Im Islam ist der Tod allgegenwärtig- Interview mit Gönül Yerli

Gönül YerliGönül Yerli ist Vizedirektorin der islamischen Gemeinde Penzberg

Als Religionspädagogin ist Gönül Yerli Vize-Direktorin des Islamischen Forums in Penzberg und verantwortlich für den interreligiösen Dialog. 2010 wurde in der katholisch geprägten bayrischen Gemeinde auf dem Areal des städtischen Friedhofs ein muslimisches Gräberfeld angelegt. Noch ist die in Bayern geltende Sargpflicht einer der Gründe für viele Muslime, sich in ihrem Herkunftsland bestatten zu lassen, doch Gönül Yerli rechnet fest damit, dass sich dies mittelfristig ändern wird, denn das Gräberfeld bietet von Räumen für die rituelle Waschung bis zur ewigen Totenruhe alles, was ein muslimischer Friedhof braucht.

 

Was bedeuten Tod und Sterben eines nahestehenden Menschen für die Hinterbliebenen?

Im Islam gehört der Tod zu den so genannten Kollektivverpflichtungen, die ein Muslim zu erfüllen hat. Das beginnt bereits mit dem Sterben. Während das fünfmalige Gebet und das Fasten Privatsache sind, ist der gesamte Verwandten- und Bekanntenkreis zugegen, wenn ein Mensch im Krankenhaus oder zuhause im Sterben liegt oder gerade gestorben ist. Je mehr Menschen kommen, desto besser. Nach unserem Glauben ist eine große Menschenmenge ein Zeichen für Gott, dass der Verstorbene ein guter Mensch gewesen ist: Wen die Menschen geliebt haben, den wird auch Gott lieben. Diese Tradition führt hierzulande nicht selten zu Konflikten mit der Krankenhaus- oder Hospizverwaltung. Daher wird es mittlerweile oft so gehandhabt, dass der Imam beim Freitagsgebet von der Kanzel aus darum bittet, für einen Sterbenden oder einen Verstorbenen zu beten und von Besuchen im Krankenhaus abzusehen. Das wäre in einem muslimischen Land weniger kompliziert. Dort wird ein Tod sofort von der Familie der Moschee gemeldet und öffentlich von den Minaretten ausgerufen. Ab diesem Zeitpunkt hat sich jeder, der den Verstorbenen oder seine Familie auch nur entfernt kennt, in das Trauerhaus zu begeben. Pietätvolle Distanz und Trauerbekundungen per Brief oder Karte wie es in Deutschland Tradition ist, wären daher unter Muslimen undenkbar.

 

Wie wird der Verstorbene verabschiedet?

Es ist wichtig, den Toten ohne Schulden gehen zu lassen – sowohl im materiellen als auch im zwischenmenschlichen Sinne. So wird von jedem Anwesenden sozusagen ein „Vergelt´s Gott“ eingeholt. Bei der Bestattung fragt der Imam die Trauergemeinde, ob noch jemand etwas vorzubringen hat, um sicher zu gehen, dass alle menschliche Schuld vergeben wird. Denn im Paradies werden alle wieder vereint. All dies geschieht innerhalb eines Zeitraums von höchstens 24 Stunden, in dem ein Leichnam bestattet werden soll. Je schneller, desto besser, denn die Seele trennt sich erst vom Körper, wenn er unter der Erde ist. Jede Minute, die sie länger in einer toten Hülle ausharren muss, ist eine Qual. Damit sie schnell ihrer Sehnsucht nach dem Schöpfer folgen und zu Gott wandern kann, muss der Verstorbene so schnell wie möglich bestattet werden. Da der Islam in der heißen Wüste entstanden ist, hatte diese Sitte natürlich darüber hinaus auch praktische Gründe.

 

Mit welchen Ritualen wird der Verstorbene für seine Bestattung vorbereitet?

Bestattungen können nach dem Mittags- oder Nachmittagsgebet stattfinden. Bei der Vorbereitung und beim Ritual hilft die gesamte Trauergemeinde. Um die rituelle Waschung zur letzten Reinigung von allen Sünden kümmern sich meist Freunde, nicht die Familie selbst. Frauen werden von Frauen gewaschen, Männer von Männern. In Dorfgemeinschaften gibt es meist einige Menschen, die dies besonders gut können und keine Berührungsängste haben. Hier in Penzberg haben wir neuerdings das Glück, dass zwei Frauen professionell für das rituelle Waschen ausgebildet wurden, denn dieses Können und Wissen kann heute nicht mehr automatisch vorausgesetzt werden. Gleiches gilt für das Einhüllen in weiße Tücher, die zum Teil von der Pilgerreise nach Mekka stammen.

 

Die Pilgerreise nach Mekka ist also auch eine Vorbereitung auf den Tod?

Richtig. Gemäß muslimischem Glauben wird nicht jede Seele direkt nach dem Tod gerichtet, sondern alle gemeinsam am Tag des Jüngsten Gerichts, wenn es die Welt nicht mehr gibt. Der Mensch hat jedoch durch die Pilgerreise die Möglichkeit, dies vorwegzunehmen. Bei der Wallfahrt begibt man sich in den Zustand des Todes, reflektiert sein Leben, bittet um Vergebung der Sünden und schaut, was man künftig besser machen kann. Als Zeichen der Neugeburt werden bei Männern alle Haare kahl geschoren, bei Frauen ein Drittel. Ein zusätzliches Zeichen sind die weißen Pilgergewänder, die eigentlich Leichentücher sind.

Einmal im Leben soll ein gläubiger Muslim diese heilige Reise unternehmen, doch nicht jedem ist das möglich. Deshalb gibt es tröstende Rituale wie das fünfmalige Gebet, das ortsunabhängig ist und ebenfalls unter anderem der Vergebung der Sünden dient. Mit dem fünfmaligen täglichen Beten bereiten wir uns immer wieder auf den Tod vor und erinnern uns daran, dass das Leben nur für eine begrenzte Zeit für den Menschen da ist. Nach unserer Überzeugung wird der Mensch mit seinem Glauben geboren. Ohne ihn wäre er nicht lebensfähig. Daher gibt es auch keine Taufe oder Initiationssakramente. Über die Hälfte der Inhalte des Korans haben mit dem Jenseits zu tun. Daher gilt es, das Leben im Hinblick auf den Tod so gut wie möglich zu meistern.

 

Welche Voraussetzungen müssen ein Grab bzw. ein Friedhof für eine muslimische Bestattung erfüllen?

Hier in Bayern gibt es im Gegensatz zu mittlerweile einigen anderen Bundesländern noch die Sargpflicht. Die erste Gastarbeitergeneration entscheidet sich daher meist für eine Beerdigung im Herkunftsland. Noch wichtiger als der Sarg ist die ewige Totenruhe, die hier in Deutschland nur wenige Friedhöfe garantieren können. Hier in Penzberg hat man uns jedoch ein unbegrenztes Ruherecht zugesichert. Der Gedanke, der dahinter steht: An der letzten Ruhestätte wird der Körper am Tag des Jüngsten Gerichts wieder erweckt und die geläuterte Seele gelangt zurück in den Körper, der ebenfalls gerichtet werden wird. Darum wird auch die Feuerbestattung ausgeschlossen: Der Körper spielt auch posthum noch eine wichtige Rolle. Idealerweise wird er in Tücher gehüllt direkt in die Erde gelegt, denn Gott hat den Menschen aus Erde gemacht, in die er wieder zurückgeführt werden soll. Vor dem Hintergrund der hiesigen Sargpflicht wählen viele Muslime besonders schnell verrottende Särge und arrangieren sich mit den rechtlichen Vorschriften. Wichtig ist außerdem die Ausrichtung: Der Verstorbene wird auf die rechte Seite gelegt und so gedreht, dass seine Augen nach Mekka weisen, sodass er mit Gott verbunden ist. Denn mit der Kaaba in Mekka hat Er ein Zeichen seiner Existenz auf Erden gesetzt, einen Bezugspunkt, auf den sich alle muslimischen Gräber ausrichten.

 

Wie werden sich muslimische Bestattungen in den kommenden Jahren in Deutschland ändern?

In Deutschland ist der Islam keine Körperschaft des Öffentlichen Rechts, weshalb wir keine eigenen Friedhöfe gründen dürfen. Ich vermute jedoch, dass sich die Gesetze im Laufe der Jahre lockern werden. Gleichzeitig bewegt sich auch in unseren Bestattungsritualen viel und Überzeugungen passen sich den Gegebenheiten an: Die Überzeugung, dass die Seele trotz Sarg befreit werden kann und es Gott auch dann gelinge, dem Körper neues Leben einzuhauchen, wenn es das Grab nicht mehr gibt, verbreitet sich allmählich. Sogar in großen Ballungszentren in muslimischen Ländern kehrt zwangsläufig der Pragmatismus ein: In Istanbul ist es aufgrund von Platzmangel bereits üblich, Familien in Schichtgräbern zu bestatten. Alles ist in Bewegung. Wenn man sich muslimische Gräber in Europa anschaut, in denen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen über Jahrhunderte zusammengelebt haben und auch auf gemeinsamen Friedhöfen beigesetzt wurden, zeigt sich ganz deutlich die gegenseitige Beeinflussung. Das werden wir in den nächsten Jahrzehnten wohl auch hier erleben.

 

Wie wichtig ist die Grabgestaltung?

Eigentlich sollen die Gräber nicht weiter ausgebaut werden, denn ab der Beisetzung nimmt sich Gott des Menschen an. Außer einer Steele mit dem Namen des Verstorbenen soll das Grab nicht verändert oder gepflegt werden. Ein ideales Grabfeld wird wieder eins mit der Natur. Dies ist natürlich meist nicht mit der Friedhofssatzung vereinbar. Hier in Penzberg haben wir auf dem städtischen Friedhof seit sieben Jahren einen kleinen Teil mit 250 Quadratmetern gepachtet und kaufen immer mehr Gräber auf. Um die Pflege kümmert sich die muslimische Gemeinschaft. Bestattet werden dürfen laut Kommunalrecht leider nur Gemeindemitglieder aus dem Landkreis.

 

Welche Aufgaben übernimmt der Bestatter?

Während der Beruf in vielen muslimischen Ländern überflüssig ist, da sich die Familienmitglieder, Freunde und die Dorfgemeinschaft um den gesamten Ablauf kümmern, ist der Bestatter in Deutschland unerlässlich. Hier gibt es zahlreiche professionelle Institute, die sich auf die schnelle Organisation inklusive Totenschein und Beisetzung oder in vielen Fällen auch das Überführungsprocedere ins Ursprungsland spezialisiert haben. Meist geschieht alles innerhalb von zwei Tagen und ist sehr professionell, aber auch sehr kommerziell. Der Bestatter bringt Leichentücher, die spezielle Seife und alles, was man für das Ritual benötigt. In Penzberg nutzen wir für die Waschung einen speziell ausgestatteten kleinen Raum in der Aussegnungshalle. Dort bereiten wir auch Leichname für die Überführung vor. Viele Familien haben mit Sterbekassen vorgesorgt und oft auch dafür gesorgt, dass möglichst viele Familienmitglieder den Flug und die Bestattung begleiten können. Die Kommerzialisierung der Bestattung hat jedoch auch schon auf die Türkei übergegriffen. Nicht selten fühlt man sich auf Anraten des Bestatters moralisch dazu verpflichtet, Exemplare des Korans an die Trauergemeinde zu verschenken. Für den schmaleren Geldbeutel gibt es kleine Broschüren mit Auszügen aus der Heiligen Schrift und dem Namen des Verstorbenen auf dem Titel.

 

Sie engagieren sich für den interkulturellen Dialog – was ist für Sie die größte Gemeinsamkeit und was der größte Unterschied unserer beiden Kulturen?

Uns alle eint die Tatsache, dass wir sterben werden – diese einfache Erkenntnis schafft im interkulturellen Dialog oft eine gemeinsame Basis und Verbundenheit. Der Tod gehört zu unser aller Leben – die ist im Islam allerdings präsenter als im Christentum hierzulande, in dem man in „stiller Trauer“ Abschied nimmt. Im Islam geht es alles andere als still zu, wenn ein Mensch verstirbt.