Reine Glaubenssache? – Interview mit Oliver Wirthmann

http://www.bundesverband-bestattungsbedarf.de/blog/wp-content/uploads/2018/04/Oliver-Wirthmann-reine-glaubenssache.jpgOliver Wirthmann ist Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur e.V.

Oliver Wirthmann ist Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur e.V. in Düsseldorf, Pressesprecher des Bundesverbandes Deutscher Bestatter e.V. und Mitverantlicher in der Geschäftsführung des BDB. Als Dozent im Bundesausbildungszentrum der Bestatter in Münnerstadt vermittelt er unter anderem kulturanthropologische Aspekte und religiöses Brauchtum.

 

Welchen Stellenwert hat Religion heute noch bei Bestattungen?

Religion ist ein weiter Begriff, eine Grundreligiosität ist bei den meisten Menschen auch ohne Kirchenbezug immer noch vorhanden, ist oftmals aber sehr diffus und teilweise vermischt mit fernöstlichen Anteilen und anderen Weltanschauungen. Konfessionelle Bestattungen sind hierzulande rückläufig und machen nur noch einen Anteil von gut 50 Prozent aus. Etwa 25 Prozent sind katholisch, 25 Prozent evangelisch. Einen weiteren, steigenden Anteil etwa in gleicher Größe machen die von Trauerrednerinnen und Rednern begleiteten Bestattungen aus, die zum Teil auch christliche Elemente wie Gebete einschließen. Oft findet jedoch gar keine Feier mehr statt. Dieses ‚Feuer ohne Feier‘ ist sowohl in ritueller wie in bestattungskultureller Hinsicht tragisch.

Die schwindende Rolle der Kirche bei Bestattungen ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sich Abschiede in der Vergangenheit in den Augen vieler Menschen oft zu sehr an den Vorgaben orientiert haben, zu ritualistisch sind und individuelle Elemente zu wenig Berücksichtigung fanden. Dies entspricht nicht mehr dem Zeitgeist. Rituelle Elemente geben jedoch auch Halt: So kann ein evangelischer Christ aus Nürnberg zu einer Beerdigung nach Kiel fahren und weiß, dass der Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ gelesen werden wird und die Verkündigung der Auferstehung im Vordergrund steht. In der katholischen Kirche ist es neben zahlreichen festen Ritualen das fürbittende Gebet, das Orientierung und Identität stiftet.

 

Werden Rituale auch ohne Religion verstanden?

Ein Ritus ist eine in wesentlichen Grundzügen vorgegebene Ordnung für die Durchführung zumeist zeremonieller, speziell religiöser und insbesondere liturgischer Handlungen. Im weiteren Sinne wird ein Ritual auch verwendet, um feste Gewohnheiten eines Lebewesens oder einer sozialen Gruppe zu beschreiben.

Rituale sind immer selbsterklärend, denn sie leben von Symbolen, nicht von Zeichen. Ein Verkehrszeichen etwa hat keine tiefere Dimension. Der Ritus hingegen steht in einem tieferen Zusammenhang, wie etwa eine rote Rose, die für die Liebe steht und daher beispielsweise als Geschenk an Kundinnen in einem Baumarkt reichlich deplaciert wäre. Der Ritus hält Menschen über die Religion hinaus zusammen. Wenn man ihn erklären muss, ist er schon gescheitert.

Auch die Bestattung lebt von religiösen Ritualen, wie der Verneigung, einem Kerzenritus oder dem Erdwurf, die auch von konfessionsungebundene Trauerrednerinnen und -rednern verwendet werden. Wenngleich sie christlich entlehnt sind, funktionieren sie in unserem Kulturkreis und dienen der Selbstvergewisserung der Gruppe. Darum ist es gut, dass man nicht bei jeder Bestattung damit beginnt, individuelle Rituale zu entwerfen. Künftig werden sich rituelle Elemente jedoch immer stärker mit inszenatorischen Anteilen vermischen. In der Neuzeit ist alles durchgestylt. Eine bloße Show ohne Rituale ist jedoch nicht mehr als eine Scheinvertröstung. Es muss ja nicht jeder Ritus bis ins Letzte verstanden werden.

 

Wie beeinflusst die deutsche Bestattungs- und Trauerkultur Migranten?

Wir stellen eine gegenseitige Beeinflussung und Inkulturation bei der Bestattungskultur fest. Migranten übernehmen durchaus Inhalte der deutschen Bestattungskultur. Nicht alle Muslime lassen sich im Tuch bestatten. Nehmen Sie etwa die 2014 getötete Studentin Tugce Albayrak, die in einem Sarg bestattet wurde, auf dem eine Koranfahne und ein weißer Schleier drapiert waren. Es gibt große Bandbreiten und ein sehr ambivalentes Bild, das sich auch auf dem Friedhof deutlich in Gräberfeldern für Muslime, Hindus oder Buddhisten zeigt. Auch gibt es immer mehr säkuläre Trauerfeiern mit weltlicher Musik und nicht-religiösen Elementen oder aus anderen Religionen entlehnte Elemente wie bunte Blumen oder Blütenblätter.

 

Gibt es bestimmte Rituale bei der Bestattung, die sich in den großen Weltreligionen gleichen oder ähneln?

Durchaus! Bestimmte Elemente ähneln sind auf der ganzen Welt frappierend: Bei allen religiösen Bestattungen sind etwa Waschungen ein Grundbestandteil und stehen für das Rein-Werden, Tränen Abwaschen und Vorbereiten für eine Reise – wohin auch immer, je nach Glaubensausrichtung. Auch der Erdwurf wird häufig vollführt; Elemente wie Licht oder Wasser spielen eine große Rolle.

Obgleich verschiedene Rituale unterschiedlich konnotiert sind und interpretiert werden, weisen sie gemeinsame Inhalte auf. Damit wirft sich ein beredter Schatten auf eine Tendenz, die wir in Deutschland auch beobachten, wo in einer reinen Pragmatik der Tod oft zum Entsorgungsproblem degradiert wird. Dazu ist zu sagen, dass nicht alles, was technisch möglich wäre, auch ethisch geboten ist – selbst dann nicht, wenn es zum Teil ökologisch sinnvoll ist. Gerade weil Abschied und Trauerprozesse von den Religionen der Welt aufgefangen werden, sind diese so wichtig und notwendig.

 

In vielen Kulturkreisen gibt es keine Bestatter – die Familie übernimmt sämtliche Aufgaben. Wie greift ein Bestatter hier sinnvoll und sensibel ein?

Der Bestatter muss in unserer Zeit in jeder Weise kundig sein und die religiösen Rituale der Weltreligionen kennen. Doch darf er auf dieser Basis Angehörige nicht brüskieren und übervorteilen, sondern sollte dringend im Gespräch Wünsche und Vorstellungen gemäß der Ausprägung der religiösen Tradition oder Überzeugung klären. Mit der fachlichen Kompetenz, die wir in unserem Ausbildungszentrum in Münnerstadt vermitteln, sind Bestatter in der Lage, helfend auch Menschen aus anderen Kulturen zu begleiten und sich zu öffnen. Da geht es um Kulturanthropologie, Ritus, Inszenierung, Symbole und Zeichen, Jenseitsvorstellungen, Soziales und religiöses Brauchtum. So kann ein Bestatter beispielsweise der Familie des Verstorbenen seine Räumlichkeiten für eine traditionelle muslimische Waschung zur Verfügung stellen, statt diese – wie sonst üblich – selbst zu übernehmen.

 

Wie kann sich die Zulieferindustrie auf immer mehr multikulti einstellen?

Ich denke, dass sich auf Dauer auch die Bestattungsgesetze der Bundesländer unter dem Druck durch veränderte Weltanschauungen und Migration ändern werden. Ich vermute, dies wird zu einer breiteren Produktpalette führen, die sich auf andere Bestattungsrituale kapriziert. Die Zulieferindustrie sollte sich mit der Gesellschaft verändern und sollte den Mute haben, veraltete Inhalte und Formensprachen über Bord zu werfen, wenn es an der Zeit ist. Dafür muss sie sich auch in ästhetischer Hinsicht auf andere Bedürfnisse und Vorlieben einstellen.

 

(Wie) kann Integration auf dem Friedhof gelingen?

Im Rahmen der gewerkeübergreifendenden Initiative „Friedhof hat Zukunft“ haben wir acht Thesen entwickelt, warum der Friedhof Zukunft hat. Er muss seine Tore öffnen für Menschen unterschiedlicher Kulturen und Weltanschauungen und wird kein singulärer Ort für Christen und Moslems bleiben, sondern viele Weltanschauungen in einer großen Bandbreite von Bestattungsmöglichkeiten und Grabarten, pflegefreie Gemeinschaftsgrabanlagen, Wahlgräber, Urnenstelen, etc. auf sich vereinen.

Der Friedhof sollte ein Ort der Integration sein, auf dem sich Menschen darüber austauschen, wie die Gesellschaft über den Tod und ein Leben danach denkt. Voraussetzung dafür ist eine offenere und individuellere Gestaltung als Basis für einen verbindenden Dialog.