Mit Gottes Segen? Die kirchliche Bestattung Suizidtoter

Prof. Dr. Ursula Roth ist Professorin für Praktische Theologie an der Goethe Universität Frankfurt am Main.

Prof. Dr. Ursula Roth ist Professorin für Praktische Theologie an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Als Praktische Theologin beschäftigt sie sich wissenschaftlich mit christlicher Praxis in Kirche und Gesellschaft. Derzeit begleitet Prof. Roth ein Forschungsprojekt über Suizidbestattungen und kommt zu dem Schluss: Obgleich sich die Kirchen offiziell lange schwer getan haben mit der Bestattung Suizidtoter, sind auch in historischen Predigten immer wieder Momente von Empathie und Trost zu finden. Und: Ein differenzierter Sündenbegriff kann bei der Auseinandersetzung mit dem Suizid helfen.

 

Ist der Suizid im theologischen Sinne grundsätzlich eine Sünde?

Die theologische Reflexion des Themas Suizid hat sich in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend gewandelt. Während die Selbsttötung im theologischen Kontext lange als Sünde galt, wird sie in der Theologie seit geraumer Zeit neu in den Blick genommen: Man bemüht sich, auf Suizid nicht mehr mit moralischen Verurteilungen zu reagieren, sondern dessen vielschichten Kontext zu berücksichtigen und ihn primär als Herausforderung zu seelsorglichem Handeln zu begreifen.

 

Wie definieren Sie „Sünde“ im theologischen Sinne?

Als ‚Sünde‘ gilt in der Theologie, was dem Schöpferwillen Gottes entgegensteht, d.h. ein Leben, das in einem verkehrten Wirklichkeitsverständnis wurzelt. In diesem Sinne lässt sich Suizid als Sünde verstehen, denn die Selbsttötung widerspricht dem Glauben, dass Leben ein Geschenk ist. Dabei muss die Frage nach Sünde deutlich von der Frage nach individueller Schuld unterschieden werden. Die Schuldfrage lässt sich bei einem Suizid nicht leicht beantworten, da sich für jeden Suizid sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Gründe finden lassen. Als ‚Sünde‘ lassen sich immer auch strukturelle Zusammenhänge begreifen, in die Menschen hineinwachsen, somit auch jene Umstände, die Grund für einen Suizid sein können – Leid, Krankheit, Einsamkeit –, auch sie entsprechen nicht dem Bild des von Gott geschaffenen Lebens. Der Suizid wird also theologisch abgelehnt, ohne dass dies mit der moralischen Verurteilung des Suizidenten verbunden sein muss.

Bereits in historischen Bestattungspredigten von Suizidenten ist die Einsicht zu erkennen, dass man Menschen für den Suizid nur bedingt verantwortlich machen kann. Gewalterfahrungen im Krieg oder im privaten Umfeld, aber auch psychische Erkrankungen können zum Suizid führen. Es gibt Predigten aus dem 19. und 20. Jahrhundert, aus denen – ungeachtet der theologischen Verurteilung des Suizids – durchaus Verständnis und Empathie für Suizidenten spricht, gerade angesichts traumatischer Lebensumstände.

 

Woher kommt dieser schrittweise Sinneswandel?

Zum einen ist diese Neubeurteilung durch die psychologische und soziologische Erforschung der komplexen Motive eines Suizids bedingt. Angesichts der Diskussion um die ethische, religiöse und rechtliche Einschätzung von aktiver und passiver Sterbehilfe, des assistierten Suizids sowie von Grenzfällen der Palliativmedizin, aber auch der steigenden Zahl von Alterssuiziden zeigt sich, dass sich oft gar nicht eindeutig sagen lässt, wann überhaupt von einem Suizid gesprochen werden kann. Zum anderen hat auch in der Theologie ein Umdenken stattgefunden. Im Vordergrund steht nicht die moralische Verurteilung des Suizids, sondern die Prävention vor Suizid sowie die seelsorgliche Begleitung von Angehörigen.

 

Wie wirkt sich das auf das Bestattungsritual und die Ansprache aus?

In jeder Bestattungsfeier – von den liturgischen Texten und rituellen Handlungen bis hin zur individuell gestalteten Ansprache – wird der Tod eines Menschen im Licht des christlichen Verständnisses von Leben, Sterben und Tod gedeutet; das hilft Trauernden bei der Auseinandersetzung mit dem erfahrenen Verlust. Das Bestattungsritual ist wie eine Antwort auf die Frage danach, was dem Leben trotz allem Sinn gibt, was Bestand hat.

Kaum ein anderer Todesumstand verursacht so ambivalente Gefühle und wirft offene Fragen auf wie die Selbsttötung einer nahen Bezugsperson – Trauer, Wut, Schuldgefühle, Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Schuld und dem Recht auf den eigenen Tod, nach dem göttlichen Willen und der menschlichen Freiheit. Die Kompetenz von Pfarrerinnen und Pfarrern, Angehörige bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Tod zu begleiten, spielt gerade bei Suizidbestattungen eine entscheidende Rolle. Denn meist geht dem Suizid eine Phase voraus, in der sich Menschen aufgrund von Einsamkeit oder Schmerzen verzweifelt und verlassen fühlen; Angehörige finden dann häufig keinen Zugang. Diese Isolation zumindest im Nachhinein zu durchbrechen, den Kontext dieser Tat zur Geltung zur bringen und Worte zu finden, die dem Gefühlschaos Ausdruck verleihen und zugleich eine Perspektive der Hoffnung aufzeigen, ist im Rahmen der Suizidbestattung eine zentrale Aufgabe.

 

Wie werden Predigerinnen und Prediger auf Suizidbestattungen vorbereitet?

In neueren Bestattungsagenden und Praxishilfen gibt es seit einigen Jahren separate Abschnitte zur Praxis der Bestattung Suizidtoter. Regelmäßig werden dort Ansprachen, Textbausteine und liturgische Modelle für die Bestattung von Suizidenten publiziert. Eine theologische Reflexion des Suizids findet dort allerdings eher selten statt. Dies erschwert einen sachgerechten Umgang mit dem Thema. Diese Einsicht war Ausgangspunkt eines Forschungsprojektes zu Bestattungen Suizidtoter, das derzeit an der Universität Frankfurt durchgeführt wird.

 

Wie unterschied und unterscheidet sich die Einstellung der beiden christlichen Kirchen zur Sterbehilfe?

2015 gaben die katholische und die evangelische Kirche anlässlich der Beratungen des Bundestages zum Thema Beihilfe zum Suizid eine gemeinsame Stellungnahme ab. Dabei sprachen sie sich strikt gegen jede Form von assistiertem Suizid aus. Der Grund: Aus christlicher Sicht ist das Leben eine Gabe Gottes; daher entspricht der Suizid nicht dem Willen des Schöpfers. Statt für die Legalisierung des assistierten Suizids sprachen sich die Kirchen für einen Ausbau der Palliativmedizin aus. Doch gerade in der Palliativmedizin werden die Grenzen zur Beihilfe zum Suizid unscharf, etwa in Situationen, in denen auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet wird, oder wenn gebilligt wird, dass es aufgrund schmerzlindernder Medikamente zum früheren Eintritt des Todes kommen kann.

 

In welchem Zusammenhang steht die Einstellung der Kirchen mit der öffentlichen Diskussion und der medizinischen Forschung?

Die theologische Forschung steht mit der öffentlichen Diskussion und dem Fachdiskurs der Medizin in engem Austausch. Insgesamt lässt sich eine Enttabuisierung des Themas beobachten. Doch es gibt auch Momente der Pathologisierung des Suizids. Laut Pressestatement zum Welttag der Suizidprävention 2018 stehen bis zu 90 Prozent der Suizide im Zusammenhang mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. So entlastend diese Erkenntnis sein mag, ist sie nicht unproblematisch. Sowohl die gesellschaftlichen Umstände eines Suizids als auch das individuelle Moment des Suizids droht so überdeckt zu werden.

In der Theologie versucht man hingegen, der Komplexität des Suizids gerecht zu werden. Natürlich sind sich alle Christen einig, dass grundsätzlich versucht werden muss, Suizid zu verhindern. Und doch ist auch die Einsicht wichtig: Es gibt individuelle Situationen von Leid, die sich dem moralischen Urteil entziehen. Das hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) deutlich hervorgehoben: „Man wird […] zu respektieren haben, wenn ein anderer in solcher Lage zu der Entscheidung gelangt, sein Leben zu beenden, und wenn Dritte ihm dabei helfen, auch wenn man selbst dies nicht bejahen kann oder tun könnte. Wer Situationen schweren Leidens erlebt hat, der wird sich hier jedes Urteils enthalten. Und vielleicht weiß er auch um den tiefen Gewissenskonflikt, der in solchen Situationen aus der eindringlichen Bitte um Beistand bei der Beendigung des eigenen Lebens erwachsen kann. Ja, es mag Grenzfälle geben, in denen Menschen sich um eines anderen willen genötigt sehen können, etwas zu tun, das ihrer eigenen Überzeugung und Lebensauffassung entgegensteht.“ (Wenn Menschen sterben wollen. Eine Orientierungshilfe zum Problem der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung, EKD-Texte 97, 2008, S. 29)

 

Welche Veränderung würden Sie gerne in der Suizidbestattung sehen?

Bestattungen von Suizidtoten sind vielfach von Unsicherheit und Verlegenheit gekennzeichnet. Bis heute gibt es Ansprachen bei Suizidbestattungen, bei denen die konkrete Todesursache – jemand hat sich das Leben genommen – keinerlei Erwähnung findet. Mein Wunsch wäre, dass sich Pfarrerinnen und Pfarrer intensiv mit dem Thema Suizid auseinandersetzen und auf diese Weise überlegt und sensibel Angehörige begleiten können. Es ist wichtig, dass sie auch angesichts des Suizids sprach- und handlungsfähig sind. Dazu gehört auch, dass sie den Gefühlen und Fragen von Angehörigen Ausdruck verleihen können. Das beginnt bereits bei der Begrifflichkeit: Wer vom ‚Selbstmord‘ spricht, deutet die Tat bereits als ein Verbrechen. Aber auch die Rede vom ‚Freitod‘ ist irreführend, da der Tod auf diese Weise als eindeutig positiver Weg in die Freiheit zu stehen kommt. Gerade in der Bewältigung eines Todesfalls bedarf es einer sensiblen und zugleich klaren Sprache.

Ein Gedanke, der für jede evangelische Bestattung, so auch für jede Suizidbestattung wichtig ist: Fundament des Glaubens ist die Gewissheit, dass wir gerechtfertigt sind, angenommen und geliebt, nicht aufgrund eigener Leistung, sondern aufgrund der Gnade Gottes. Das bedeutet: Mein Leben ist wertvoll, ganz unabhängig davon, was ich in meinem Leben geleistet habe oder was mir gelungen ist. Dieser Gedanke spielt gerade bei Bestattungen eine große Rolle, da hier die Frage nach der ‚Bilanz‘ eines Lebens besonders greifbar ist. Er gilt aber auch umgekehrt: ich bin gerechtfertigt auch angesichts all dessen, was mir nicht gelungen ist, womit ich mich gescheitert sehe. Diese Gewissheit gilt es gerade an den Gräbern von Suizidenten zur Geltung zu bringen, deren Tod in der Gesellschaft häufig als Zeichen des Scheiterns gedeutet wird.