Kirche und Bestattung – Status Quo

csm_titelmotiv_12_11_87c45b215aKirche und Bestattung. © Echtgemalt

Im letzten Jahr traten in Deutschland 181.193 Katholiken und ca. 150.000 Protestanten aus der Kirche aus. Insgesamt traten 57.869 mehr aus der katholischen und evangelischen Kirche aus, als im Jahr 2009. Auch die Anzahl von kirchlichen Bestattungen ist in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Immer mehr Angehörige planen eine Bestattung ohne Pfarrer und Messfeier.

 

Häufig spricht ein weltlicher Trauerredner in der Friedhofskapelle oder am Grab ein paar Worte. Der Trend geht eindeutig zu individuell gestalteten Abschiedsfeiern ohne konfessionellen Hintergrund. Wieso legen die Menschen immer weniger Wert auf eine kirchliche Abschiedsfeier? Was ist mit den Werten und Ritualen des katholischen und evangelischen Glaubens?

Längst haben die Kirchen nicht mehr das Monopol für Beisetzungen. Kirchliche Traditionen und Riten, sowie die Totenmesse verlieren an Bedeutung. Der Verfall der Bestattungskultur macht auch vor der kirchlichen Bestattung nicht halt. Im 18. Jahrhundert wurden Bestattungen prunkvoll gefeiert. Zunächst wurde der Verstorbene zu Hause aufgebahrt, bevor die Gemeinde sich im Zuge der Totenmesse am Sarg vom Verstorbenen verabschieden konnte. Aufwendige Bestattungszeremonien gibt es heutzutage nur noch bei Abschiedsfeiern von Prominenten wie Robert Enke oder bei Staatsangehörigen. Die Bestattungskultur zeigt zwei sehr unterschiedliche Trends. Zum einen nimmt die Zahl der anonymen Bestattungen zu, zum anderen werden aber auch immer öfter persönlich gestaltete Trauerfeiern von den Angehörigen gewünscht.

 

Veränderte Bestattungskultur mitgestalten

Die Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche haben die Veränderungen in der Bestattungskultur wahrgenommen. Sie versuchen nun, den christlichen Glauben in Bezug auf die Bestattung wieder stärker hervorzuheben und in die Abschiedsfeier einzubinden. Im Vorwort zur Handreichung zum Thema Bestattungskultur, das vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche Deutschland im Jahre 2004 veröffentlich wurde, wird die veränderte Bestattungskultur als Herausforderung gesehen: „Die Individualisierung der Trauerkulturen und ihr Geschwisterkind, die Pluralisierung der Gestaltungsformen, sind für die Kirche keine rein defizitären Entwicklungen, sondern enorme Herausforderungen, […].“. Auch Vizepräsident Dr. Thies Gundlach vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bestätigt, dass die evangelische Kirche der neuen Trauer- und Bestattungskultur durchaus offen gegenübersteht:„Die evangelische Kirche nimmt den Wandel in der Bestattungskultur mit Respekt wahr. Sie sieht in der Individualisierung der Gestaltungswünsche auch neue Chancen, die geistlichen Fragen zum Ausdruck zu bringen. Der evangelischen Kirche ist und bleibt wichtig, die christlich Hoffnung auf ein ewiges Leben in Gottes Reich zu verbinden mit der Dimension des individuellen Trost für die Angehörigen und Trauernden. Insofern hat sie keine Scheu, den neu gesuchten Formen und Gestaltungswünschen gegenüber offen zu reagieren.“ Jedoch kann, laut katholischer Kirche, die individuelle Gestaltung auch zur Überforderung führen, wenn die Vertrautheit mit religiösen Riten nicht mehr gegeben ist. Trotzdem sollten die neuen Bestattungsformen als Möglichkeit gesehen werden, die Traditionen und Werte der christlichen Kirche weitergeben zu können. Ein Verstorbener, der sich vor seinem Tod für eine Bestattung im Friedwald entschieden hat, kann auch eine würdevolle Totenmesse mit Sarg und Verabschiedungsritus erhalten, bevor er kremiert und beigesetzt wird. Auch ist es vorstellbar, dass die gekennzeichneten Bäume im Friedwald oder Ruheforst mit christlichen Symbolen wie etwa einem Kreuz, betenden Händen oder einem Bibelspruch versehen werden.

 

Individuelle Trauerfeiern als Chance sehen

Die christliche Kirche sollte den Trend zu persönlich gestalteten Trauerfeiern positiv sehen, denn die Entwicklung ist auch ein Ausdruck des Widerstandes gegen die Anonymisierung. In der Individualisierung der Bestattungskultur liegt ihre Chance. Wichtig ist es ein Gleichgewicht zwischen Individualität und Glauben zu schaffen. Pfarrer und Pfarrerinnen sollten zum einen auf die speziellen Wünsche und Bedürfnisse der Angehörigen eingehen, zum anderen aber die Glaubenswerte und das Zeugnis des Auferstehungsglaubens nicht vernachlässigen. Die Kirche befindet sich in einer guten Ausgangssituation. Gerade in Momenten der Trauer und des Verlustes eines lieben Menschen, erhoffen sich immer noch einige Hinterbliebene, die nicht sehr gläubig sind, von der Kirche eine gute seelsorgerische Begleitung und würdige Trauerfeiern.

 

Gegen anonyme Bestattungen

Die christlichen Kirchen stehen anonymen Bestattungen sehr kritisch gegenüber. „Die evangelische Kirche ist zurückhaltend gegenüber jeder Form von Bestattungskultur, die die Individualität des Menschen als einzigartigen Geschöpfes Gottes verbergen oder gar negieren will und stemmt sich gegen die Anonymisierung des Bestattungswesen allein aus Kostengründen“, bezieht Vizepräsident Dr. Thies Gundlach klar Stellung gegen die anonyme Bestattung. Für die katholische Kirche trägt jede anonyme Bestattung dazu bei, den Tod unsichtbar zu machen und die personale Würde des Menschen über den Tod hinaus zu verdunkeln. Die Anonymisierung steht in deutlicher Spannung zum christlichen Glauben, dass der Mensch ein unsterbliches Leben bei Gott hat. So leiste der Glaube einen wichtigen Beitrag zur Trauerkultur und dem Umgang mit dem Tod, denn er hält die Frage nach den Toten und ihrem Schicksal wach. Die Lebendigkeit christlicher Gemeinden und ihre Riten können die Tendenz verhindern, die Verstorbenen „technisch“ zu entsorgen. Die Bestattung eines Menschen und der wiederkehrende Besuch am Grab eines Verstorbenen halten das Bewusstsein für die Gottesgemeinschaft wach. Für die katholische Kirche brauchen Trauer und Totengedenken einen konkreten Ort und konkrete Zeichen.

 

Kirche als Gedenkort nutzen

Nicht selten haben Hinterbliebene, die einer anonymen Bestattung zugestimmt haben, nach der Beerdigung erhebliche Probleme mit der „Ortlosigkeit“ ihrer Trauer. Ein bestimmter Ort, an dem man seine Trauer ausleben kann ist für viele Hinterbliebene enorm wichtig, um den Verlust verarbeiten zu können. So kann ein Grab oder ein bestimmter Bereich auf dem Friedhof gut für die Verarbeitung des Trauerprozesses sein. Genau hier sollte die Kirche ansetzen und die anonyme Bestattung als Chance sehen, sich in die neue Bestattungskultur einzugliedern. Denn ist ein Verstorbener bereits anonym bestattet worden und der Hinterbliebene hat keinen bestimmten Trauerort, kann die Kirche ein Gedenkort sein. So fordert die evangelische Kirche in ihrem Vorwort zur Handreichung zum Thema Bestattungskultur alle christlichen Kirchen dazu auf, ihre Kirchenräume, ihre Gottesdienste und ihre jahreszyklische Gedenktage (Allerheiligen, Volkstrauertag, etc.) auch nicht christlichen Bürgern verstärkt als Orte und Zeiten anzubieten, an denen und zu denen Verstorbener gedacht werden kann. Gedenkgottesdienste, die anlässlich großer Katastrophen wie beispielsweise zum Unglück des 11. September 2001 gehalten werden, würden deutlich die geistliche Kraft, aber auch die missionarischen Chancen dieses Ansatzes zeigen.

 

Eucharistiefeier ist Höhepunkt des katholischen Begräbnisses

Die katholische Kirche erkennt erst seit 1963 Feuerbestattungen offiziell an. Denn gerade in der Beerdigung des Leibes bezeugt der christliche Glaube die Würde der Schöpfung. So haben die Bischöfe in ihrer Pastoralen Einführung zur Neuausgabe der „kirchlichen Begräbnisfeier“ (2009) den Brauch empfohlen, in Gegenwart des Leichnams Eucharistie zu feiern und auf die Bedeutung des Einsenkens des Sarges in die heilige Erde, hingewiesen. Die Eucharistiefeier ist der Höhepunkt des katholischen Begräbnisses. „Nachdrücklich vertritt die katholische Kirche die Auffassung, dass Wert und Würde einem Menschen nicht nur im Leben zukommen, sondern auch über den Tod hinaus reichen. Die Bestattungskultur einer Gesellschaft ist Ausdruck von Humanität und des Umgangs auch mit den Lebenden“, erklärt Dr. Hans-Gerd Angel, Referent im Bereich Pastoral bei der Deutschen Bischofskonferenz.

Die Abschiednahme am Sarg mit anschließender Erdbestattung spielt auch für die Trauerarbeit eine wichtige Rolle. So ist die Bestattung das letzte Fest, dass man dem Verstorbenen zu Ehren geben kann. Ein hochwertiger Sarg, verziert mit stilvollem Blumenschmuck und ein vom Pfarrer gut vorbereiteter Gottesdienst sollte als letztes Geschenk für den Verstorbenen gesehen werden. Ist es nicht so, dass wir uns zu Geburtstagen und Hochzeiten besonders schick machen, tagelang überlegen was wir schenken könnten? Warum sollten wir also nicht auch dem Verstorbenen noch einmal die letzte Ehre mit einem geschmackvollen Sarg, einer ausführlichen Abschiedsfeier und einem respektvollen Begräbnis erweisen? Auch die evangelische Kirche fordert, wie im Vorwort zur Handreichung zum Thema Bestattungskultur beschrieben, den achtsamen Umgang mit den Toten und sieht sich selbst in der Pflicht, nicht nur Taufen oder Hochzeiten Raum zu geben, sondern auch der Bestattung: „Indem die Kirchen ihre „Räume für die Ewigkeit öffnen und z.B. auch wieder häufiger Trauerfeiern in den Kirchen (und nicht nur in den Friedhofskapellen) zulassen, schaffen sie öffentliche Erinnerungsräume für die Toten, deren Gedenken nicht unbedingt an erreichbare oder konkrete Friedhöfe und Grabsteine gebunden ist.“

 

Gottesdienst als Werbeplattform

„Ein gelungener Abschiedsgottesdienst ist doch die perfekte Werbung für die Kirchengemeinde“, meint Bert Hassel, Vorsitzender des Verbands der Deutschen Zulieferindustrie für das Bestattungsgewerbe (VDZB) e.V.. „Zum Gottesdienst aus Anlass einer Bestattung kommen auch Menschen, die vielleicht nicht sehr christlich sind, die aber mit einer kreativ gestalteten Abschiedsfeier davon überzeugt werden können, wie wichtig ein würdevoller Abschied und eine christlich geprägte Bestattung ist.“ Die evangelische Kirche ist sich der Werbewirksamkeit der veranstalteten Messen durchaus bewusst. So heißt es im Vorwort zur Handreichung zum Thema Bestattungskultur: „Denn bei Bestattungen ist es – ebenso wie bei Taufen, Trauungen, Konfirmationen – wie im Zugverkehr: Eine Verspätung richtet mehr „Imageschaden“ an als 50 pünktliche Bahnfahrten. So ungerecht das ist, so sehr gehört es zur ehrlichen Selbstwahrnehmung, diese Einsicht anzunehmen und entsprechend die Kapazitäten einzusetzen.“ Auch der katholische Bischof Dr. Joachim Wanke sprach dem Gottesdienst bei der Fachtagung „Bestattungskultur – Zukunft gestalten“ im Jahre 2003 in Erfurt eine große Bedeutung zu: „Der Gottesdienst der Kirche also, nicht so sehr das Wort, der aufbewahrte Text, das Buch als solches ist der eigentliche Ort des kulturellen, näherhin des religiösen Gedenkens. Darum lebt die Kirche und das, was sie durch die Jahrhunderte transportieren will, nicht in Bibliotheken fort, sondern in den gottesdienstlichen Versammlungen. Das erlaubt den Umkehrschluss: Wenn keine Gottesdienste mehr gefeiert werden, verliert sich das Christentum. […] Der wichtigste Beitrag der Christen zu einer Bewahrung und Erneuerung eines christlich Umgangs mit Tod und Trauer ist die authentische Feier der Eucharistie, des Abendmahls.“

Ebenfalls erachtet Propst Dr. Elmar Nübold, der in der katholischen Gemeinde St. Liborius Pfarrei in Paderborn beschäftigt ist, den Gottesdienst als sehr wichtig: „Häufig sind Trauergesellschaften recht klein und scheuen eine Totenmesse, weil sie sich in der großen Kirche verloren vorkommen. Aus diesem Grund biete ich den Angehörigen an, während der Gemeindemesse am Werktag oder auch am Sonntag den Verstorbenen zu gedenken.“

 

Kirchengemeinden nicht immer kooperativ

Nicht alle Gemeinden nutzen den Gottesdienst als Werbeplattform. Teilweise wird sogar von einem Gottesdienst abgeraten, weil der Blumenschmuck die Kirche verunreinigen könnte oder die Zeitpläne von Messfeiern zu eng gesteckt sind. Trauerfeiern am Samstag werden nur in absoluten Ausnahmefällen angeboten. Obwohl in der heutigen Zeit, wo Kinder, Enkel und andere Verwandte meist nicht mehr in derselben Stadt wohnen und beruflich stark eingespannt sind. Die Möglichkeit, eine Beerdigung am Samstag stattfinden zulassen, vielen Angehörigen entgegenkommen würde. Die Zusammenarbeit zwischen Pfarrgemeinde und Bestatter endet nicht immer mit der Zufriedenheit beider Seiten. So schreibt die katholische Kirche in der Veröffentlichung „Unsere Sorge um die Toten und die Hinterbliebenen-Bestattungskultur und Begleitung von Trauernden“, dass Bestatter zuweilen eine „mangelnde Kooperationsbereitschaft“ von Seiten der Kirche sehen.

 

Bestatter mietet leerstehende Kirche

„Es hängt wirklich stark von der jeweiligen Gemeinde ab. Ich kenne Pfarrer die sich sehr engagieren und auf die individuellen Wünsche der Angehörigen eingehen. Andere wiederum sind weniger flexibel und halten an starren Vorgaben fest“, berichtet Bestatter Stefan Menge, deren Geschäftsräume sich in einer leerstehenden Kirche befinden. „Wir wollten Angehörigen die Möglichkeit bieten, sich würdevoll von den Verstorbenen zu verabschieden und haben einen geeigneten Ort für unser Bestattungsinstitut Nehrkorn gesucht.“ Letztendlich zögerte er nicht lange und mietete die Räumlichkeiten der leerstehenden Jakobuskirche in Gelsenkirchen an. Neben einer Trauerhalle, einem Aufbahrungs- und Verabschiedungsraum befindet sich auch eine kleine Urnen- und Sargausstellung in der Kirche. Zusätzlich können die Wände und Räume von Künstlern als Ausstellungsfläche genutzt werden. Im Außenbereich befinden sich angelegte Mustergräber, die von einem lokalen Steinmetz und Floristikunternehmen gestaltet werden. „In den Räumen der Jakobuskirche können die Hinterbliebenen individuell Abschied nehmen, ohne dass dabei der christliche Glaube außer Acht gelassen wird“, erklärt Stefan Menge, Geschäftsführer Bestattungshäuser Nehrkorn, Adolf Richmann und Bergermann in Gelsenkirchen. Im Weiteren wird die Trauerhalle als Gedenkstätte genutzt. So können Hinterbliebene, die zum Beispiel keinen bestimmten Ort zum trauern haben, in der Jakobuskirche eine Eichenholzgedenktafel mit Namen und Daten des Verstorbenen aufhängen.

 

Personalnot in christlichen Gemeinden

Bestatter beklagen vereinzelt, dass die Gemeinden zeitlich sehr unflexibel seien. Andererseits haben die Kirchen häufig jedoch nicht genug Personal, um alle Anfragen bearbeiten zu können. In der Pfarrei St. Cyriakus in Bottrop werden daher in der Zukunft Beerdigungen nicht mehr ausschließlich von Geistlichen, sondern auch von Gemeindereferenten abgehalten. Im letzten Jahr standen für 600 Beerdigungen gerade mal vier Gemeindepastöre und ein Diakon zur Verfügung. Das sei kaum zu bewältigen, berichtete Pfarrer Johannes Knoblauch in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. In einigen Gemeinden wird daher die heilige Messe gemeinsam für mehrere Verstorbene gefeiert, schildert Dr. Hans-Gerd Angel: „Bei der kirchlichen Begräbnisfeier muss häufig auf die ortsüblichen Gewohnheiten und Gegebenheiten Rücksicht genommen werden, so dass die Bausteine der Begräbnisliturgie in unterschiedlicher Weise oder Reihenfolge Anwendung finden. So ist es vor allem in städtischen Gebieten nicht mehr möglich, für jeden Verstorbenen ein eigenes Requiem zu feiern. Die heilige Messe wird dann gewöhnlich in regelmäßigen Abständen für mehrere Verstorbene gemeinsam gefeiert. Wünschenswert ist jedoch eine Verabschiedung an drei Stationen, eine erste Station im Trauerhaus bzw. Friedhofskapelle oder Trauerhalle, eine zweite Station in der Kirche mit der Feier der heiligen Messe, eine dritte Station am Grab mit der Beisetzung.“ Dennoch sind die Kirchen bestrebt, wie aus dem Vorwort zur Handreichung zum Thema Bestattungskultur zu entnehmen ist, „[…] dass es gute und intensive Kontakte zu Bestattungsunternehmen im jeweiligen Umfeld gibt und dass auch so leidige Themen wie Erreichbarkeit der Pfarrerinnen und Pfarrer im Trauerfall professionell, gut und gemeinschaftlich gelöst werden“.

 

Aufgabenverteilung hat sich geändert

Die Aufgaben des Bestatters und des Pfarrers bei einem Todesfall haben sich in den letzten Jahren geändert. Während vor 50 Jahren der Bestatter nur für die hygienische Versorgung des Verstorbenen und die Beisetzung zuständig war übernimmt er jetzt auch seelsorgerische Aufgaben. Der Pfarrer dagegen hat seine Monopolstellung im Bereich Bestattungsrituale und Trauerbegleitung verloren. Bestattungsunternehmen unterliegen heutzutage einem großen Konkurrenzdruck. Das Aufgabenfeld des Bestatters ist umfassender geworden. Um mit dem Wettbewerb mithalten zu können, muss er den Angehörigen einen Rundum-Service bieten. So lassen sich zum Beispiel immer mehr Bestatter zum Trauerbegleiter ausbilden. Entsprechend verliert der Pfarrer als Seelsorger und Ansprechpartner seine Funktion. Lediglich in einem kurzen Vorgespräch und während der Beisetzung hat der Pfarrer noch Kontakt mit den Angehörigen. Die Kirche steht also in direkter Konkurrenz zum Bestatter. Aus dieser Wettbewerbssituation heraus gründeten einige Kirchengemeinden Bestattungsunternehmen, wie zum Beispiel die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde in Eisenberg im Jahr 1993, um so den Hinterbliebenen einen Rundum-Service bieten zu können.

 

Gemeinsam für eine bessere Bestattungskultur

Letztendlich aber sollten Bestatter und Kirche nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern gemeinsam gegen den Verfall und für eine würdevollere Bestattungskultur eintreten. Die Evangelische Kirche Deutschland bemerkt im Vorwort zur Handreichung zum Thema Bestattungskultur: „Ein gutes und kooperatives Verhältnis der Kirchen zu den Bestattern der Region ist aber für alle Kirchen sehr wichtig, so dass man nur jedem Kirchenbezirk oder -kreis empfehlen kann, regelmäßig Kontakte zu den örtlichen Bestattern aufzunehmen und Gespräche mit den Verbandsvertretern zu suchen, um die Zusammenarbeit zu verbessern.“. Beide Seiten sollten aufeinander zugehen um gemeinsam den Ansprüchen der heutigen Bestattungskultur gerecht zu werden. Dabei sollte sich jeder auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. Der entscheidende Beitrag der evangelischen Kirche zum Erhalt einer würdigen Bestattungskultur liegt, wie im Vorwort zur Handreichung zum Thema Bestattungskultur beschrieben, „in der spezifisch geistlichen Kompetenz im Umgang mit der Trauer- und Beerdigungssituation, nicht aber in der Fähigkeit von Kirchenvertretern, die Etablierung besonders kostengünstiger Angebote z.B. für die Sargausstattung herzustellen.“ Folglich möchte die evangelische Kirche mehr in die Fort- und Weiterbildung der Pfarrer und Pfarrerinnen im Bereich der Trauerarbeit investieren. Auch die katholische Kirche will sich, wie in der Veröffentlichung „Unsere Sorge um die Toten und die Hinterbliebenen-Bestattungskultur und Begleitung von Trauernden“ bei der Aus- und Fortbildung verstärkt den Themen „Begleitung von Sterbenden“ und „Umgang mit den Toten und Hinterbliebenen“ zuwenden. Der Bestatter dagegen sollte dem Hinterbliebenen die Bedeutsamkeit einer kirchlichen Bestattung und Trauerbegleitung aufzeigen. Pfarrer oder Seelsorger könnten in eine Abschiedsfeier, die in den Räumen des Bestatters stattfindet, eingebunden werden.

Man darf gespannt sein, ob sich die christliche Kirche wieder verstärkt in die Bestattungskultur einbringen kann und wie die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Bestattern in den kommenden Jahren verlaufen wird.

 

Zum Thema „Kirche und Bestattung – Status Quo“ führte Eva-Maria-Glagau, Agentur MerkWert, ein Interview mit Bestatterin und Trauerrednerin Lisa Höfflin. Zusammen mit einer Geschäftspartnerin hat sie 2005 „LEBENSWEGE Frauen bestatten“ in Köln gegründet.

Wie sind Sie der Kirche verbunden?

Ich bin evangelisch und fromm erzogen worden. Als Kind hatte ich viel Mühe mit der Religion: Meine Großeltern lebten bei uns, die eine schwierige Ansicht der Religion hatten, für mich war sie sehr angstbesetzt. Dennoch gab es auch das: Gott ist da, da bin ich geborgen. Später habe ich mich stark von der Kirche distanziert, mich dann aber doch für das Studium der Religionspädagogik entschieden, um mir Religion aus einer weniger emotionalen Warte anzuschauen. Dabei bin ich der feministischen Theologie begegnet, die für mich eine Art Befreiungstheologie geworden ist. Sie geht von den Erfahrungen von Frauen aus und hat eine andere Sprache: Gott, Freundin der Menschen, das ist so ein anderes, weibliches Bild. Ich war froh, mit der feministischen Theologie an meine christlichen Wurzeln anzuknüpfen, aber auch einiges, was sehr belastend und einengend war, hinter mir lassen zu können.

 

Als Bestatterin und Trauerrednerin bieten Sie individuelle Abschiednahmen und Trauerfeiern an. Welche Erlebnisse haben Sie dazu gebracht?

Die Bestattung meines Vaters war so ein Punkt, allerdings liegt sie jetzt gut dreißig Jahre zurück und seither hat sich viel geändert. Mein Vater starb sehr plötzlich. Bei seiner Beerdigung wurde er zwar als Gemeindemitglied gewürdigt, doch für mich und meine Geschwister gab es keine Hilfestellung oder Orientierung. Es wurde uns nicht ermöglicht, auf eine gute Weise von ihm Abschied zu nehmen. Jahre später ist eine Freundin von mir verstorben, die wir im Freundinnenkreis dabei begleitet haben. Sie, die auf den Tod zuging, hat uns an die Hand genommen und uns eine Hilfestellung gegeben, mit dem Tod anders umzugehen. Sie hat sich vieles gewünscht und auch konkret ausgesprochen, was ihre Trauerfeier betraf. Ich hab gemerkt, wie hilfreich das ist, etwas gestalten zu können und zu wissen: So hätte sie es gewollt. Das war ein gutes Gefühl.

 

Wie kann individuelles Abschiednehmen aussehen? Haben Sie ein Beispiel?

Vor einiger Zeit ist eine Frau verstorben, die Griechenland liebte. Ihre Freundinnen haben zur Abschiedsfeier Kunstwerke mitgebracht, die sie selbst angefertigt hat, und damit den Raum geschmückt. Im Sarg haben sie griechischen Tee ausgestreut, der ganz intensiv nach Kräutern roch. Sie haben sich an den Sarg gesetzt, erzählt, eine Flasche Ouzo auf die Verstorbene getrunken und ihr eine kleine Flasche mit in den Sarg gegeben. Es gibt hier viele verschiedene Möglichkeiten, wichtig ist, etwas zu tun, was zu dem Menschen passt: Viel hängt davon ab, ob es ein plötzlicher Tod oder eine lange Vorbereitung war, wie die Verstorbenen gehen konnten und wie gut die Angehörigen loslassen können.

 

Das Beispiel, das Sie eben schilderten, ist ein besonderes Abschiedsritual. Wie sieht es bei individuellen Bestattungen aus, wo gibt es Unterschiede zur kirchlichen Bestattung?

Das ist gar nicht leicht zu sagen, weil sich auch kirchliche Bestattungen sehr voneinander unterscheiden. Ich war beispielsweise einmal bei einer kirchlichen Beerdigung, bei der ein Kind bestattet wurde. Der Pfarrer hat ständig von ‚Frau XY‘ gesprochen und nicht realisiert, dass er gerade ein Kind bestattet. Das war ein schreckliches Erlebnis. Andererseits habe ich die kirchliche Bestattung einer Frau erlebt, die sich das Leben genommen hat, und die Pfarrerin hat eine unglaublich sensible und wohltuende Ansprache gehalten. Es gibt kirchliche Bestattungen, die sich sehr eng ans Ritual halten. Das bedeutet dann, es gibt einen Gottesdienst anlässlich eines Todesfalls. Da hat Persönliches in der Regel wenig Platz.

Vielen Würdenträger in der Kirche verstehen Gottesdienst als ein festes Ritual. Das ist für viele auch eine Stütze. Gerade ältere Menschen, die in der Kirche beheimatet sind, sind froh, zu wissen, was sie da erwartet – und verunsichert, wenn sie zu einer Feier kommen, die eine freie Rednerin oder ein Redner hält. Denn da gibt es kein Vaterunser und keinen Segen: Und das soll jetzt die Bestattung sein? Menschen, die nicht mehr kirchlich gebunden sind, ist die Sprache der Kirche hingegen fremd. Deshalb gibt es Versuche, die Feiern individuell auszurichten. Eine kirchliche Feier kann aber jemandem genauso entsprechen wie eine nicht kirchliche.

 

Kann man sagen, dass sich außerhalb der Kirche eine neue Sterbe- und Trauerkultur entwickelt hat?

Ganz bestimmt, weil Kirche für viele nicht mehr ihre Heimat ist. Wer nie in einen Gottesdienst geht, dem sagt der ganze Ablauf nichts – und der sucht natürlich eine andere Form des Abschieds. Meistens steht dann die Würdigung des Lebens im Mittelpunkt. Es kann sein, dass verschiedene Menschen einen Beitrag dazu leisten, indem sie etwa Episoden aus dem Leben erzählen. Oder eine professionelle Trauerrednerin oder ein Trauerredner fasst die Essenz dieses Lebens in einer Ansprache zusammen. Die Möglichkeiten sind so unterschiedlich wie die Lebenden, das finde ich sehr schön. Der vielleicht größte Unterschied zu kirchlichen Feiern liegt darin, dass die Trauergäste bei selbstgestalteten Feiern oft selbst etwas beitragen. In der Liturgie wird man durch gemeinsames Singen und Beten auch einbezogen. Aber bei nicht kirchlichen Feiern wird die Person, die verstorben ist, anders sichtbar und greifbar.

 

Wird Individualität von der Kirche nicht angemessen berücksichtigt?

Ich weiß nicht, ob man das so pauschal sagen kann. Kirche hat noch nicht darauf reagiert, dass es jetzt Alternativen gibt, die es vorher nicht gab. Früher war die kirchliche Bestattung das Selbstverständliche, heute ist das nicht mehr so. In den Strukturen der Kirche gelingt es oft nicht, sich in eine neue Richtung zu bewegen. Vielleicht ist es auch nicht das Bedürfnis der Kirchen. Ich finde es schwierig, dass die Kirche bei diesen Prozessen eine Chance vergibt. Die Trauerfeier ist ein zentraler Punkt im Prozess des Abschiednehmens: Wenn sie schlecht ist, erschwert das die Trauer. Wenn die Trauerfeier in dem Sinne gelingt, dass die Trauernden das Gefühl haben, sie entspreche ihren Angehörigen oder ihrer Freundin, dann bringt das die Trauerarbeit voran.

 

Warum ist es so wichtig, eine eigene Art des Abschieds zu finden?

So wie ich mein eigenes Leben leben möchte und nicht nur eine schlechte Kopie sein will, so will ich auch einen mir gemäßen Abschied haben. Dieses Recht auf Einzigartigkeit gilt über den Tod hinaus. Das, was jemandem im Leben wichtig war, sollte auch darüber hinaus ein Bedeutung haben und ernst genommen werden.

 

Was erwarten Sie oder wünschen Sie sich von den Kirchen im Hinblick auf Bestattungen?

Ich wünsche mir, dass Kirche sich des Themas wieder mehr annimmt, dass Bestattung kein Randthema ist, wie ich es in der katholischen Kirche häufig erlebe. Die Zeiten haben sich verändert: Menschen sind nicht mehr selbstverständlich in der Kirche. Bei einer kirchlichen Abschiedsfeier sitzen sehr viele Menschen in der Kirche, die nicht mehr mit ihr verbunden sind. Auch ihnen etwas mitzugeben, ist eine große Chance. Unterschiedliche Formen müssen nebeneinander existieren können. Dazu braucht es Sensibilität und Wertschätzung, auch von kirchlicher Seite.