Kontrovers: Kirchen als Trauerorte

csm_453062_R_B_by_Hartmut910_pixelio.de_38a7b211f4Kirchen als Trauerorte. © Hartmut910/pixelio.de

Kolumbarien werden mittlerweile vielerorts als alternative Bestattungsorte genutzt. Dies ist nicht nur ein Zeichen für den Wandel unserer Bestattungs- und Trauerkultur, sondern wirkt sich auch auf die wirtschaftliche Entwicklung der Friedhofsbranche aus.

 

Immer mehr ältere Menschen äußern zu Lebzeiten den Wunsch, nach ihrem Tod in einer pflegeleichten Grabstätte bestattet zu werden. Ihre größte Sorge besteht meist darin, den Hinterbliebenen zur Last zu fallen. Ferner fürchten sie, dass das Grab beispielsweise durch Wohnortwechsel verwahrlosen oder hohe Kosten für eine professionelle Grabpflege verursachen könnte. Dieser Trend hat dazu geführt, dass sich die Beisetzung von Urnen in Kolumbarien zu einer beliebten Bestattungsform entwickelt hat. Die Bestattung abseits eines Friedhofs als Trauerort hat jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Trauerarbeit der Hinterbliebenen, sondern beeinflusst eine ganze Branche. Schließlich entfällt für jeden Platz im Kolumbarium ein Grab auf dem örtlichen Friedhof.

 

Kirchturm durch Urnengräber finanziert

Jüngstes Beispiel für die wirtschaftliche Tragweite des Wandels der Bestattungskultur ist ein Streit in der Kirchengemeinde Schloss Neuhaus im Bistum Paderborn. Anlässlich des Baus eines neuen Kirchturms plant der dortige Turmbauverein, darin ein Kolumbarium mit 400 bis 1.200 Urnennischen einzurichten. Auf diese Weise soll ein Teil des 500.000 Euro teuren Turms finanziert werden. Gläubige könnten für 1.200 Euro eine Nische im neuen Kirchturm erwerben, die Kirche würde weithin für den Gottesdienstbetrieb genutzt. Die Pläne der Kirchengemeinde blieben nicht ohne Kritik. Mehrfach sprach sich der Paderborner Steinmetz Herbert Görder gegen das Vorgehen des Turmbauvereins aus. Sein Hauptargument: Das Kolumbarium nehme den Verstorbenen ihre Individualität. Weiterhin führe die Bestattung in einem nicht frei zugänglichen Kirchturm zum Sterben der Friedhofskultur und beraube Hinterbliebene eines Orts für Ihre Trauer. Gemeindepfarrer Oliver Peters weist diese Vorwürfe zurück. Er vermutet wirtschaftliche Gründe hinter Görders Betroffenheit. Dabei, so kontert Görder, handle gerade die Kirche hier aus rein finanziellem Interesse und nehme dabei sogar in Kauf, dass Friedhofsgärtner und Bildhauer aufgrund mangelnder Aufträge in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Schließlich fehlen durch den Bau des Kolumbariums bis zu 1.200 Grabplätze auf dem örtlichen Friedhof.

 

Umnutzung von Kirchen an der Tagesordnung

Kolumbarien in Kirchen sind heute keine Seltenheit mehr. Kirchenschließungen  und Umwidmungen sind an der Tagesordnung, was nicht zuletzt auch auf rückläufige Kirchensteuereinnahmen und den stetigen Rückgang der Gottesdienstbesucher zurückzuführen ist. Zu den ersten Grabeskirchen, also Kirchen mit integriertem Kolumbarium, gehören die Erfurter Allerheiligenkirche und die Aachener Grabeskirche St. Josef.  Auch die Liebfrauenkirche Dortmund wird derzeit zu einem Kolumbarium umgebaut. Mischnutzungen wie in Schloss Neuhaus findet man ebenfalls häufig. Nicht immer werden Kirchen nach ihrer Entwidmung in Kolumbarien verwandelt. In einigen Städten öffnen die Träger ihre Kirchengebäude auch für gesellschaftliche oder künstlerische Zwecke. So beherbergt die denkmalgeschützte Nikolaikirche, die älteste Kirche Berlins, heute ein Museum, in dem auch regelmäßig Konzerte stattfinden. Eine Kombination aus Kolumbarium und Kulturhaus entsteht derzeit in Gelsenkirchen-Horst. In der evangelischen Kirchengemeinde Horst verwandelt man das Gebäude der Jakobuskirche Schritt für Schritt zu Veranstaltungsort, Mehrgenerationenhaus und Urnenbegräbnisstätte. Außerdem sollen dort Abschiedsräume sowie Büros für Bestattungshäuser eingerichtet werden.

 

Private Kolumbarien

In Düsseldorf entstanden jüngst auch die ersten Kolumbarien in privater Trägerschaft. Sie befinden sich in den Räumlichkeiten zweier Bestattungsinstitute und sind rund um die Uhr geöffnet. Hinterbliebene dürfen die Urnennischen individuell gestalten und können so den Verstorbenen auch nach ihrem Tod ein Gesicht geben. Unterstützt wird diese Art des Trauerraums von der Interessengemeinschaft Alt-Katholischer Kolumbarien und anderer Friedhöfe. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss der Alt-Katholischen Kirche mit drei Bestattungsunternehmen, die sich laut eigener Aussage zum Ziel gesetzt haben, bundesweit neue, menschlich sinnvolle Bestattungsangebote zu unterstützen, die nicht auf Anonymität sondern auf Individualität setzen. So wolle man langfristig wieder eine menschliche und würdevolle Trauer- und Bestattungskultur etablieren.