Nur ein Hund? – „Es geht um den Verlust eines geliebten Wesens“ (Interview mit Claudia Pilatus)

Es geht um den Verlust eines geliebten Wesens.Es geht um den Verlust eines geliebten Wesens.

Claudia Pilatus ist freie Autorin und Beraterin für Positive Psychologie. Sie studierte Psychologie und schreibt auf ihrer Website www.leben-erklaeren.com über Themen des psychologischen Wohlbefindens. Sie lebt mit ihrem Hund in Neuss am Rhein. 2006 veröffentlichte sie mit Gisela Reinecke das Buch „Es ist doch nur ein Hund“, das sich mit der Trauer über den Tod unserer Haustiere befasst.

 

Wie unterscheidet sich die Trauer um ein Tier von der Trauer um einen Menschen? 

Die Trauer unterscheidet sich grundsätzlich nicht. Es geht immer um den Verlust eines geliebten Wesens, um eine emotionale Beziehung, auf deren Ende wir mit einer Emotion – Trauer – reagieren.

Da sich die geliebten Wesen unterscheiden, unterscheidet sich die Trauer bzw. das Fehlen, das Vermissen allerdings doch. Mit einem Haustier teilen wir andere Verhaltensweisen – Spazieren, Bürsten, Füttern, Spielen – als mit einem Menschen. Die nonverbale Kommunikation spielt im Zusammenleben mit Tieren eine viel größere Rolle. Die Trauer unterscheidet sich auch in einem Aspekt, den wir uns zunächst nicht gern eingestehen: Wir können uns wieder ein Tier anschaffen. Die meisten Menschen tun es auch, weil ein Tier am besten tröstet. Aufgrund der vergleichsweise kurzen Lebensdauer von Hunden und Katzen liegt es sogar nahe.

Selbstverständlich ist das individuelle Haustier unersetzlich. Die Persönlichkeit spielt eine so große Rolle, dass ein Mensch, der mehrere Hunde in seinem Leben hatte, doch unterschiedlich um sie trauern kann. Das gilt ebenso wie für Menschen, um die wir trauern. Dennoch gibt es in menschlichen Beziehungen noch “unersetzlichere“ Verluste: Wenn Kinder sterben, sind sie für die Eltern unersetzlich. Eltern sind unersetzlich – obwohl die Chronologie des Sterbens trösten kann. Erwachsene Kinder sollten darauf eingestellt sein und bereit sein, die alten, kranken Eltern bis zum Tod zu begleiten. Tiere, um die wir uns liebevoll kümmern, können uns sensibler machen.

 

Wie reagiert das Umfeld von trauernden Herrchen oder Frauchen? Erfahren viele Unverständnis nach dem Motto „Es ist doch nur ein Tier“?

Das Umfeld der Tierhalter reagiert durchweg verständnisvoll. Manch einem kommen noch nach Jahren wieder die Tränen in die Augen, wenn die Nachbarin vom Tod ihrer Katze erzählt. Unter Hundehaltern, die bei Spaziergängen oder Sport mit dem Hund Bekanntschaften, Gruppen, sogar Freundschaften bilden, verbreitet sich die Nachricht vom Tod eines bekannten Hundes meist wie ein Lauffeuer. Alle sind betroffen. Alle freuen sich aber auch andererseits, wenn der zurückbleibende Mensch bald mit einem Nachfolger-Hund das Band der Liebe wieder aufleben lässt – ja „untreu“ wird, wie schon Konrad Lorenz es bemerkt hat. Daneben gibt es das andere Umfeld. Menschen, die die Zuneigung zu einem Tier nie erfahren haben bzw. in ihm nur eine Sache sehen, können die Trauer nicht nachvollziehen. Bei ihnen wird ein Mensch, der um sein geliebtes Tier trauert, auf Unverständnis stoßen. Darum haben wir damals für unser Buch den Titel „Es ist doch nur ein Hund“ gewählt, um die Bedeutung, die Würde eines jeden Lebewesens zu betonen und auch auf die „Unbeweinten“ hinzuweisen.

Da insbesondere Hunde helfen soziale Kontakte zu knüpfen, werden Trauernde sich vor allem in diesem Netz äußeren – und folglich weitestgehend auf Verständnis stoßen.

Trauerforen bieten auch Katzenliebhabern in der Trauer heute mehr Möglichkeiten, den Schmerz über den Tod ihrer Katze zu teilen.

 

Wie kann ein Bestattungsritual oder die liebevolle Pflege eines Grabes im Trauerprozess hilfreich sein? 

Das Bestattungsritual ebenso wie die Pflege eines Grabes kann helfen, der Zuneigung, der Fürsorge, die mit dem Tod des geliebten Wesens ins Leere laufen, ein Ziel zu geben, die Gefühle aufzufangen.

Wir haben in der ersten Zeit der aufgeregten Trauer die Möglichkeit zur Ruhe zu kommen, uns noch zu kümmern, die Beziehung umzugestalten. Auf einem Tierfriedhof kann man vielleicht mit anderen Trauernden ins Gespräch können. Diese Zeit kann sehr unterschiedlich in ihrer Dauer sein. Wenn jemand sein Leben nicht mehr mit einem Tier teilen kann, kann die Zeit lang sein. Andererseits weiß ich auch von einem Bekannten, der fünf Jahre nach dem Tod seiner Frau noch immer an jedem Sonntag das Grab seiner Frau und das Grab des letzten gemeinsamen Hundes auf dem einige Kilometer weiter entfernten Tierfriedhof besucht – seit vier Jahren gemeinsam mit seinem „neuen“ Hund!

Für andere wiederum reicht die Beerdigung, die Einäscherung oder auch nur der Abschied beim Einschläfern. Sie haben ihr Tier herzlich geliebt und wollen ihre Liebesfähigkeit bald weitergeben.

 

Tröstet der Gedanke daran, die Asche seines Hundes oder seiner Katze nach dem eigenen Tod mit ins Grab nehmen zu können? 

So ein Gedanke kann trösten. Ob jemand Trost in einer solchen Aktion findet, hängt mit den sehr persönlichen Vorstellungen zusammen, die wir von dem Leben nach dem Tod haben, und mit dem Stellenwert des Haustieres als Familienmitglied und Lebensgefährte.

 

Was halten Sie nach trauerpsychologischen Aspekten von Tierurnen zuhause oder ausgestopften bzw. präparierten Tieren?

Es ist so, dass es uns manchmal schwerfällt, uns das Bild des gestorbenen Tieres vor Augen wachzurufen, dann ist es wieder ganz klar vor uns. Da sollten wir uns ganz auf unsere Sensibilität verlassen. Der Klang der Stimme, die Berührung, der Geruch. Dafür brauchen wir eigentlich weder eine Urne und schon gar kein Präparat.

Die Urne kann – wie vorher zum Bestattungsritual ausgeführt – besonders in der ersten Zeit nach dem Tod helfen, die Beziehung umzugestalten. Dass diese Beziehung nun „körperlos“ ist, ist ein wesentlicher Aspekt des Lebens und seiner Vergänglichkeit und seiner Erneuerung.

Ein Tierpräparat kann meiner Ansicht nach darum in einer gesunden Trauer nicht helfen.

Es will etwas festhalten, was nicht mehr da ist. Trauer ist Abschied, die berechtigte und notwendige Emotion auf Verlust. Sie braucht ihre Zeit und kann immer wieder noch mal aufflammen; wenn einem die Tränen bei der Erinnerung an den gestorbenen Hund wieder in die Augen kommen, obwohl der Nachfolger schon da ist. Trauer bleibt nicht ewig.

„Nimm Abschied und gesunde“ heißt es nicht umsonst im Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Um einen gesunden, positiven Abschied nehmen zu können, ist die Zeit des Innehaltens in der Trauer wichtig. Sie ist sehr persönlich. Sie tut weh, kann kürzer oder länger sein, gibt Zeit zum dankbaren Rückblick und gibt Mut, wieder nach vorn zu sehen. Sie hilft, Trost zu finden. Im wahrsten Sinne des Wortes trennen sich die Wege von sich liebenden Lebewesen – ob Mensch und Mensch oder Mensch und Tier. Das ist eine besondere, einzigartige Zeit. Es ist sinnvoll, diese je nach persönlichem oder kulturellem Hintergrund mit einem Bestattungsritual oder auch privaten Gesten zu begleiten.