Schmerzfrei und in Würde – So geht „gutes“ Sterben

Prof. Dr. Winfried HardinghausProf. Dr. Winfried Hardinghaus ist Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativ Verbands (DHPV) sowie der Deutschen Hospiz- und Palliativ Stiftung (DHPS).

Interview mit dem Palliativmediziner Prof. Dr. Winfried Hardinghaus

Als Arzt für Innere Medizin und Palliativmedizin ist Prof. Dr. Winfried Hardinghaus Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativ Verbands (DHPV) sowie der Deutschen Hospiz- und Palliativ Stiftung (DHPS). Seit 2015 ist er Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin im Franziskus-Krankenhaus Berlin. Prof. Hardinghaus ist Gründer des Palliativ- und Hospizprojekts „SPES VIVA“ sowie stellvertretender Vorsitzender der Ethikkommission der Universität Osnabrück.

 

Im Mittelalter gab es die „Ars moriendi“. Welche Bedeutung hat die Kunst, „gut“ zu sterben in Deutschland heute noch?

Ich glaube, dass die Bedeutung eines ‚guten‘ Sterbens heute eher zunimmt, weil die Themen Tod und Sterben in unserer Gesellschaft zunehmend enttabuisiert werden. Nicht zuletzt durch das neue Palliativ- und Hospizgesetz und das Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe ist das Thema wieder in die öffentliche Diskussion gerückt. Ich gehe daher davon aus, dass die Bevölkerung weiter sensibilisiert ist für das, was ein gutes Sterben ausmacht.

 

Macht die schwindende Religiosität das Sterben schwieriger für die Menschen?

Ich beobachte zwar eine schwindende Kirchlichkeit, aber keine schwindende Spiritualität oder Religiosität. Auch wenn Menschen nicht religiös sind, können sich sehr viele am Ende ihres Lebens vorstellen, dass es nach dem Tod noch etwas anderes gibt.

 

Was macht „gutes Sterben“ aus?

Ein ‚gutes‘ Sterben bedeutet vor allem ein Sterben in Würde. Der Mensch sollte in seiner Einzigartigkeit und mit seinen Bedürfnissen anerkannt und respektiert werden: Was ist ihm oder ihr wichtig, was möchte er essen oder trinken, welche Angehörigen möchte er noch einmal sehen, in welchem Umfeld möchte er sterben? Letzte Wünsche sollten dem Sterbenden möglichst erfüllt werden. Eine wichtige Basis ist natürlich immer Schmerzfreiheit und Symptomarmut. Niemand will sich am Ende quälen und tatsächlich muss auch niemand Schmerzen haben. Heutzutage ist es in den meisten Fällen möglich, dass man bei vollem Bewusstsein und ohne Schmerzen stirbt.

 

Welcher äußeren und inneren Bedingungen bedarf es?

Hier spielt vor allem die Unterbringung eine Rolle – gegebenenfalls pflegegerecht zuhause, im Krankenhaus, im Hospiz oder im Heim. Die meisten Menschen wünschen sich, zuhause zu sterben. Die Realität sieht jedoch anders aus. Wichtig ist eine ruhige Umgebung.

Geht es um die inneren Bedingungen, steht die Autonomie im Vordergrund, der Wunsch, selbstbestimmt zu sterben. Naturgemäß stößt gerade am Ende des Lebens die Autonomie an ihre Grenzen und man ist auf Hilfe angewiesen. Jedoch erst so ist ein Höchstmaß an Autonomie oft erst möglich!

 

Welche Rolle sollte der Tod zu Lebzeiten spielen?

Meine Beobachtung ist: Wer mit seinem Leben gehadert hat, dem fällt das Sterben schwer. Wer hingegen überwiegend im Einklang mit sich und seinen Mitmenschen gelebt hat, der kann auch im Reinen mit sich und der Welt gehen. Ein befriedigendes Leben kann das Sterben leichter machen.

 

(Wie) kann man sich auf das Sterben vorbereiten?

Zu einer guten Vorbereitung gehört unbedingt eine Patientenverfügung. Den Willen des Patienten zu kennen, ist am Ende eine große Hilfe für Mediziner, Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen und Angehörige.

 

Welche Kriterien gehören für Menschen zu einem „guten“ Tod?

Neben den genannten Kriterien Autonomie, Würde, Einzigartigkeit, Schmerzfreiheit und Symptomarmut spielt oft auch die Anwesenheit von Angehörigen oder nahestehenden Menschen eine Rolle. In diesem Fall ist es wichtig, dass diese einfach da sind, dem Sterbenden das Gefühl geben, nicht alleine zu sein, seine Hand halten, Gefühle übertragen, Wärme und Liebe geben – und ihn gehen lassen.