Trauer in der Schule – Der Tod ist auch da, wo das Leben tobt (Interview mit Stefan Große)

Stefan Große ist Lehrer für Deutsch und katholische Religion an einem Gymnasium in der Nähe von Hannover.

Stefan Große ist Lehrer für Deutsch und katholische Religion an einem Gymnasium in der Nähe von Hannover. Seit vielen Jahren ist er als Beratungslehrer im Team für Beratung und Prävention tätig und betreut Schüler und Schulklassen, wenn sie mit dem Tod konfrontiert sind – sei es von Mitschülern, deren Elternteilen oder einem Lehrer.

 

Welche Rolle spielen Suizid und Trauer in der Schule?

Das Thema ist für die Schülerinnen und Schüler von besonderer Brisanz, da eigentlich alle schon Erfahrungen gemacht haben, die Suizidalität auslösen können. Im Vordergrund steht für die Schüler meistens die Frage, was sie tun und wie sie sich verhalten können, wenn sie Hinweise auf Suizidalität erkennen. Hier hilft nach unserer Erfahrung ein offener und enttabuisierender Umgang mit dem Thema sehr! Noch vor 20 Jahren gab es Kollegen, die es nicht richtig fanden, offen über Probleme wie Gewalt, Mobbing oder Sucht zu sprechen, weil das kein gutes Bild der Schule nach außen vermittele. Da hat sich zum Glück viel verändert. Das Beratungsteam, zu dem ich an unserer Schule gehöre, ist inzwischen gut aufgestellt. Mit dem Thema Suizid sind wir seid ca. zehn Jahren intensiver befasst: Meine Kollegin Karen Stroberger hatte beim Verein für Suizidprävention in Hildesheim eine Ausbildung zur Krisenberaterin gemacht und ihre Erfahrungen daher auch an der Schule eingebracht.   Ausgehend von Statistiken war uns klar, dass es auch uns betrifft, wenn Suizid unter Jugendlichen zu den häufigsten Todesursachen gehört. Wir haben seither das Thema im Religions- und Werte und Normen-Unterricht in Jahrgang 9 implementiert. Hier gehört es im Curriculum zum Thema „Umgang mit Sterben und Tod“. Außerdem arbeiten wir weiterhin mit dem Verein für Suizidprävention zusammen: Es gibt Workshop-Angebote und eine Ausstellung, die regelmäßig in der Schule gezeigt wird.

 

Wie behandeln Sie Themen, wie zum Beispiel auch die Sterbehilfe im Unterricht?

Die Sterbehilfe gehört in den Bereich der Ethik, also enger gefasst zur Frage, welche Herausforderung für das Handeln des Menschen solche Grenzsituationen des Lebens darstellen wie Beginn, Ende oder Einschränkung durch Krankheit . Hier geht es dann auch ‚klassisch‘ um die Sterbephasen nach Kübler-Ross, um Fragen der gesetzlichen Regelung in verschiedenen Ländern, medizinische Grundlagen, und in den Religionskursen natürlich auch um die Orientierung des Handelns am Glauben. Das Sterben in Würde muss nicht notwendig ein selbstbestimmtes Sterben sein, wenn das Sterben und der Tod in der Gesellschaft nicht tabuisiert werden. Wenn Glaubende davon sprechen, dass das Leben ein Geschenk Gottes sei, dann ist es eine Aufgabe des Menschen, dass auch Sterbende davon etwas erfahren können, z. B. in einer Sterbebegleitung im Hospiz. Daran setzen wir hier vor allem an: Das Leben ist auch noch da, wo der Tod schon toben möchte Die Religion kann ‚funktional‘ als Versuch verstanden werden, mit Grenzen umzugehen, und Bewältigungsmöglichkeiten anzubieten. Christliche Religion hat nach meinem Verständnis dabei keine privilegierten Antworten, sondern will dazu führen, dass Menschen sich intensiv mit diesen Themen auseinandersetzen, um auch angesichts solcher Erfahrungen Mensch zu bleiben.

 

Wie kann die Schule helfen, wenn etwa ein Elternteil eines Mitschülers stirbt?

Der Umgang mit Trauer gehört in der Beratungsarbeit jedes Jahr dazu. Wir haben ein klar geregeltes Vorgehen, wenn Todesfälle in der Schule bzw. im Umfeld bekannt werden. In allen Jahrgangsstufen ist die Betroffenheit groß, wenn Vater oder Mutter eines Mitschülers gestorben ist. Ebenso groß ist die Unsicherheit, wie man sich ihm gegenüber verhalten soll. Entscheidend ist aber vor allem, dass so ein Ereignis gerade bei den jüngeren Schülern Ängste hervorruft. Wir haben uns Methoden angeeignet, mit den Gruppen, die betroffen sind, über solche Ängste zu sprechen und dann auch gemeinsam Ausdrucksformen für Trost und Mitleiden zu finden. Für solche Fälle hat Frau Stroberger einen ‚Trauerkoffer‘ zusammengestellt, in dem sich nützliche Materialien finden wie z. B. Fotokarten als Gesprächsanlass, Kerzen oder Blanko Briefkarten zur Gestaltung von Beileidsbriefen.

 

Wie reagieren die Schüler auf eine solche Nachricht?

Unsere Beratung fällt unter die Schweigepflicht, doch sehr intensiv ist es immer, wenn wir einer Klasse mitteilen müssen, dass ein Elternteil eines Mitschülers verstorben ist. Wir versuchen so schnell es geht, das gesamte Kollegium zu informieren und gehen dann als Beratungslehrer mit dem unterrichtenden Lehrer in die Klasse. Die Nachricht löst meist sehr unterschiedliche Reaktionen aus, deshalb geben wir Raum für verschiedene Möglichkeiten: Dazu kann auch gehören, dass manche Schüler sich wünschen, dass der Unterricht weitergeführt wird. Für diejenigen, die ein Gespräch wollen, bieten wir eine Runde an, die ohne Zeitvorgabe in einem besonderen Raum stattfinden kann: Bildkarten können helfen, ein Gespräch über Gefühle zu eröffnen. Wir versuchen zu vermitteln, dass es kein Richtig oder Falsch dabei gibt – manche weinen und suchen Trost bei Freunden, andere fühlen sich eher erstarrt, sind fassungslos und finden keine Worte. Nach diesen ersten Reaktionen geht es oft um Einfühlung: ‚Wie muss sich unser Mitschüler jetzt wohl fühlen?‘ – ‚Ich glaube, dass für ihn jetzt eine Welt zusammenbricht.‘ Das führt dann bei manchen dazu, dass sie sich vorstellen, wie es wäre, wenn das Ereignis sie selbst beträfe. Im dritten Schritt geht es dann oft darum, was die Klasse jetzt tun kann, wie man mit dem Mitschüler umgeht, der ja in den nächsten Tagen wieder am Unterricht teilnehmen wird. Meist sind engere Freunde in der Klasse, die hier Brücken bauen können. Eigentlich immer kommen dazu gute Ideen aus der Klasse. Wir weisen aus unserer Erfahrung oft darauf hin, dass es für Kinder und Jugendliche wichtig ist, sich in so einer Situation auf die Routine in der Schule verlassen zu können, auf einen Bereich, in dem das Leben wie gewohnt weitergeht. Schließlich brauchen die Klassen in der Regel auch eine Hilfe, wie man Mitleid ausdrückt. Es können Karten oder Briefe geschrieben werden, wir helfen mit Formulierungen, ermutigen aber auch dazu, eigene Worte zu finden. Wenn wir wissen, dass in der betroffenen Klasse Schüler sind, die selbst schon einen Todesfall in der Familie erlebt haben, sprechen wir diese Schüler noch einmal besonders an.

 

Welche Rolle spielt die Teilnahme oder Mitgestaltung einer Bestattung für Kinder und Jugendliche?

Aus unserer Erfahrung kann ich sagen, dass es nicht gut ist, Kinder und Jugendliche vor so einer Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Tod zu ‚beschützen‘. Wir hatten eine Klasse, die sich fragte, ob es in Ordnung wäre, an der Beerdigung eines Elternteils einer Mitschülerin teilzunehmen. Nach Rückfrage bei der Familie haben wir die Schüler dazu ermutigt und unterstützt – natürlich ohne Gruppendruck – und über Rituale und den Ablauf einer Beerdigung gesprochen: Die Schüler haben sich untereinander abgesprochen, was sie zu diesem Anlass anziehen und wie sie sich auf der Beerdigung verhalten. Das war für die Gruppe ein Ereignis, in dem die Gemeinschaft besonders erfahrbar geworden ist.

 

Was kann eine Schule zur Verarbeitung und zum Gedenken tun, wie lange sollte so ein Gedenken dauern?

Wir haben bei einem Todesfall einer Schülerin in Zusammenarbeit mit den engeren Freunden über mehrere Wochen einen Ort des Gedenkens mit Blumen und Foto eingerichtet. Schüler hatten die Möglichkeit, Blumen niederzulegen und Gedanken in ein Buch zu schreiben. Wie lange das geht, dafür gibt es wohl keine klare Regel. Wir haben nach einiger Zeit gemerkt, dass das Bedürfnis der Schüler, diesen Ort zu besuchen, irgendwann nicht mehr so groß war. Diskutiert wurde dann auch unter den Kollegen, ob so ein Gedenken nicht auch als belastend empfunden werden könnte. Ich denke, für die Schüler ist es wichtig, zu erfahren, dass das Leben auch mit so einer Erinnerung weitergeht – das Vergessen ist dafür keine Voraussetzung. Als ein Kollege verstorben war, der einen Abiturkurs geleitet hatte, hat sich der Kurs dafür entschieden, auch bei der Abiturfeier einen Augenblick im Gedenken innezuhalten. Ich glaube, das Totengedenken ist eine der wichtigsten Ausdrucksformen von Kultur, das Vergessen wäre ein zweiter Tod.