„Hi Leute, ich lebe noch!“ – Letzte Grüße auf Grabmälern

(Interview mit Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler)

 

Über 1.100 Friedhöfe haben die beiden Soziologen bereits unter die Lupe genommen. Entstanden ist u.a. eine fotografische Sammlung ungewöhnlicher Grabsteine, die in den Bildbänden „Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe“ und „Game over“ zu finden sind. Dr. Thorsten Benkel forscht und lehrt Soziologie an der Universität Passau, Matthias Meitzler, M.A. promoviert im Bereich Thanatosoziologie und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Passauer Forschungsprojekt „Artefakt und Erinnerung“. Am 5. und 6. Juli 2019 veranstalten die beiden Wissenschaftler die Tagung zur „Zur Kultur der Bestattung in der individualisierten Moderne“ an der Universität Passau (s. Veranstaltungshinweis) und berichten auf ihrer Webseite www.friedhofssoziologie.de regelmäßig über ihre Forschungen und Entdeckungen.

 

An wen richten sich letzte Grüße auf Grabmälern?

Thorsten Benkel: Die Adressierung ist schon länger ein Thema für uns. Steht auf einem Grabstein etwa „Jürgen, Du fehlst mir“ wird so getan, als wäre die Person noch adressierbar. Die Aufschrift auf einem Foto „Lieber Papa, heute vor vier Jahren bist Du mir genommen worden. Ich vermisse Dich so sehr“ richtet sich nicht nur an den Verstorbenen, sondern informiert auch andere über den Schicksalsschlag. Die Trauer wird beweiskräftig gemacht, der Text wird sogar jährlich aktualisiert. Letzte Grüße gibt es jedoch nicht nur verewigt auf Grabmälern, sondern beispielsweise auch in Form eines witterungsbeständig laminierten Briefs der besten Freundin eines verstorbenen Mädchens – eine Möglichkeit, mit dem sozialen Umfeld zu agieren, obwohl die Person nicht mehr da ist.

Matthias Meitzler: Die Bandbreite der Adressierungen ist in den letzten Jahren gewachsen, mal wird der Verstorbene direkt ‚angesprochen‘, mal legt man ihm sogar humorvolle Worte in den Mund, wie etwa „Hi Leute, ich lebe noch“ oder „Kommt mich mal besuchen“. Traditionellerweise, doch ebenfalls zunehmend differenzierter, richten sich auch viele Inschriften an Gott. In einem Fall teilt eine Familie Gott mit, dass der Verstorbene zwar nicht gläubig war – dass Gott ihn aber doch gemocht hätte.

 

Der Friedhof ist ein öffentlicher Raum. Inschriften oder persönliche Grabdekorationen sind nicht privat. Wird dies von Trauernden billigend in Kauf genommen oder sogar gewollt?

Matthias Meitzler: Hier vermischt sich der private mit dem öffentlichen Raum. Es gibt ebenso offene Briefe auf Gräbern, die jeder lesen kann, als auch verschlossene, manche sogar in einem Briefkasten am Grabstein. Werden Fotos am Grab abgelegt, sind diese sichtbar für alle Grabbesucher. Manchmal sehen wir auch Einladungskarten – zur Kommunion des Enkelkinds oder zur Hochzeit. So werden dem Verstorbenen wichtige Lebensereignisse gewissermaßen mitgeteilt. Auf einem Grab haben wir das Ultraschallfoto einer schwangeren Frau gesehen, deren Vater vor der Geburt ihres Kindes verstorben war. Durch das Foto wird symbolisch ein Familienzusammenhang hergestellt, den es so nie gegeben hat oder geben wird.

Thorsten Benkel: Diese Beispiele zeigen auch: Viele dieser letzten Grüße sollen gar nicht letztmalig sein – wie der eines Herrn, der einen recht intimen Text für seine verstorbene Geliebte schreibt und ihr immer wieder neue Nachrichten auf ihr Grab legt, das hier als symbolischer Kommunikationsort fungiert. Die persönliche Beziehung wird am Grab noch einmal bilanziert – und gewissermaßen aufrechterhalten.

 

Das klingt alles erstaunlich analog für unsere zunehmend digitalisierte Welt.

Matthias Meitzler: Nicht unbedingt. Wir finden auch viele Verweise ins Digitale, etwa mittels QR-Code als Form der Adressierbarkeit über den analogen Rahmen des Friedhofs hinaus. Das Repertoire wächst stark. Online geht es nicht darum, sich vom toten Körper zu verabschieden, sondern darum, sich die anhaltende Präsenz des Verstorbenen permanent vor Augen zu führen, um sich nicht lösen zu müssen.

Thorsten Benkel: Die Trauer im Internet gibt es seit den 90er Jahren. In den letzten 20 Jahren hat sich viel getan. Die Arten der Nutzung haben sich sehr stark ausdifferenziert: Einige richten einen virtuellen Friedhof ein, den sie nur einmal besuchen, um festzustellen, dass er ihnen in ihrer Trauer nicht hilft, andere besuchen täglich ein Gedenkportal. Wir können davon ausgehen, dass es in den nächsten Jahren neue Techniken und Formen des Online-Gedenkens geben wird, an die wir jetzt noch gar nicht denken.

Matthias Meitzler: Online wie offline kommt es darauf an, welche Bedeutung man dem Grab als Trauerort zuschreibt. Aktuell führen wir eine Studie durch, in deren Rahmen wir Trauernde interviewen und oftmals erfahren, dass Trauer nicht zwingend einen festen Ort haben muss, der von außen sichtbar ist, sondern sich auch schlichtweg in Gedanken abspielen kann.