Sargproduktion in Deutschland ‒ eine Branche in Gefahr

Mindestens 60 Prozent der in Deutschland angebotenen Särge stammen aus Osteuropa. Die Zeiten, in denen Inlandsproduzenten einfache Särge noch kostendeckend selbst produzieren konnten, sind Geschichte. Mittlerweile finden sich mehr oder weniger große Anteile Handelsware im Sortiment aller Fabrikanten und Großhändler. Während sich einige Betriebe dem Preiskampf gebeugt und sich komplett vom Hersteller zum Händler gewandelt haben, gibt es weiterhin Fabrikanten und auch Bestatter, die auf „Made in Germany“ setzen …

 

… vor allem im mittleren und höheren Segment. Die Vorteile: Qualität, Individualität, Lieferflexibilität und eine große Auswahl an Sondermodellen. Doch wie lange wird es diese Verlässlichkeit noch geben? Während die deutsche Wirtschaft insgesamt floriert, kann die inländische Sargindustrie von organischem Wachstum nur mehr träumen. Die Zahl der relevanten Produzenten hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als halbiert; der Trend zur Feuerbestattung hat dazu geführt, dass das stückzahlmäßig relevante Mittelklassesortiment der deutschen Sarghersteller, eine der tragenden Säulen der Inlandsproduktion, nahezu komplett weggebrochen ist. Produzierten die Hersteller mit mindestens 20 Beschäftigten im Jahr 2008 insgesamt noch 180.000 Särge, so waren es 2013 nur noch 107.400 Stück. Damit fiel der Anteil selbst produzierter Särge am Gesamtabsatz auf 47 Prozent. Gleichzeitig expandierte der Absatz aus Handelsware 2013 um 5,7 Prozent. Ihren Anfang nahm diese Entwicklung bereits in den 1980er Jahren. Damals kamen die ersten Importsärge aus der ehemaligen DDR sowie anderen Ostblockstaaten auf den deutschen Markt und setzten so die etablierten Sargfabrikanten unter Druck. Ab den 1990er Jahren weitete sich dieser Trend auf andere osteuropäische Länder aus, wobei die meisten Särge aus Polen und Tschechien eingeführt wurden. Mittlerweile spielen auch Slowenien, Bulgarien und Rumänien als Produktionsorte eine zunehmend große Rolle. Der bekannteste polnische Lieferant ist Lindner. 90.000 Särge lieferte das Unternehmen laut eigener Aussage im Jahr 2012 nach Deutschland. Den größten Umsatz macht der polnische Produzent mit kostengünstigen Verbrennungssärgen – und verarbeitet zum großen Teil deutsches Fichtenholz. Die deutsche Sargindustrie hingegen ist alles andere als exportstark, was nicht nur an den hohen Logistikkosten liegt. So bevorzugen Italien, Schweiz und Österreich Produkte aus inländischer Herstellung und verschließen sich deutschen Importen. In den Niederlanden und Belgien sind hochwertige Särge unüblich, und der Importmarkt in Großbritannien, wo auch günstige Einäscherungssärge auf dem Vormarsch sind, wird zum großen Teil von den USA und China beherrscht. Bleibt also nur, die inländische Nachfrage zu bedienen – solange diese noch besteht.

 

Billiger statt besser

Die Ursache der rasanten Importentwicklung ist vor allem der Trend zur Kremation, zu billigeren Produkten und einfachen Bestattungsformen sowie zu pflegeleichten Urnengräbern oder -feldern. Den Sarg bekommt die Trauergemeinde häufig gar nicht mehr zu Gesicht. Bestatter haben es daher schwer, Hinterbliebene im Beratungsgespräch von höherwertigen Produkten oder einer umfangreicheren, würdevollen Zeremonie zu überzeugen. Dabei werden Entscheidungen häufig aus Unwissenheit und Unerfahrenheit getroffen. „Welcher Hinterbliebene weiß schon, dass es keine speziellen Einäscherungssärge gibt, sondern dass alle Holzsärge gleichermaßen für die Verbrennung geeignet sind? Und welcher Hinterbliebene kennt schon die Möglichkeit der Abschiednahme am Sarg bei einer Kremation?“, so VDZB-Geschäftsführer Siegfried von Lauvenberg. Mit der Broschüre „Abschied gestalten“ will der VDZB informieren, aufklären und dem Trend zu Billigsärgen Einhalt gebieten. Doch dies ist nur möglich, wenn auch Bestatter sensibilisiert sind, die letztendlich selbst profitieren.

 

Verfechter der Inlandsproduktion

Qualitätstechnisch sind osteuropäische Särge den deutschen Produkten bereits auf den Fersen: Waren es anfangs ausschließlich einfache Kremationssärge, die importiert und teilweise in Deutschland lackiert, ausgeschlagen und beschlagen wurden, gelang es osteuropäischen Herstellern innerhalb weniger Jahre, sich durch die Qualitätsverbesserung ihrer Produkte auch in das mittlere und obere Preissegment vorzuarbeiten. Dies liegt nicht zuletzt an den Subventionen, mit denen neueste Maschinen angeschafft werden können – Investitionen, die sich für deutsche Sargproduzenten nicht mehr lohnen. So bleibt vielen deutschen Sargherstellern nichts anderes übrig, als sich ein zweites Standbein aufzubauen. Mit einem Importanteil von lediglich 20 Prozent in den unteren beiden Produktkategorien und 80 Prozent Eigenproduktion ist Bert Hassel, VDZB-Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Alki Sargfabrik, ein Verfechter deutscher Herstellung und vermittelt dies auch seinen Kunden. Bei diesen habe sich in den letzten Jahren die Spreu vom Weizen getrennt: „Einige achten nur auf den Preis, andere legen mehr Wert auf einen verlässlichen Lieferanten in der Nähe“, berichtet Bert Hassel. Er prognostiziert ein weiteres Schrumpfen der deutschen Sargindustrie, ist aber selbst fest entschlossen, sich nicht zu beugen: „Notfalls passen wir unsere Produktion weiter an.“ Bei seinen eigenen Produkten sei er sicher, dass sie nach hohen Standards hergestellt, selbst lackiert und auch transportiert werden, so der Sargfabrikant. „Die kürzeren Wege, unsere Transportmaßnahmen und Qualitätsmaßstäbe, die wir uns mit dem VDZB-Siegel selbst auferlegt haben, sichern dem Kunden eine hohe Stabilität. Da würde ich für manche Import-Särge nicht meine Hand ins Feuer legen. Dafür sind selbst gefertigte Särge natürlich auch teurer“, räumt er ein. Um dies auch den Bestattern zu vermitteln, investiert Bert Hassel viel in Kundenservice und Außendienst und versucht, auch Wechselkunden bei der Stange zu halten, indem er häufiger neue Produkte ins Sortiment aufnimmt. Schließlich haben auch Bestatter einen Ruf zu verlieren: „Wer nur auf den Preis achtet, handelt sich irgendwann unfreiwillig den Ruf des Billigbestatters ein.“ Doch Hassel weiß auch, dass viele Bestatter unter einem großen Kostendruck stehen, zumal der Feuerbestattungstrend sie zum Umdenken zwinge. Schließlich sei der Sargverkauf früher das Brot- und Buttergeschäft gewesen. Dennoch gebe es auch für Bestatter die Möglichkeit, den Hinterbliebenen zu vermitteln, dass ein Sarg nicht nur ein „Transportmittel“ vom Krankenhaus zum Krematorium, sondern ein wichtiger Teil der Abschiedszeremonie sei.

 

Großhändler mit Tradition

Die Firma Eberhard Hollmann mit Sitz nahe Bremen reduziert hingegen seit Jahren aus Kostengründen ihr deutsches Lieferantennetzwerk. Inzwischen stammen rund 95 Prozent der Särge aus Osteuropa, vor allem aus Polen, aber auch aus anderen EU-Ländern. „Die Firma Hollmann gibt es seit über 100 Jahren. Früher wurde nur deutsch gedacht und gekauft, doch da sich die Grenzen seit den 1980er Jahren immer weiter nach Osten bewegt haben, können sich die deutschen Produzenten preislich nicht mehr durchsetzen“, erzählt Stephan Lüllmann. Nach der Erfahrung des Außendienstes von Eberhard Hollmann versuchen zwar auch die Bestatter, höherwertige Särge zu verkaufen, jedoch hätten diese in der Weiterberechnung an ihre Kunden wesentlich mehr Spielraum als der Großhandel. „Bei uns geht es oft um einstellige Euro-Beträge“, sagt Stephan Lüllmann. Gleiches gilt für Sonderwünsche von Hinterbliebenen, die aufgrund des großen Preisunterschieds zur Standardware kaum noch realisiert werden. So aktivierte Stephan Lüllmann kürzlich sein Netzwerk, um für einen Kunden einen roten Sarg zu besorgen. Er rief einen befreundeten Hersteller an, der noch selbst lackiert, hätte auch Abholung und Lieferung selbst übernommen und veranschlagte so den geringstmöglichen Preis, um seinem Kunden und den Hinterbliebenen entgegenzukommen. Das Ergebnis: „Jeder nimmt gerne Sonderleistungen in Anspruch, aber wenn es ums Zahlen geht, entscheiden sich die meisten am Ende doch fürs Sparen.“ Dennoch gehe es nicht immer nur um den Preis. Bestatter wissen durchaus auch den Kundenservice und das Plus an Flexibilität zu schätzen. So liefere Eberhard Hollmann auch Nischenprodukte und Designsärge, die Bestatter selbst nicht lagern können, die aber durchaus von Zeit zu Zeit gewünscht werden.

 

Internationales Sortiment: Die Mischung macht´s?

Hochwertig verarbeitete Särge gehören auch zur Geschichte der Sargfabrik Heinrich Glunz, die bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht. Inzwischen kauft das Unternehmen einen Teil der Särge aus Osteuropa zu, wie Betriebsleiter Thomas May berichtet: „Wir haben alle Qualitäten im Sortiment, um Kunden mit unterschiedlichen Prioritäten bedienen zu können“, so Thomas May. „Kunden, die seit Generationen bei Glunz kaufen, kaufen auch weiterhin bei uns – da gibt es noch eine traditionelle Verbundenheit“, erzählt May, der jedoch bei der jüngeren Bestattergeneration einen Mentalitätswechsel feststellt: „Man gewinnt den Eindruck, dass es hier oft nur noch um Profit geht.“ Daher kaufe auch er in ganz Europa zu: Einfache Särge aus Polen, höherwertige aus Italien, und auch aus anderen EU-Ländern habe er bereits Särge bezogen. Die Händler kommen teilweise zu ihm, zu einem großen Teil kennt Thomas May die Produktionsstätten jedoch von einer persönlichen Besichtigung vor Ort. Die Importquote werde künftig noch steigen, prognostiziert der Betriebsleiter. Seine Maxime lautet jedoch weiterhin: persönliche Kundenberatung und -betreuung, ständige Erreichbarkeit, kurze Lieferzeiten und sicherer Transport durch eigene Fahrzeuge. Zum Service zählt auch die Erfüllung individueller Wünsche, bei der Thomas May auf seine Mitarbeiter vor Ort zählt.

 

Eine Hand wäscht die andere

Dies weiß nicht nur Mays Kundin Sylvia Tomaszewski vom gleichnamigen Bestattungshaus zu schätzen. „Mir ist einerseits die Qualität wichtig, andererseits liegt mir die Sicherung einheimischer Betriebe am Herzen, zu denen wir ja selbst auch gehören“, so die Bestatterin. Ihre Schwiegereltern haben den Betrieb vor 53 Jahren gegründet und kauften auch schon bei der Firma Glunz. „Kleine Reparaturen, unerwartete Bestellungen von zwei gleichen Modellen – bei solchen Problemen kann ich mich darauf verlassen, dass sie innerhalb weniger Stunden gelöst werden.“ Särge direkt aus Osteuropa zu beziehen, davon hält Sylvia Tomaszewski nichts. Sie erinnert sich an den Hausbesuch eines osteuropäischen Herstellers, der ihr einen Katalog vorlegte: „Wie soll ich denn von einem Foto die Qualität der Ware beurteilen?“, fragt sie. Der Vertriebsmitarbeiter konnte ihr noch nicht einmal sagen, ob die Särge aus dem Katalog ausgeschlagen sind. Darüber hinaus wurden die durchschnittlichen Lieferzeiten mit drei Wochen angegeben. So könne und wolle sie nicht arbeiten. „Ich möchte wissen und sehen, dass die Qualität stimmt, und nicht riskieren, dass etwa der Sargboden nicht hält, wenn ein Verstorbener etwas kräftiger ist.“ Im Endeffekt sei der Aufpreis für eine verlässliche Qualität gerechtfertigt. Da wolle sie auch keine Experimente riskieren. Schließlich habe sie einen Ruf zu verlieren.

 

Qualität als Gewissensfrage

Dies bestätigt auch Michael Menrath, Bestatter aus Nassau. Sein Bruder ist Schreiner und kennt sich bestens mit Holz aus. Spätestens nachdem er importierte, mit Holzbläue befallene Verbrennungssärge gesehen hat, die ohne mit der Wimper zu zucken ver- und gekauft wurden, entschied er sich gegen Importware und kauft auch Särge niedrigerer Kategorie ausschließlich in Deutschland. Darüber hinaus schätzt er die Geschäftsbeziehungen und auch den persönlichen Kontakt zur Alki Sargfabrik von Bert Hassel, die über Jahre gewachsen sind. Menrath betreibt sein Unternehmen in einer ländlichen Region, wo der Preisvergleich und die Internetrecherche noch keine große Rolle spielen: „Hier reden die Menschen noch miteinander“, sagt er und beobachtet auch, dass sich dies mit dem Aussterben der älteren Generation wandelt. So kann er in Ansätzen verstehen, dass sich Kollegen in urbaneren Regionen dem Preisdiktat unterwerfen. Was er nicht versteht, sind der Mangel an Respekt und Wertschätzung für die Verstorbenen sowie die Prioritätenverschiebung, die eng mit dem Sparwahn zusammenhängt. „Da wird für die Verbrennung ein absolut minderwertiger Sarg verwendet mit dem Argument, dass ihn auf dem Weg zum Krematorium ja niemand sieht. Ist dies ein Grund, einen Angehörigen so zu bestatten?“ Michael Menrath beobachtet, dass auch die Zeit ein immer wichtigerer Faktor für Bestatter und Angehörige geworden ist. Die Natur brauche 25 Jahre, der Mensch zwei Stunden, überspitzt er das heutige Tempo vieler Urnenbestattungen und ist froh darüber, dass in seiner Region noch immer 40 Prozent der Trauerfeiern am Sarg stattfinden und viele Angehörige die Gelegenheit ergreifen, sich am Sarg von ihren Verstorbenen zu verabschieden.

 

Regional total

Barbara Rolf, Bestatterin des Jahres 2013 mit Niederlassungen in Stuttgart und Leinfelden-Echterdingen, geht den goldenen Mittelweg: „Wir verkaufen mindestens 70 Prozent einfache Naturholzsärge – sowohl für die Kremation als auch für die Erdbestattung“, sagt sie und betont eine Besonderheit: „Importware lehnen wir allerdings grundsätzlich ab.“ Sie bezieht ihre Särge von der Sargfabrik Riebel, die seit 100 Jahren auf „Made in Germany“ setzt. Die Herstellung von Kremationssärgen in Deutschland hätte sich jedoch auch für Geschäftsführer Bernd Riebel nicht gelohnt, hätte Barbara Rolf nicht auf der einheimischen Produktion bestanden und dafür auch einen entsprechend höheren Preis in Kauf genommen. „Die Leute hier sind großenteils bodenständig und erdverbunden“, sagt Barbara Rolf. „Wenn ich ihnen erzähle, dass die Kiefern aus dem Schwarzwald kommen und die Särge in Deutschland gebaut wurden, bedeutet ihnen das etwas.“ Und auch der Bestatterin sind die regionalen, loyalen und menschlichen Aspekte wichtig. Sie lebe nicht vom Sarg, ihr Unternehmen verdiene an jeder Bestattung in etwa das Gleiche. „Wir haben einfach den Verkaufszwang nicht, ich muss den Menschen nichts aufdrängen.“ Sie ist der Meinung: „Am Sarg muss Herr Riebel verdienen, nicht ich. Mein Produkt ist die Beratung, seines der Sarg.“ So wie Sylvia Tomaszewski, Michael Menrath und Barbara Rolf denken jedoch nicht alle Bestatter, wie die Tendenz zum Import billiger, bereits vorproduzierter Industrieerzeugnisse auch bei Grabmälern und Bestattungswäsche zeigt. Bestattungen verkommen immer mehr zu Entsorgungen. Um dieser Entwicklung und diesem Verlust von Werten und Würde entgegenzutreten, bedarf es mutiger Bestatter, kompetenter Beratung und der Bewahrung der Loyalität zwischen Bestattungswesen und Sargproduktion „made in Germany“.