Recht und Ordnung

csm_krawuttke_klein_17_61b4522fa8© echtgemalt

Wissen Sie, warum es in Deutschland so schön ist? Natürlich wissen sie das. Jeder hat da seine ganz persönlichen Ansichten. Ob Landschaft, Menschen, das Essen oder die Autos. Aber für mich gibt es eigentlich nur einen Grund. Und das ist der deutsche Ordnungssinn. Der saubere Strich, die akurate Planung, Paragraphen, Gesetze, Normen, Verfügungen.

 

Das alles ist nirgendwo auf der Welt so durchdacht und lückenlos für nahezu jeden Lebensbereich geplant wie bei uns in Deutschland. Manche regen sich darüber fürchterlich auf. Aber ich finde das herrlich. Ordnung! Sicherheit! Klarheit! Klar wie Klosbrühe. Dies ist erlaubt und das ist verboten. Schwarz oder weiß. Kein „Wenn“ und kein „Aber“.

Wenn es denn noch so wäre. Aber die Zeiten sind vorbei. Ich sag nur EU, Globalisierung und was weiß ich. Jedenfalls ist Schluss mit der alten Ordungseeligkeit. Mein Großvater, der alte Wilhelm Krawuttke, sagte damals immer: In Deutschland brauchst Du dir als Bestatter keine Sorgen zu machen. Niemals wird es eine Behörde erlauben, dass ein Leichnam irgendwo von irgendwem und ohne einen anständigen Sarg vergraben wird. Ja, daran hat er fest geglaubt bis zu seinem letzten Tag, unser alter Herr. Und was würde er heute sagen? Im Grab würde er sich umdrehen, wenn er noch könnte.

Aber was nützt das Klagen. Wenn auch nichts mehr ist wie früher. So ganz im Chaos versunken wie andere Länder sind wir hier noch nicht. Eine gewisse Grundordnung ist immer noch vorhanden. Denn der Deutsche an sich ist und bleibt ein gesetzestreuer Bürokrat. Und wenn etwas irgendwo festgelegt und geregelt ist, dann wird das auch so umgesetzt. Da hilft auch kein gesunder Menschenverstand. Das habe ich neulich am eigenen Leib erfahren, als ich mit meinem Dienstwagen zu einem Todesfall in einem Haus unterwegs war, das mitten in der Fußgängerzone lag. Natürlich fahre ich da mit dem Bestattungswagen bis zum Hauseingang vor, Fußgängerzone hin oder her. Das machen wir schon seit Jahren so. Schritttempo und ein ernster vielsagender Blick und schon öffnet sich die Rettungsgasse, oder wie immer man das in unserem Fall auch nennen mag. Doch was jahrelang im Einklang mit Recht und Ordnung war, ist heutzutage nicht zwangsläufig auch noch so. So zum Beispiel nach Ansicht des blau uniformierten Ordnungshüters, der uns mit einem resoluten Handzeichen auf unseren Weg durch die Fußgängerströme mit den Worten stoppte: „Wissen Sie, dass das hier eine Fußgängerzone ist?“. „Natürlich wissen wir das“, antwortete ich freundlich. „Aber wir sind auf dem Weg zu einem Todesfall. Und der Herr wohnt leider mitten in der Fußgängerzone.“

Unser Ordnungsfanatiker überlegte kurz und schüttelte dann energisch den Kopf. „Lieferverkehr nur bis 10.00 Uhr und nach 18.00 Uhr.“ Reflexartig schaute ich auf meine Uhr. Es war kurz nach 15.00 Uhr. „Wir sind doch kein Lieferverkehr“, erwiderte ich erbost. „Ach ja, und was sind Sie dann?“, fragte der Ordnungshüter. „Wir sind ein….aäääh… ein  Personentransport “, fiel mir dann noch schnell ein. „Personentransport in der Zeit von 10.00 bis 18.00 Uhr nur in Notfällen oder mit Ausnahmegenehmigung,“ hieß es dann. So ging es noch eine Weile weiter. Und wie sie sicher schon ganz richtig vermuten, konnten wir letztlich unseren „Personentransport“ erst nach 18.00 Uhr ausführen.

Denn was nützt es schon mit so verbohrten Ordnungsfanatikern zu diskutieren? Für die zählt doch nur der saubere Strich, die akurate Planung, Paragraphen, Gesetze, Normen, Verfügungen. Fürchterlich engstirnig finde ich das, als wenn es nur Schwarz oder Weiß, richtig oder falsch gäbe. Ja, wo leben wir denn?

Am nächsten Tag wollte ich mich bei der Behörde über das Verhalten des jungen Beamten beschweren. Aber der Behördenleiter lächelte nur und meinte, das wäre sein bester Mann gewesen. Er empfahl mir, einen Passierschein für schlappe 500 Euro im Jahr zu erwerben. Dann könnte ich ungehindert zu jeder Tageszeit passieren. Erbost über solche Mafiamethoden verließ ich laut fluchend das Amt. Die Strafanzeige wegen Beamtenbeleidigung folgte zwei Wochen später.