Ruhe in Frieden?

csm_Maret_Hosemann_pixelio.de_8ef7047375© Maret Hosemann/ pixelio.de

Die Dauer der letzten Ruhestätte gerät zunehmend in die Diskussion. Doch können ein Eingreifen in natürliche Vorgänge und technische Finessen tatsächlich helfen, die Fristen zu verkürzen?

 

Veränderte Lebensbedingungen machen für Viele die langjährige Pflege einer Grabstätte unmöglich. Daher suchen Ämter und Gemeinden immer wieder nach Möglichkeiten, die Ruhefristen zu verkürzen. Der Praxistest beweist jedoch zunehmend, dass es auch Möglichkeiten jenseits von Betonhülle und Urnenwand gibt.

 

Zur Definition: Unter Ruhefrist versteht man einen von der Friedhofsverwaltung festgelegten Mindestzeitraum, in dem eine Grabstelle nicht neu belegt werden darf. Dieser Zeitraum kann nun aber nicht etwa willkürlich verändert werden, er richtet sich vielmehr nach der Dauer der Leichenverwesung, die von der Beschaffenheit des Bodens abhängt. Denkt man beispielsweise an die aus TV-Krimis bekannten Moorleichen, bekommt man eine Ahnung vom Zustand einer Leiche, die auf einem Friedhof mit eher feuchtem, lehmigem oder torfhaltigem Bodenklima beigesetzt wurde.

 

Zersetzung in Rekordzeit
Was recht nüchtern, für manchen gar taktlos klingt, regt Fachleute zu kühnen Überlegungen und Forschungen an. So kamen Ende der 1990er Jahre die im Boden versenkten Betonkammern auf, die eine schnellere Zersetzung ermöglichen sollten. Mit spezieller Entlüftung und Drainagesystemen ausgestattet, liegen die Särge in diesen – vom Volksmund Turbogräber genannten –Grabstätten, die die Ruhefristen von rund 25 auf etwa 12 Jahre verkürzen sollen. Diese kurze Liegezeit mussten einige Kommunen allerdings schon wieder auf 20 Jahre nach oben korrigieren, weil der Prozess nicht so schnell erfolgte, wie erwartet. Außerdem bemängeln Kritiker, dass es sich um eine weder besonders umweltschonende noch preiswerte Lösung handele, bei der wohl eher der Profit anderer Branchen im Vordergrund stehe. Abgesehen von ethischen Anstößigkeiten, denn von einer würdevollen Art der Bestattung könne man hier kaum ausgehen. In diesem Fall würde es sich vielleicht eher lohnen, im Vorfeld über eine Feuerbestattung nachzudenken.

 

Umdenken statt Zeit sparen
Dass es bei dem Wunsch nach Verkürzung der Ruhefristen in erster Linie um die Verkürzung der Grabpflege geht, hat man in Dortmund schon vor mehr als fünfzehn Jahren erkannt und darauf reagiert: „Viele Menschen können oder wollen sich nicht viele Jahre um eine Grabstätte kümmern“, erläutert Ulrich Heynen vom Dortmunder Friedhofsamt, „daher haben wir schon vor Jahren die pflegefreie Grabstätte eingeführt, bei der die Stadt die Bepflanzung vornimmt.“ Das Bedürfnis nach namentlich gekennzeichneten Gräbern im Gelände sei nach wie vor groß, die wenigsten wollten eine Urnenwand, doch könnten viele Menschen die Pflege nicht mehr übernehmen. Daher hat Dortmund den Trend richtig erkannt und mit den pflegefreien Grabstätten reagiert. „Fläche gibt es ja genug, sodass wir neben den Urnengräbern auch pflegefreie Erdreihengräber anbieten können“, sagt Ulrich Heynen. Die Nachfrage ist groß, und statt die Betonkultur zu fördern, setzen wir daher auf Friedhöfe als Grünflächen in der Stadt.“ Das Konzept wird angenommen: Die Menschen nehmen die Naherholungsflächen an und tragen so zur Belebung der Friedhöfe bei. Daher dürfen auch Jogger und Fahrradfahrer die Friedhöfe nutzen, solange die Ruhe nicht gestört wird.

Ein weiterer Trend in Dortmund ist die Obstbaumbeisetzung. Hier wird, wie in einem bekannten Gedicht von Theodor Fontane „bei Herrn von Ribbeck auf Ribbeck“, auf das Grab ein Obstbaum gepflanzt. Auch in großen Städten wie Berlin oder Hamburg ist eine Verkürzung der Ruhefristen kein Thema. Im Gegenteil: „Die Überhangflächen würden damit ja noch mehr ausgedehnt“, erläutert Lutz Rehkopf, Leiter der Unternehmenskommunikation der Hamburger Friedhöfe. Es kommt also nicht so sehr auf die Ruhezeit als vielmehr auf einen verringerten Pflegeaufwand an. Vielleicht wird die Diskussion über verkürzte Ruhezeiten ja obsolet, sobald passende Alternativangebote den Pflegeaufwand minimieren.