Mit dem Gesicht gen Mekka – Muslimische Bestattungen in Deutschland

csm_Titelbild_e71520a0ebMuslimische Bestattung. © Bernd/fotolia.de

Laut offiziellen Schätzungen leben bis zu 4,3 Millionen Muslime in Deutschland. Der Großteil von ihnen wird nach dem Tod zur Beisetzung in sein Heimatland überführt. Dennoch erwarten Experten in den nächsten Jahrzehnten einen deutlichen Anstieg islamischer Bestattungen in Deutschland.

 

Viele Bundesländer und Kommunen haben auf diese Entwicklung reagiert: mit der Überarbeitung ihrer Bestattungsgesetze und der Anpassung von Friedhofssatzungen. Ein zentraler Aspekt islamischer Bestattungen ist die Beisetzung des Verstorbenen ohne Sarg. Dass immer mehr deutsche Bestattungsgesetze und Kommunen eine sarglose Beisetzung erlauben, liegt in der Zunahme islamischer Bestattungen in Deutschland und in der Arbeit zahlreicher islamischer Verbände, Organisationen und Arbeitsgemeinschaften begründet. Sie bemühen sich unter anderem in Zusammenarbeit mit Friedhofsverwaltungen darum, Muslimen in Deutschland Beisetzungen nach islamischem Brauch zu ermöglichen. Dabei ist es nicht ausschließlich die Beisetzung im Leichentuch, die eine islamische Bestattungszeremonie von einem christlichen Begräbnis unterscheidet.

 

Waschung und Totengebet

Nach dem Tod eines Muslims erfolgt die rituelle Waschung des Leichnams. Sie wird von einer Person des gleichen Geschlechts vorgenommen, die sich zuvor ebenfalls rituell gereinigt haben muss. Bei männlichen Toten übernimmt meist der Imam, der Vorbeter der muslimischen Gemeinde, die Waschung. Bei einer Frau ist ein weibliches Familienmitglied oder eine nahe Angehörige dafür zuständig. Für die Waschung wird der Verstorbene auf den Rücken gelegt und Richtung Kaaba* gebettet. Danach erfolgt die Einwicklung des Leichnams in den Kefen, ein weißes Leichentuch ohne Nähte. Ist der Körper umhüllt, wird der Kefen an beiden Enden festgeknotet. Im Anschluss beten der Imam und die anwesenden Personen ein rituelles Totengebet – die (Al-)Fatiha. Die erste Sure (Abschnitt) des Korans dient bei Beisetzungen als allgemeines Totengebet.

 

Ohne Schuld vor Allah

Nur wenigen ist ein entscheidender Bestandteil der islamischen Bestattungsriten bekannt, der zwischen Totengebet und Beisetzung liegt. Bevor der Verstorbene zum Grab getragen wird, fragt der Imam die Gemeinde, ob der Tote bei einem der Anwesenden Schulden hat. Diese Frage bezieht sich nicht nur auf finanzielle, sondern auch auf nicht-materielle Verpflichtungen. Denn nur, wenn der Verstorbene schuldenfrei ist, kann er nach islamischen Glauben ohne eine Last vor Allah treten. Bekundet einer der Anwesenden beispielsweise finanzielle Rückstände des Toten, wird sich dessen Familie um ihre schnellstmögliche Begleichung bemühen. Denn nur dann kann der Verstorbene laut Ritus zum Grab getragen und beigesetzt werden.

 

Die sarglose Beisetzung                                                   

Im Islam bedeutet das Tragen des Sarges eine große Ehre. Aus diesem Grund wechseln sich immer mehrere Männer beim Tragen des Sarges ab, indem sie nacheinander ihre Position tauschen. Sobald ein neuer Träger an das vordere Ende des Sarges tritt, scheidet der hinterste aus. Angeführt wird der Trauerzug vom Imam. An der Grabstätte wird der Verstorbene aus dem Sarg gehoben und – falls das jeweilige Bestattungsgesetz und die Friedhofsordnung es zulassen – im Leichentuch beigesetzt. Unabhängig davon, ob es sich bei dem Toten um einen Sunniten, einen Schiiten oder den Anhänger einer weiteren islamischen Glaubensrichtung handelt: Der Koran schreibt die Beisetzung ohne Sarg für alle Muslime vor. Der Verstorbene wird in einem nach Kaaba ausgerichteten Grab beigesetzt, so dass sein Gesicht ebenfalls gen Kaaba zeigt. Dabei wird er auf die rechte Seite gedreht. Bevor das Grab abschließend aufgeschüttet wird – ähnlich einer christlichen Beisetzung werfen zuvor alle Anwesenden ein wenig Erde in das Grab –, werden (üblicherweise neun) Holzbretter so über dem Verstorbenen angebracht, dass dieser später nicht direkt von der aufgeschütteten Erde bedeckt wird.

 

Kollision mit deutschen Bestattungsgesetzen

Der Sargzwang galt lange Zeit als wesentlicher Grund dafür, dass viele Muslime im Todesfall in ihrem Heimatland beigesetzt werden. Mittlerweile haben mehrere Bundesländer ihre Bestattungsgesetze geändert oder Alternativen in den Gesetzestexten verankert. Viele Gemeinden tragen der Entwicklung Rechnung und bieten muslimische Grabfelder auf ihren Friedhöfen an. Dabei ist der Verzicht auf einen Sarg nicht der einzige Aspekt einer muslimischen Bestattung, der – zumindest teilweise – mit den deutschen Bestattungsgesetzen kollidiert. Die Bestattung eines Verstorbenen ohne Sarg ist der augenfälligste Unterschied zu den üblichen (christlichen) Beisetzungen auf deutschen Friedhöfen – jedoch nicht der einzige. Ein weiterer Unterschied ist beispielsweise, dass Beisetzungen nach islamischem Brauch schnellstmöglich, innerhalb von 24 Stunden nach Eintritt des Todes, erfolgen sollten. Die deutschen Bestattungsgesetze dagegen schreiben eine Mindestfrist von 48 Stunden zwischen Tod und Beisetzung vor. Darüber hinaus herrscht im Islam – ebenso wie im Judentum – das Gebot der ewigen Totenruhe. Mit den Ruhezeiten deutscher Friedhöfe ist dies streng genommen nicht vereinbar.

 

Beisetzung in Deutschland?

Laut dem Propheten Mohammed sollten Muslime dort beigesetzt werden, wo sie gelebt und gearbeitet haben. Dennoch werden laut Schätzungen rund 90 Prozent der Muslime in Deutschland zur Beisetzung in ihr Heimatland überführt. Die Gründe dafür kennt Ömer Kücük. Der 35-Jährige ist Lagerleiter in einem Fachgroßhandel für Haustechnik und einer von rund 60.000 türkischen Muslimen im nordrhein-westfälischen Duisburg. „Es sind hauptsächlich emotionale Gründe, aus denen Muslime ihre Angehörigen zur Beisetzung in ihr Heimatland überführen lassen“, erklärt Ömer Kücük im Gespräch. Schließlich existierten ausreichend Möglichkeiten für islamische Beisetzungen in Deutschland. „Viele Muslime haben Familiengrabstätten in ihrem Heimatland, auf denen alle Familienmitglieder beigesetzt werden.“ In seinem Familien- und Bekanntenkreis wurden bisher fast alle Verstorbenen in ihr Heimatland überführt. Doch Ömer Kücük kennt auch Fälle, in denen ein Muslim in Deutschland beigesetzt wurde. „Das geschieht in der Regel, wenn Kinder vor ihren Eltern sterben. Dann entscheiden sich viele Muslime für eine Beisetzung in Deutschland. So können sie ihre verstorbenen Angehörigen regelmäßig besuchen.“ Auch der finanzielle Aspekt hat Einfluss auf die die Entscheidung über den Beisetzungsort. Dank spezieller Bestattungsvorsorge-Angebote für Muslime ist eine Überführung zumeist wesentlich günstiger als eine Beerdigung in Deutschland. „Wenn ein Verstorbener in sein Heimatland überführt werden soll und zuvor einen Vorsorgevertrag abgeschlossen hatte“, so erzählt der Duisburger, „dann wird alles für die Hinterbliebenen geregelt. Über den Transport des Leichnams bis hin zu den ganzen Formalitäten.“ Ömer Kücük, der seit seinem zweiten Lebensjahr in Deutschland lebt, verfügt nicht über eine solche Bestattungsvorsorge. Obwohl seine Frau und er schon einige Male darüber gesprochen haben, wissen beide momentan nicht, wofür sie sich entscheiden würden. „Deutschland ist meine Heimat. Aber am Ende müssen meine Verwandten die Entscheidung treffen, ob ich später hier oder in der Türkei bestattet werde.“

 

Anstieg muslimischer Bestattungen

Trotz der derzeit großen Anzahl an Überführungen erwarten Branchenkenner, dass in den nächsten Jahren die Zahl der Muslime, die in Deutschland beigesetzt wird, ansteigt. Es ist davon auszugehen, dass sich vor allem die Muslime, die von Geburt an hier aufgewachsen sind, für eine Beisetzung in Deutschland entscheiden werden. Auch aktuelle Entwicklungen sprechen für diese Einschätzung. So meldete die Münchener Friedhofsverwaltung im Juni einen Engpass auf ihren muslimischen Grabfeldern. Die Nachfrage, so der verantwortliche Leiter der städtischen Friedhofsverwaltung in einem Interview mit der Sueddeutschen Zeitung, sei in letzter Zeit unerwartet groß gewesen. Dieser Entwicklung tragen immer mehr Bundesländer Rechnung. Sie haben zum Teil die Sargpflicht aufgehoben oder bieten Alternativen wie das „hessische Modell“ an. Auf vielen Friedhöfen gibt es mittlerweile spezielle Grabfelder, die nach Kaaba ausgerichtet sind, im letzten Jahr wurden deutschlandweit um die 200 muslimische Grabfelder gezählt. Immer häufiger werden auch spezielle Räumlichkeiten für rituelle islamische Waschungen angeboten.

 

Sargpflicht oder nicht?

Jedes Bundesland regelt in seinem Bestattungsgesetz die Sargpflicht. Das Ergebnis: Es ist kaum möglich, eine grundlegende Übersicht über die Möglichkeiten, Verbote und Alternativen in Bezug auf sarglose Beisetzungen aufzustellen. Die Formulierungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland zum Teil erheblich – wenn die Bestimmungen überhaupt genau definiert sind. So gestattet das Gesetz von Schleswig-Holstein eine sarglose Beisetzung ebenso wie die Gesetzgebung des Saarlandes – wenn die entsprechende Religionszugehörigkeit nachgewiesen wird und keine gesundheitlichen Bedenken bestehen. In Baden-Württemberg dagegen herrscht Sargzwang, bei islamischen Beisetzungen darf der Sargdeckel jedoch abgenommen werden; gleiches gilt – daher die Bezeichnung „hessisches Modell“ – in Hessen. Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern überlassen die Entscheidung den jeweiligen Kommunen. Herrscht auf Bundeslandebene strikter Sargzwang, so wie beispielsweise in Bayern oder Berlin, bedeutetet das nicht, dass islamische Beisetzungen hier generell nicht möglich sind. So existieren auf zahlreichen bayerischen Friedhöfen muslimische Grabfelder, der „Türkische Friedhof Berlin“ gilt als älteste Ruhestätte für Muslime in Deutschland. Zu welch widersprüchlichen Situationen die Gesetzgebungshoheit der Bundesländer führen kann, zeigte sich 2003 in Nordrhein-Westfalen. Kaum war das neue Bestattungsgesetz beschlossen, das eine sarglose Beisetzung ermöglichte, nahm Köln den Sargzwang in die Satzung für seine rund 60 Friedhöfe auf.

 

Umsetzung

Viel diskutiert wurde im vergangen Jahr das Beispiel der Stadt Worms. Die 2008 verabschiedete Friedhofssatzung der Stadt enthielt gleich mehrere Bestimmungen, die Beisetzungen nach islamischer Tradition erleichtern sollen. So wurde nicht nur ein Grabfeld in unbenutzter („jungfräulicher“) Erde für islamische Bestattungen ausgewiesen. Auch die Nutzungsrechte für Wahlgrabstätten wurden verlängert – auf bis zu 55 Jahre. Darüber hinaus wurde ein speziell für rituelle Waschungen eingerichteter Raum ebenso in die Friedhofssatzung mit aufgenommen wie die Möglichkeit, eine Beisetzung ohne Sarg zu beantragen.

 

Finanzielle Aspekte

Unabhängig von den Ausnahmen, die für islamische Bestattungen hier und da gemacht werden, ist eine generelle Lockerung der Sargpflicht auf deutschen Friedhöfen weder wünschenswert noch wirtschaftlich sinnvoll. Bestattungsunternehmen und Zulieferindustrie sehen durch Ausnahmeregelungen bei islamischen Bestattungen das Geschäft mit Särgen nicht in Gefahr. Dietmar Harnisch, Inhaber von Harnisch Fachgroßhandel für Bestattungsbedarf: „Es gibt Gebiete in Deutschland – vor allem ländliche Regionen –, in denen praktisch keine muslimischen Beisetzungen durchgeführt werden. In manchen Großstädten dagegen finden relativ viele islamische Bestattungen statt“, erklärt der Vorsitzende der Fachgemeinschaft Handel im VDZB (Verband der Deutschen Zulieferindustrie für das Bestattungsgewerbe). „Dabei darf man eins nicht vergessen: Insgesamt machen Muslime nur knapp fünf Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung aus. Und von denen, die hier beigesetzt und nicht überführt werden, werden immer mehr sogar im Sarg beerdigt – selbst wenn eine Bestattung auf dem jeweiligen Friedhof auch im Tuch möglich wäre.“

 

Auch der stellvertretende Vorsitzende des VDZB, Reinhard Vahle, ist überzeugt, dass es zum Sarg keine ernsthafte Alternative gibt: „Im Moment nutzen nur muslimische Mitbürger die Möglichkeit einer sarglosen Beisetzung. Für Deutsche stellt sich diese Überlegung gar nicht.“ Laut dem Inhaber von Vahle Trauerwaren ist bei der Beisetzung im Leichentuch die Berücksichtigung hygienischer Vorschriften, wie dem Bundesseuchengesetz, sehr wichtig. Reinard Vahle hat aber auch Einwände: „Natürlich wurde der Sargzwang für Muslime aus religiösen Gründen gelockert. Aber man muss auch weitere mögliche Auswirkungen bedenken, vor allem zum Schutz der Bestatter und der Zulieferindustrie. Denn was ist der nächste Schritt – der generelle Verzicht auf Särge oder die Beisetzung Verstorbener im Pappkarton?“, gibt Reinhard Vahle zu bedenken. „Meiner Meinung nach ist es für Hinterbliebene kein Zwang, sondern Freude, ihren verstorbenen Angehörigen einen Sarg auf den letzten Weg mitzugeben. Die Beisetzung im Sarg ist Teil unserer Bestattungskultur.“

 

Im Koran verankert?

Während die Gegner des Sargzwangs die Grundlage für eine sarglose Bestattung im Koran verankert sehen, widersprechen die Befürworter dieser Aussage. Viele sind der Überzeugung, die Tuchbeisetzung Verstorbener habe sich wegen des Mangels an der Ressource Holz in der Ursprungsregion des Islam durchgesetzt. Außerdem bedeute der Verzicht auf einen Sarg eine Kostenersparnis für die Hinterbliebenen. Die Frage, ob die Bestattung ohne Sarg im Koran begründet ist oder eventuell doch andere Ursachen hat, ist kaum eindeutig zu beantworten. Denn der Koran lässt in Bezug auf den Sargzwang sicherlich unterschiedliche Deutungen zu – so wie es auch im christlichen Glauben unterschiedlichen Bibeldeutungen gibt.

 

Einheitliche Regelungen

Die Debatte um die teilweise Aufhebung des Sargzwangs oder Ausnahmen macht vor allem eins deutlich: Der Sarg ist und bleibt das zentrale Element der deutschen Bestattungskultur. Die Erfahrung zeigt, dass dort, wo einheitliche Regelungen existieren, auch Alternativen möglich sind. So zum Beispiel in Berlin. Hier herrscht strikter Sargzwang. Wie dennoch problemlos muslimische Bestattungen durchgeführt werden können, zeigt İkinciBahar. Die islamische Abteilung der Ahorn AG verwendet für Bestattungen einen speziellen islamischen Sarg. Das Bestattungsunternehmen hat von einem islamischen Gericht bestätigt bekommen, dass eine Beisetzung im Sarg unter bestimmten Voraussetzungen nicht gegen den Islam verstößt. Den Sargzwang erachtet das Unternehmen daher nicht als problematisch.

 

 

*Umgangssprachlich wird häufig die Redewendung „gen Mekkaa“/„Richtung Mekka“ verwendet. Streng genommen muss es aber „gen Kaaba“ heißen. Das Gotteshaus Kaaba, zentrales Heiligtum im Islam, befindet sich in der Stadt Mekka in Saudi-Arabien.

 

Wußten Sie schon?

Der Koran und die Bestattung

Streng genommen verbietet der Koran das islamische Totengebet und damit eine islamische Beisetzung

– wenn der Verstorbene zum Zeitpunkt des Todes betrunken war

– wenn der Verstorbene Selbstmord begangen hat

– wenn der Verstorbene Atheist war

– wenn nicht geklärt werden kann, ob der Verstorbene dem Islam angehörte

– wenn (beispielsweise durch einen Unfall) der Kopf vom Körper

abgetrennt worden ist

Heutzutage werden jedoch auch in den o.g. Fällen islamische Beisetzungszeremonien durchgeführt, wenn die Hinterbliebenen den Imam darum bitten.

 

Die Hadsch

Es zählt zu den Pflichten eines jeden Muslims – Voraussetzung sind die finanziellen und gesundheitlichen Möglichkeiten –, einmal in seinem Leben nach Mekka zu pilgern. Verankert ist diese islamische Pflicht in der fünften Säule des Islams. Wer während der Hadsch (große Pilgerfahrt) stirbt, gelangt nach islamischer Vorstellung direkt in das Paradies. Stirbt ein Pilger auf der Hadsch, wird er entlang des Pilgerpfades beigesetzt. Eine Überführung des Leichnams in das Heimatland wird von den Behörden nicht gestattet. Die Hinterbliebenen erhalten nach der Beisetzung eine Nummer, anhand derer sie die Grabstätte ihres verstorbenen Angehörigen identifizieren können. Da es aufgrund von Hitze und Überanstrengung immer wieder zu Todesfällen kommt, existieren entlang der Pilgerrouten zahlreiche Grabfelder.