Individualität und ihr Preis

csm_titel_dezember_af3fc2b9daIndividualität und ihr Preis. © Echtgemalt/fotolia.com

Individualität ist in der heutigen Zeit das Schlagwort schlechthin. Das gilt auch für die Beisetzung Verstorbener. Ob Urnen, Särge, Dekorationsartikel oder Bestattungswäsche: unzählige Produkte reklamieren für sich, individuell zu sein. Aber auch Dienstleistungen, die nicht Standard sind, werden im Rahmen von Beisetzungen verstärkt nachgefragt. So kann es sich heutzutage kaum noch ein Bestatter leisten, nicht mit der Ausrichtung individueller Trauerfeiern zu werben. Was heißt in diesem Zusammenhang eigentlich Individualität? Und ist Individualität gleichbedeutend mit teuer?

 

Eine Halle mit 20.000 Trauernden. Zahlreiche Prominente, die das  Leben des Verstorbenen würdigen, ihm zu Ehren singen. Eine riesige Leinwand, über die Ausschnitte aus dem Leben des Toten flimmern. Ein vergoldeter Sarg, bedeckt mit roten Rosen… Rund 700 Millionen verfolgten die Trauerfeier für Popsänger Michael Jackson, der im Juni dieses Jahres überraschend verstorben war. Vergleicht man die öffentliche Zeremonie mit einer traditionellen Beisetzungsfeier, wird deutlich: Inszenierter kann eine individuelle Trauerfeier kaum sein.

 

Traditionell = Standard?

Traditionelle Trauerfeiern stehen dazu im krassen Gegensatz. Bei klassischen Zeremonien deshalb gleich von „Standard“ zu sprechen, greift jedoch zu kurz. Natürlich gibt es Elemente, die typisch für klassische Trauerfeiern sind: Dazu gehören beispielsweise die kirchliche Musik, das gemeinsames Singen und Beten und Lesungen aus der Bibel. Es gibt jedoch auch Aspekte, in denen sich kirchliche und freie Trauerfeiern nicht unterscheiden. Das ist zum einen ihr Zweck, den Toten zu verabschieden – sei es aus der kirchlichen Gemeinde oder aus dem Familien- und Freundeskreis. Darüber hinaus eint konfessionelle und freie Zeremonien vor allem eins: die Trauerrede. Als Rückblick auf das Leben des Verstorbenen ist sie – unabhängig davon, ob sie im kirchlichen oder freien Rahmen gehalten wird – im Idealfall immer individuell.

 

Anonym versus individuell?

Fragt man nach dem derzeit deutlichsten Trend in der Bestattungsbranche, denkt man zuerst an anonyme Beisetzungen, nicht an individuelle. Tatsächlich sind sowohl Anonymität als auch Individualität zwei in etwa gleichstarke Entwicklungen im Bestattungsgewerbe. Je mehr die Zahl anonymer Beisetzungen steigt, desto stärker wächst auch die Zahl der Menschen, die sich nach Individualität sehnt.

Diplomtheologin Birgit Aurelia Janetzky, die Fortbildungen in den Bereichen Bestattung und Trauer anbietet, geht davon aus, dass der Anteil nicht kirchlicher Feiern noch weiter zunehmen wird – ebenso wie der Anteil anonymer Beisetzungen. „Schätzungsweise jede zweite Trauerfeier ist nicht kirchlich“, so Birgit Aurelia Janetzky. „Hier gibt es natürlich große Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland und regional zwischen Städten und ländlichen Gebieten.“

 

Doch welche Gründe bewegen Angehörige dazu, sich für eine nicht-konfessionelle Trauerfeier zu entscheiden? Laut Regina Bollinger, die freie Trauer- und Hochzeitszeremonien anbietet, hat das verschiedene Gründe. „ Wenn mich Hinterbliebene nach einer Trauerfeier ohne kirchlichen Bezug fragen, geht es häufig um eine ernsthafte Würdigung des Verstorbenen, bei der auch seine Ecken und Kanten erwähnt werden“, berichtet die ehemalige Pastorin. „Manche sind nicht gläubig. Andere haben bei vorherigen Trauerfeiern schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht, empfanden den kirchlichen Gottesdienst als 08/15-Trauerfeier – auch wenn dies natürlich nicht der Regelfall ist.“ Eines ist Regina Bollinger wichtig: „Es geht mir nicht darum, der Kirche ‚Kunden‘ abzuwerben. Die Menschen kommen auf mich zu, nicht umgekehrt.“

 

 

Individuell, individueller, am individuellsten?

Doch was unterscheidet kirchliche von nicht-konfessionellen Verabschiedungen? In erster Linie zeichnen sich freie Trauerfeiern durch eine größere Bandbreite aus. Sie erlauben den Hinterbliebenen, die Zeremonie nach eigenen Wünschen zu gestalten, ohne sich an festen Abläufen orientieren zu müssen. Auch ausgefallene Wünsche von Hinterbliebenen, die in einer kirchlichen Trauerfeier keinen Platz finden, sind hier möglich.

Aus Sicht von Regina Bollinger ist es vor allem wichtig, dass die Trauerfeier authentisch ist. Sie muss zum Verstorbenen ebenso passen wie zu den Hinterbliebenen. „Manchmal nimmt die Musik eine wichtige Bedeutung ein und ich kümmere mich um die verbindenden Worte zwischen den Stücken. Alles, was die Beziehung zum Verstorbenen oder sein Leben repräsentiert, kann zu der Zeremonie dazugehören – auch wenn alle Gäste vor dem Sarg die letzte Bierflasche aufploppen lassen wollen, um auf den Verstorbenen anzustoßen. So wie das Leben war, darf auch die Trauerfeier sein.“

 

Individualität kann sich bei einer Trauerfeier in unterschiedlichen Aspekten äußern, angefangen bei der Urne in Fußball-Form über eigenwillige Dekorations- und Musikwünsche bis hin zur gewählten Räumlichkeit oder Beisetzungsart. Je ausgefallener die Wünsche der Hinterbliebenen sind, um so eher sind externe Dienstleister – wie freie Redner, Dekorateure oder Veranstalter – gefragt. Ihnen eröffnet die Zunahme nicht-konfessioneller Trauerfeiern ein immer größer werdendes Betätigungsfeld.

 

Individualität und ihr Preis

Neben zufriedenen Kunden, die Empfehlungen im Familien- und Freundeskreis aussprechen, sind es vor allem Bestatter, die die freien Redner an Hinterbliebene vermitteln, berichtet Regina Bollinger. „Die Zusammenarbeit mit Bestattern verläuft in der Regel sehr professionell. Ich bin immer dankbar für Tipps vor dem Gespräch mit den Trauernden und für ein offenes Wort zur Einschätzung der Familiensituation. Das kann im Vorfeld sehr hilfreich sein.“ Zusammen mit den Angehörigen spricht die studierte Theologin ausführlich über den Verstorbenen, die Familien- und Lebensumstände sowie den Tod. Neben der Absprache mit den Angehörigen und der Planung der Trauerfeier gilt es zudem, Absprachen mit Bestattern und Friedhofspersonal zu treffen.

Die ehemalige Pastorin Regina Bollinger bietet freie Trauer- und Hochzeitszeremonien an.

 

„Wenn man mehr als zehn Stunden mit einer Trauerfeier beschäftigt ist und den Rechnungsbetrag auch noch versteuern muss, sollte man wenigstens so ordentlich wie ein Handwerker bezahlt werden“, erklärt Regina Bollinger. „Viele freie Redner arbeiten – meines Erachtens – oft für ein ‚Trinkgeld‘. Da muss man sich nicht wundern, wenn man ‚Konfektionsware‘, bekommt.“ Hier läge es auch im eigenen Interesse der Bestatter, auf Qualität zu achten, so Regina Bollinger. Und die mache sich auch im Preis bemerkbar. Daher absolviere sie auch keine Zeremonien in Akkord-Arbeit. „Ich würde keine zwei Beisetzungen an einem Tag begleiten. Meine Trauerfeiern sind und bleiben Unikate“, so Regina Bollinger. Aus diesem Grund verdient die ehemalige Pastorin ihren Lebensunterhalt nicht ausschließlich mit der Ausrichtung von Trauer- und Hochzeitszeremonien, sondern auch mit journalistischen Tätigkeiten.

 

Individualität ohne Finanzdruck

Für nicht kirchliche Trauerfeiern fallen in der Regel höhere Kosten an als für eine konfessionelle Zeremonie. Das ist selbst dann der Fall, wenn „nur“ ein freier Redner gebucht wird, der anders als ein Pfarrer oder Pastor der Kirchengemeinde extra bezahlt werden muss. Daher spielen bei der Gestaltung einer individuellen Feier die finanziellen Mittel der Hinterbliebenen eine bedeutende Rolle – wenn auch nicht die entscheidende. Denn die finanziellen Möglichkeiten betreffen hauptsächlich die Wahl besonders ausgefallener Produkte oder Dienstleistungen. Den größten Einfluss darauf, wie individuell eine Trauerfeier letztlich ist, haben jedoch immer die Hinterbliebenen. Je intensiver sie sich an der Trauerfeier beteiligen – mit eigenen Reden oder beispielsweise Diashows – desto individueller ist auch die Zeremonie, unabhängig von finanziellen Gegebenheiten. Dass das Gelingen einer individuellen Trauerfeier nicht zwingend damit einhergeht, wie viel Geld aufgewendet wurde, zeigt die Trauerfeier von Michael Jackson. Rund drei Millionen Euro kostete die öffentliche Veranstaltung den US-Staat Kalifornien. Den eigentlichen Sinn, den Trauernden Rückhalt und Trost zu geben, hat die öffentlich inszenierte Feier dennoch wohl kaum jemandem gegeben. Warum sonst hätte der engste Familienkreis bereits vor der öffentlichen Trauerfeier, abseits von Blitzlichtgewitter und Gesangseinlagen, von dem Verstorbenen Abschied nehmen sollen?