Rollt die Sterbewelle an?

Rollt die Sterbewelle an?

von Michael Mühlichen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden  

Seit der Wiedervereinigung sind die Sterberaten in allen deutschen Regionen, bei beiden Geschlechtern und in allen Altersgruppen im Trend rückläufig. Regional betrachtet ist dieser Rückgang in den ostdeutschen Bundesländern besonders stark. Bei den Frauen hat die Lebenserwartung im Osten bereits nahezu das Westniveau erreicht, bei den Männern besteht noch eine Lücke von fast zwei Jahren. Dieser Angleichungsprozess fand vor allem in den 1990er Jahren statt, stagniert jedoch seit der Jahrtausendwende weitgehend.

Neben Ost-West-Unterschieden existiert auch ein Nord-Süd-Gefälle zugunsten der südlichen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern, die die höchste durchschnittliche Lebenserwartung aufweisen. Auch innerhalb der Bundesländer gibt es beträchtliche regionale Differenzen, sodass beispielsweise in Bayern in der Region um München die höchste Lebenserwartung Deutschlands herrscht, während die bayerischen Kreise entlang der Grenze zu Tschechien zu den Regionen Deutschlands mit vergleichsweise niedriger durchschnittlicher Lebenserwartung gehören. Auch innerhalb der Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Brandenburg ist das regionale Gefälle vergleichsweise hoch.

Frauen leben länger

Nach der neuen Sterbetafel 2010-2012 des Statistischen Bundesamtes ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen bei Geburt mit 82 Jahren und 10 Monaten um fünf Jahre höher als jene der Männer mit 77 Jahren und 9 Monaten. Neben einer biologisch-genetischen Differenz erklären auch nicht-biologische Faktoren wie ungesündere Arbeitsbedingungen und eine riskantere Lebensweise diesen Unterschied zugunsten der Frauen. Zudem wirken sich sozioökonomische Bedingungen bei Männern stärker auf die Lebenserwartung aus als dies bei Frauen der Fall ist. So ist auch die regionale Varianz der Lebenserwartung bei Männern größer: Sie ist in jenen Regionen bei Männern besonders gering, wo die sozioökonomischen Bedingungen vergleichsweise ungünstig sind, zum Beispiel in weiten Teilen der neuen Bundesländer und im Ruhrgebiet.

Woran stirbt man heute?

Die häufigsten Todesursachengruppen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bösartige Neubildungen (Krebs). In absoluten Zahlen betrachtet sind die Sterbefälle an Herz-Kreislauf-Krankheiten gesunken und jene an Neubildungen gestiegen. Jedoch hängt der Anstieg der Neubildungen mit der veränderten Altersstruktur zusammen, da der Anteil der Menschen in der für Krebs besonders relevanten Altersgruppe (40 bis 70 Jahre) in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist. Bei Standardisierung der Altersstruktur sind die Sterberaten für beide Krankheitsgruppen kontinuierlich zurückgegangen, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen jedoch in stärkerem Ausmaß.

Die absolute Sterbefallzahl steigt – die Lebenserwartung auch

Die absolute Zahl der Sterbefälle ist seit 1990 weitgehend konstant geblieben, mit zuletzt leichtem Anstieg auf 894.000 im Jahr 2013. Obwohl davon auszugehen ist, dass die Lebenserwartung weiter steigen wird und die altersstandardisierten Sterberaten weiter sinken, wird es zu einem Anstieg der absoluten Sterbefallzahl in den kommenden Jahren und Jahrzehnten kommen, da die geburtenstarken Jahrgänge inzwischen um die 50 Jahre alt sind und zunehmend in ein für die Sterblichkeit relevantes Alter vorstoßen. Der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes zufolge wird die Zahl der Gestorbenen sukzessive auf knapp über eine Million in den 2050er Jahren steigen bei gleichzeitigem Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung auf 84,8 bis 86,7 Jahre bei den Männern und 88,8 bis 90,4 Jahre bei den Frauen.

Auswirkung auf die Bevölkerungsentwicklung

Der Anstieg der Lebenserwartung bei zugleich dauerhaft niedriger Fertilität hat ein wachsendes Durchschnittsalter der Bevölkerung und einen steigenden Anteil von Menschen im Ruhestandsalter zur Folge. Weiterhin übersteigt die Zahl der Sterbefälle in Deutschland bereits seit den 1970er Jahren die Zahl der Lebendgeburten. Dies liegt an der seither niedrigen durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau von ca. 1,4 und dem kontinuierlich steigenden durchschnittlichen Alter der Mütter bei Geburt. Die Differenz der Gestorbenen zu den Geborenen wird jedoch noch weiter zunehmen, sodass ein Rückgang der Bevölkerungszahl künftig nicht mehr durch Wanderungsüberschüsse dauerhaft verhindert werden kann. Neben Zuwanderung könnten vor allem ein Anstieg der Geburtenziffer und ein Stagnieren des durchschnittlichen Gebäralters diese Entwicklung zumindest abmildern, aber eine solche Trendwende ist derzeit noch nicht in Sicht.