Schauspielen will gelernt sein

csm_krawuttke_klein_17_61b4522fa8© echtgemalt

Mein Vater – Gott hab ihn selig – sagte immer zu mir: Alle Menschen sind Schauspieler – der eine kann es besser, der andere schlechter. Recht hatte er – wie immer. Es gibt im Leben so viele Rollen, die man spielen muss. Nicht viel anders als ein professioneller Schauspieler lerne ich meinen Text und bereite mich auf Auftritte vor.

 

Meine Paraderolle ist natürlich nach wie vor der erfolgreiche Bestattungsunternehmer. Es ist schon ganz großes Kino, wenn ich im dunklen Anzug mit getragener Stimme und vertrauenerweckendem Augenaufschlag meinen berühmten Ausspruch rezitiere: „Zunächst einmal möchte ich Ihnen im Namen der Firma Krawuttke Bestattungen unser tiefempfundenes und aufrichtiges Beileid aussprechen.“ Sie mögen vielleicht denken: das ist doch nur eine Floskel. Einfach so dahin gesagt,  unehrlich und überhaupt nicht tief empfunden. Da irren Sie sich aber gewaltig. Der Beileids-Ausspruch von uns Bestattern ist ähnlich wie Shakespeares „Sein oder Nicht sein“. Mehr als ein Standes-Credo, wichtiger als die Gretchenfrage und der Satz des Pythagoras. Man kann ihn nicht oft genug vor dem Spiegel üben. Ein falscher Zungenschlag, ein Haspler oder Versprecher und man hat seine ganze Glaubwürdigkeit verloren und ist raus aus der Nummer. Hier entscheidet sich, wer als Schmierenkomödiant im drittklassigen Provinztheater endet oder der bejubelte Star des Broadway-Stückes „Bestatter im Glück“ wird.  Die Geschichte von Krawuttke-Bestattungen zeigt, dass der Broadway durchaus auch in der Provinz liegen kann. Und hier wird nicht nur „Bestatter im Glück“  aufgeführt. Weitere sehr beliebte Stücke in unserem kleinen Familientheater sind zum Beispiel: „Drei Kleiderschränke und nichts anzuziehen“ oder „Pass auf: da steht die Urne… oooh nein!“ Was will ich damit sagen? Irgendwie spielen wir uns doch alle andauernd gegenseitig etwas vor. Finden Sie das nicht auch unheimlich anstrengend? Könnte das Leben für uns alle nicht ein wenig einfacher, schöner und entspannter sein, wenn wir nicht ständig und immerzu irgendwelche Rollen spielen würden? Selbst unsere Kinder müssen schon unter diesen ewigen Rollenspielchen leiden. Neulich zum Beispiel kam mein Sohn weinend aus der Schule. Als er sich wieder beruhigt hatte, fragte ich ihn, was er denn hätte. „Die in der Klasse sagen, Du freust dich wenn einer stirbt. Stimmt das?“

 

„Natürlich nicht“, entgegnete ich prompt und voller Entrüstung. „Wer sagt denn sowas?“ „Der Peter, dessen Opa ist letzte Woche gestorben ist. Du hast ihn beerdigt.“ Das war korrekt. Ich kannte den Opa von diesem Peter. Er war ein alter grantiger Kerl, der für niemanden ein freundliches Wort hatte. Ein fürchterlich Mensch zu Lebzeiten, aber ich habe den Auftrag ganz professionell abgewickelt und meine Rolle als Bestatter perfekt gespielt. Das versuchte ich auch meinem Sohn zu vermitteln. „Sieh mal, einer muss doch den Opa vom Peter ja beerdigen. Darüber freue ich mich nicht, das ist einfach nur mein Beruf.“ „Und warum bist Du eigentlich nicht Polizist geworden oder Feuerwehrmann?“ Das war jetzt eine gemeine Frage. Sollte ich meinem Sohn erzählen, dass mein Vater mich mehr oder weniger in den Beruf gezwungen hat? Dass Krawuttke –Bestattungen ein Familienunternehmen seit 1930 ist und immer der älteste Sohn auch Bestatter wird. Sollte ich ihm wirklich sagen, dass ich wegen des Geldes und der Aussicht auf einen krisensicheren Beruf meine Träume von einer Karriere als Bühnenbauer am Theater an den Nagel gehängt habe? Das durfte ich nicht zugeben. Denn letztlich war für meinen Filius die gleiche berufliche Zukunft vorgesehen. Wieder eine Rolle, die man spielen muss. Der verantwortungsbewusste, vorbildliche  Vater –  nicht gerade meine Paraderolle. Aber irgendetwas musste ich ihm sagen. „Soll ich Dir mal ehrlich sagen,  warum ich Bestatter geworden bin?“ Mein eigenes Fleisch und Blut schaute mich mit tränenverschmierten Gesicht aufmerksam an. „Weil mir der Beruf einfach Freude macht!“ Sofort fing er wieder zu heulen an. „Ich wusste es. Peter hat recht. Du freust Dich wenn Menschen sterben.“