhalb von 24 Stunden im Infinity Burial Suit beerdigt, verwandeln sich die Pilzsporen, die den schwarzen Anzug wie weiße Adern überziehen, in Pilze. Diese sind nicht nur in der Lage, tote Körperzellen zu zersetzen, sondern können angeblich auch Giftstoffe aufnehmen. Damit wäre der stylische Burial Suit vor allem eines: ein Statement im Sinne der Nachhaltigkeit und ein Beitrag zur Sensibilisierung für den Umgang mit dem Tod und den Toten. Nach einer Umfrage des Online-Magazins „ze.tt“ würden sich übrigens mehr als 80 Prozent der Teilnehmer in einem Pilzanzug beerdigen lassen. Allerdings ist der Anzug noch in der Testphase, wird demnächst erstmals an einem Menschen getestet und wurde gerade als Patent angemeldet.

 

„Die letzte Verpackung“: Pilzmaterial als Sargeinlage

Auch der Zürcher Industrial Design-Student Luc Lindegger beschäftigt sich mit Pilzmaterial, das er als Innenmaterial für Särge verwendet, um den Verwesungsprozess zu beschleunigen. Für seine Bachelorarbeit interessierten ihn vor allem alternative, biologisch abbaubare Materialien. Bei seinen Forschungen stieß er auf das Problem der Wachsleichen, die – je nach Bodenbeschaffenheit – auch nach 20 Jahren Grabesruhe nicht richtig verwest sind. Der Ausschluss von Sauerstoff führt dazu, dass die Körperfette sich zu einer wachsähnlichen Schicht umbilden, welche die Zersetzung verhindert. Lindeggers Sarg besteht nicht zwangsläufig komplett aus Pilzmaterial. Es kann jeder beliebige Holzsarg verwendet werden. Die Zersetzung wird durch die Sargeinlage gefördert, die leicht normiert und angepasst werden kann. Luc Lindegger hat zwei Ausführungen entworfen. Ein Modell mit Tragegriff besteht aus weichen Wölkchenstrukturen mit einer Längsrille in der Mitte, in die auch Sägemehl gestreut werden kann; die zweite Ausführung imitiert den Faltenwurf eines Tuches.

 

Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit dem Thema Särge auseinanderzusetzen?

Ich interessiere mich für neue Materialien, vor allem solche, die biologisch abbaubar sind. Darum habe ich angefangen, mich mit einem Pilzmaterial zu beschäftigen, das von einer amerikanischen Firma entwickelt wurde. Die Firma Ecovative stellt aus diesem Material vor allem Verpackungsmaterial her und nutzt es als Styroporersatz, unter anderem auch für Surfbretter, Isolierungen usw. Ich wollte einen Einsatzbereich finden, in dem das Material nicht nur ein anderes ersetzt, sondern einen zusätzlichen Nutzen erzeugt.

 

Welche Rolle spielt das Design, und welche Varianten gibt es bzw. könnte es aufgrund künftiger technischer Entwicklungen geben?

Das Design des Sarges spielte für mich eine weniger wichtige Rolle. Um die Herkunft und Produktionsweise des Pilzmaterials hervorzuheben, habe ich den Sarg wie eine Verpackung aussehen lassen und auch den Titel „Die letzte Verpackung“ gewählt. In meinen Recherchen jedoch habe ich erfahren, dass Menschen sehr konservativ sind, wenn es darum geht, sich für einen Sarg zu entscheiden. Zudem gibt es in Zürich die Möglichkeit, einen Sarg gratis von der Stadt zu bekommen, wovon die meisten auch Gebrauch machen.

 

Darum habe ich mich dafür entschieden, zusätzlich Sargeinlagen zu designen. Grundsätzlich ergeben sich neue formale Möglichkeiten durch die spezielle Herstellung des Materials bzw. der Einlagen. Freiformen, die bei einem Holzsarg sehr aufwendig zu fertigen wären, werden plötzlich ganz einfach umzusetzen.

 

Wie läuft der Herstellungsprozess?

Das Pilzmaterial wächst normalerweise in eine Form hinein. So würden auch die Einlagen entstehen. Die Form, z.B. aus einfachem PET, wird mit landwirtschaftlichen Abfällen aufgefüllt, und Myzelium (Pilz) wird dazugegeben. Dieses frisst sich dann durch die Abfälle und wird zu einem festen weißen Klumpen. Dieser Prozess dauert eine bis zwei Wochen, je nach Größe des Produkts. Der Pilz wächst im Dunkeln, ungefähr bei Raumtemperatur. Es fallen also keine Heiz- oder Stromkosten an. Einzig Platz wird benötigt, um die Formen über diese Zeit zu lagern.

 

Wie sieht es mit den Kosten aus?

Das Material, aus dem meine Sargeinlagen bestehen würden, wird von Ecovative als Styroporersatz verkauft. Große Hersteller wie Dell oder Puma schützen damit ihre Produkte in Verpackungen. Es ist also ein sehr günstiges Material, etwa gleich teuer wie Styropor. Mein Sarg sollte ebenfalls aus Pilz bestehen, allerdings aus dem stabileren Mycoboard. Dieses Material sieht aus wie eine gewöhnliche Spanplatte und entspricht ihr auch vom Preis und der Stabilität her, mit dem Unterschied, dass das Pilzmaterial nicht an die steigenden Holzpreise gekoppelt ist.

 

Haben Sie sich schon über die Vermarktung Gedanken gemacht? Wie könnten Sie die Vorteile Ihres Produkts an Bestatter und Endkunden kommunizieren?

Der große Vorteil oder die Innovation ist sicher, dass sich Leichen in einem Sarg aus Pilz schneller zersetzen könnten. Auch gibt es Pilze, die sogar Öl und Schwermetalle binden können. Vielleicht könnten Einlagen und Särge so in Zukunft sogar verseuchte Böden von Friedhöfen reinigen. Dies würde die Arbeit von Bestattern und Bestatterinnen sicherlich erleichtern. Auch das geringe Gewicht des Materials ist ein weiterer Vorteil für sie.

 

Vorteile für die Kunden würden sicher durch die relativ simple Herstellung entstehen. Särge aus Pilz könnten wahrscheinlich günstiger und energieeffizienter produziert werden, als dies bisher bei Särgen aus Holz der Fall ist.

 

Welcher Voraussetzungen bedarf es hinsichtlich Material und Technik, um die Särge zu produzieren?

Die Produktion dieses Pilzmaterials bzw. von Pilzprodukten ist eigentlich sehr einfach. Es benötigt sicherlich viele Erfahrungswerte, allerdings keine großen oder technisch anfälligen Maschinen. Ein Vorteil des Materials ist, dass es aus regionalen Produkten herstellbar ist, sodass keine hohen Transportkosten anfallen würden. Die Firma Ecovative bietet sogar ein „Grow it Yourself Kit“ an, damit können kleinere Produkte problemlos zu Hause erstellt werden.