Von der Ton- zur Designurne

csm_DSCF0204_-_Kopie_74cd951c77Von der Ton- zur Designurne. © Herbert Görder

Die Urnenbestattung geht bis in die Bronzezeit zurück. Anfänglich wurden die Aschereste verstreut oder in Gefäßen wie Vasen und Krüge aufbewahrt. Zwischen 1300 und 800 v. Chr. entwickelte sich dann die Urnenfelder-Kultur, die die Körperbestattung unter großen Grabhügeln ablöste.

 

Nach der Verbrennung der Verstorbenen auf Scheiterhaufen, wurden die Knochenreste und die Asche in Behältnissen aus Stoff oder Holz sowie in tönernen Urnen auf Urnenfeldern beigesetzt. In die Urnen kamen auch die zum Teil fast vollständig verbrannten Beigaben. Zusätzlich legte man den Verstorbenen hochwertiges Geschirr aus Keramik ins Grab. Sozial höher gestellte Personen wurden mit ihrem vierrädrigen Wagen verbrannt. Die aus der Scheiterhaufenasche ausgelesenen bronzenen Wagenbeschläge und -bestandteile sowie das Pferdegeschirr wurden ebenfalls ins Grab gelegt. Auch Waffen wie Schwerter, Pfeil und Bogen wurden den Verstorbenen mit gegeben. Im Anschluss wurde die Urne häufig mit einer Schale abgedeckt. Wurden die Überreste des Verstorbenen in einem Glockengrab bestattet, stülpte man ein großes Tongefäß über die Urne. Im Gegensatz zu den meist sehr kostbaren Grabbeigaben, waren die Urnen selbst einfach und schmucklos. In der Eisenzeit bevorzugte man sogenannte Gesichtsurnen, Bestattungsurnen mit einer gesichtsähnlichen Verzierung auf dem Gefäßkörper. Die Tongefäße hatten eine bauchige bis flaschenförmige Form in unterschiedlicher Größe mit konisch hochgezogenem Halsteil, plastisch geformten Brauen- und Nasenpartie sowie eingeritzten Augen. Der Mund wurde nicht immer dargestellt, die Ohren mit Bronze- und Eisenringen als eine Art Ohrringe versehen.

 

Abschaffung der Feuerbestattung

Mit dem aufkommenden Christentum, vor allem unter Kaiser Konstantin im 2. Jahrhundert, sollte die Feuerbestattung abgesetzt werden. Die neue Religion verlangte ebenso wie die Ägypter, das Judentum und später der Islam einen intakten Leib für die Bestattung, um das Weiterleben von Körper und Seele als Einheit auch im Jenseits zu gewährleisten. Im Jahr 789 legte Karl der Große in den Kapitolarien als einzige ehrbare Bestattungsform für den Christen die Erdbestattung auf einem Friedhof fest und schaffte damit die Feuerbestattung im Römischen Reich vollständig ab. Mehr als 1000 Jahre wurden Verstorbene von da an hauptsächlich erdbestattet. Im 19. Jahrhundert führten das Massensterben von Pest- und Choleraepidemien, der schnelle Bevölkerungswachstum und das gleichzeitig wachsende Wissen um Hygiene und Krankheitserreger zu der Frage nach einer hygienisch besseren Beseitigung von Verstorbenen. So wurde Ende des 19. Jahrhunderts die Feuerbestattung wieder eingeführt. 1878 öffnete das erste Krematorium in Gotha. Seitdem ist die Anzahl der Feuerbestattungen stetig angestiegen.

 

Urnen in allen Varianten

Da ist es nicht verwunderlich, dass das Angebot an verschiedenen Urnendesigns und Materialien konstant wächst. Von puristisch-schlichten Urnen über Filzurnen bis hin zu vollkommen individuell gestalteten Urnen hat der Kunde bei seiner Auswahl die Qual der Wahl. Doch häufig weiß er gar nicht, welche Fülle von verschiedenen Urnendesigns es gibt, denn immer noch bestellen einige Bestatter nur eine kleine Auswahl an Urnen, so dass der Kunde lediglich zwischen drei Modellen auswählen kann. „Wir bieten bewusst eine große Vielfalt an Urnen an, denn jeder Angehörige favorisiert ein anderes Design oder Material. Der eine mag Verzierungen und bunte Urnen, der andere mag es lieber einfarbig und schlicht“, erläutert Kathrin Hollmann von der Firma Eberhard Hollmann GmbH & Co.. Die Urne ist eine Art letztes Geschenk für den Verstorbenen. Daher nutzten immer mehr Hinterbliebene das Internet, um sich über unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten einer Urne zu informieren. Nicht selten treten sie dann mit einem bestimmten Produktwunsch an den Bestatter heran. Um diese und andere individuelle Wünsche erfüllen zu können arbeiten einige Bestatter in letzter Zeit vermehrt mit Künstlern und Designern zusammen. So können sie ihren Kunden ein breitgefächertes Angebot bieten.

 

Lokta- und Filzurnen sind biologisch abbaubar

„Neben der Individualität ist ein weiterer Aspekt in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Kunden fragen verstärkt ökologisch abbaubare Urnen an“, berichtet Kathrin Hollmann. „Unsere Lokta- und Filzurnen sind mit gewalkter Wolle überzogen, verrotten schnell und enthalten weder giftige Klebstoffe noch andere schädliche Materialien“, beschreibt Kathrin Hollmann die ökologisch abbaubaren Urnen. Diese sind vornehmlich bei Ruheforst- oder Seebestattungen ein Muss, aber auch immer mehr Friedhöfe bevorzugen verstärkt biologisch abbaubare Urnen. Die Vorteile liegen auf der Hand, neben dem Umweltschutz müssen sie nach der Ruhezeit nicht mehr ausgegraben werden, das spart Zeit und Geld. Dementsprechend dürfen mittlerweile auf einigen deutschen Friedhöfen nur noch selbstauflösende Urnen beigesetzt werden.

 

Individuelle Urnengestaltung

Herbert Görder gestaltet individuelle Urnen. „Die erste Unikat-Urne entstand, als Angehörige beklagten, beim Bestatter auf den Wunsch nach einem individuellen Urnengefäß für einen passionierten Springreiter lediglich das Angebot erhalten zu haben, ein Hufeisen auf eine Standard-Urne zu kleben“, berichtet der Paderborner Bildhauer. Er entschied sich, eine würfelförmige Urne zu modellieren, die auf ihren Seiten einen Springreiter in vier unterschiedlichen Positionen zeigt. Diese symbolisieren zusätzlich das Auf und Ab des Lebens. Die Urne wurde mit Namen und Lebensdaten versehen und in weißem Alabastergips gegossen. Seitdem modelliert Herbert Görder immer wieder personenbezogene Urnen, die Lebensgeschichten erzählen und auf Beruf, Hobby und Anliegen des Verstorbenen eingehen. Für örtliche Bezüge dienen Wappen, Gebäude vom Heimatort oder der letzte Wohnsitz des Verstorbenen. Auch möglich sind Symbole von Vereinen oder ehrenamtlichen Tätigkeiten. Außerdem wird auf Passionen und Glauben eingegangen.

 

Urnengestaltung als Teil der Trauerarbeit

„Das Erarbeiten einer solchen Gestaltung ist nur in Zusammenarbeit mit den Hinterbliebenen möglich und bedeutet Trauerarbeit im wahrsten Sinn des Wortes“, beschreibt der Bildhauer seine Arbeit. „Die Angehörigen lassen im Gespräch gedanklich das Leben Ihres Verstorbenen Revue passieren. Manchmal wird herzlich gelacht, wenn an Marotten erinnert oder zum Beispiel überlegt wird, ob man auch auf die geliebten Zigarren, die allabendliche Flasche Bier eingehen oder das Logo von Schalke 04 abbilden soll.“ Auch bietet Herbert Görder Hinterbliebenen an, selbst mit an der Urne zu arbeiten. Nicht selten wird bei der Beerdigung nur die Aschekapsel beigesetzt und das Urnengefäß, weil es so viel über den Verstorbenen erzählt, von den Angehörigen als Andenken mit nach Hause genommen. Einige Hinterbliebene haben sich sogar Kopien von der Urne des Verstorbenen aus Porzellan beziehungsweise Bronze anfertigen lassen. Als Sichturnen in Kolumbarien oder Grabzeichen integriert, vermittelt es den Angehörigen das Gefühl der Nähe durch die Möglichkeit der Berührung.