Viva España

csm_krawuttke_klein_17_61b4522fa8© echtgemalt

Hach war ich froh, endlich Feierabend, ich musste nur noch die Traueranzeige der netten alten Dame aus der Bachstraße fertig tippen und dann ab nach Hause. Gut, wenn man kompetente Mitarbeiter hat, die für einen auch mal den Bereitschaftsdienst übernehmen. Eigentlich geb ich ungern das Bereitschaftshandy ab, aber es gibt Abende, da geht kein Weg daran vorbei. So wie an jenem Abend im September.

 

Da war nämlich Skat-Abend und wenn Skat-Abend ist, sollte man mich besser nicht stören. Unser Club spielt zwar nur um kleine Geldbeträge, aber jeden ersten Donnerstag im Monat geht’s immer wieder erneut um die Krawuttke-Ehre.

Zurück zur Traueranzeige. Ich speicherte noch schnell einen frommen Spruch ab und wollte gerade gehen, da ging die Ladenklingel. „Och nee“, dachte ich, mein Gesicht erhellte sich, als ich Jupp vom Kiosk an der Ecke sah. „Wir treffen uns doch erst um 20 Uhr Jupp.“ „Nee, nee ich weiß schon“, antwortete Jupp. „Hasse schon gehört, dass der Herbert Schulz nach Teneriffa auswandert?“. „Nee wusste ich gar nicht. Dat der sich das leisten kann! Aber wer sein Fleisch zu Wucherpreisen verkauft kann sich das wohl leisten“, antwortete ich mürrisch. Man muss wissen, dass Herbert Schulz und ich uns schon seit Schulzeiten nicht grün waren. Er hatte mir in der siebten Klasse tatsächlich die Freundin ausgespannt und sie mit Gratis-Würstchen gelockt. Sie hat danach knapp 15 Kilogramm zugenommen. Dann wollte ich sie auch nicht mehr. Aber trotzdem, das macht Mann nicht.

Doch Jupp kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus: „Der Herbert hat eine Wohnung gekauft, direkt am Strand mit Meerblick. Die haben jetzt immer herrlich angenehme Temperaturen. Kein Schnee schippen, kein  Auto freikratzen und das ganze Jahr im Meer schwimmen. Das könnte ich mir auch vorstellen!“ „Ich nicht“, gab ich knapp zurück. „Außerdem muss ich hier noch was fertig machen, wir sehen uns um acht.“

Auch in unserer Skat-Runde gab es kein anderes Thema als die Auswanderung von Herbert Schulz.  Alle wollten plötzlich auch nach Spanien und ihren Lebensabend dort verbringen. Ich verstand das nicht. Wo lag eigentlich dieses Teneriffa? Wer wollte denn schon zu den Spaniern? Die lassen wildgewordene Stiere durch die Straßen laufen, werfen bei jeder Gelegenheit gleich mit Tomaten und essen ständig Unmengen von Knoblauch. Außerdem sind die total träge, halten ständig Siesta wegen der Hitze, kein Wunder das die hochverschuldet sind. Oder waren das die Italiener? Oder die Portugiesen – ach egal. Ich wusste nur, dass ich da nicht hinwollte. Und überhaupt, wenn ich mir diese Auswanderdokus im Fernsehen anschaue, dann haben diese Auswanderer auch immer irgendwelche Probleme und es ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen im ach so schönen Paradies. Meist sind das ganz komische Menschen, die das machen. Insofern passt es ja, denn Herbert war ja auch ein wenig komisch.

Drei Skatabende weiter erzählte Jupp aufgeregt, dass Herbert Schulz plötzlich verstorben sei – auf Teneriffa. Ein wenig leid tat es mir schon, dass die Schulzes das Leben auf Teneriffa nur so kurz genießen konnten. Aber als ich dann erfuhr wie er gestorben war, konnte ich mir ein „Hab ich‘s doch gewusst“, nicht verkneifen. Er war doch tatsächlich auf dem Wege zur Siesta auf einer Tomate ausgerutscht und vermutlich an einer Knoblauchzehe erstickt.

Mein nächster Gedanke war, dass ich mich jetzt, als Bestatter vor Ort, um die Überführung kümmern musste. Das hatte ich ja schon ewig nicht mehr gemacht. Aber ich bereitete mich vor. Las noch einmal den ganzen komplizierten Überführungskram durch und legt mir ein spanisches Wörterbuch neben mein Telefon. Nachdem einige Tage vergangen waren, wurde ich langsam unruhig, es musste sich doch langsam mal jemand von dieser Insel melden. Am nächsten morgen fragte ich, bei meinem allmorgendlichen Zeitungskauf an Jupps Kiosk, ob er da schon was gehört hätte. „Ach du wusstest das noch nicht? Der Herbert ist schon längst auf Teneriffa beerdigt worden. Seine Frau wollte das so. Denn die spanischen Friedhöfe sollen ja auch viel schöner sein als unsere.“ Kein Wunder, dachte ich mir. Mit Ruhestätten kennen sie sich aus, die Spanier.