Hauptsache anonym!?

csm_krawuttke_klein_17_61b4522fa8© echtgemalt

Als Bestatter erlebt man ja so einiges – die unglaublichsten Todesursachen, Familiengezänk der besonderen Art, bewegende Geschehnisse oder auch sehr kuriose Wünsche für Trauerfeiern … da habe ich schon einiges mitgemacht, das können Sie mir glauben. Aber was ich jetzt vor Kurzem erlebt habe, übertrifft alles …

 

Freitagnachmittag war es, ich wollte gerade genüsslich ein Stück Apfelkuchen verzehren. Da geht plötzlich die Tür auf und herein huscht – anders kann man seine Bewegungen nicht bezeichnen – ein untersetzter Mann mittleren Alters. Er blickt nach links … blickt nach rechts … sieht, dass ich alleine im Büro bin und atmet hörbar auf. „Sie“, flüstert er, „ich habe gehört, Sie sind ein Geschäftsmann, der mit allen Wassern gewaschen ist.“ „Äh … ja. Was kann ich für Sie tun?“ hauche ich im gleichen Tonfall zurück – noch halte ich die ganze Situation für durchaus witzig. „Mein Name tut nichts zur Sache. Ich möchte jemanden unter die Erde bringen. Heimlich, ohne Aufsehen, ohne dass man den Ort nachher wiederfindet. Ich habe gehört, Sie sind dafür der richtige Ansprechpartner“, antwortet der Unbekannte. Was bitte soll das bedeuten? Soll ich in dunkle Machenschaften mit hineingezogen werden?? Nicht, dass ich nicht schon als kleiner Junge gerne Krimis gelesen hätte ….

 

Der Mann greift unter seinen Mantel, rechte Hosenseite – genau in der Höhe, wo bei Gangstern die Waffe sitzt. Was soll ich nur machen? Falls er mich bedrohen sollte, werde ich versuchen, diesen Kung Fu-Schlag anzuwenden, den ich letztens im Fernsehen gesehen habe. Und da heißt es, das Fernsehen sei nicht lehrreich – jetzt rettet es mir vielleicht mein Leben! „Mhhh … was genau meinen Sie? Äh …kann ich Ihnen erst mal ein Stück Kuchen anbieten?“, versuche ich ihn gnädig zu stimmen. Vor meinem inneren Auge tut sich ein idealer Fluchtweg auf: Hinten in die Küche und ab durchs Fenster – hoffentlich passe ich durch, künftig werde ich darauf achten, weniger Kuchen zu essen …

 

„Meine Mutter ist verstorben, sie soll beerdigt werden“, kommt die Antwort – puhh, ich kann wieder aufatmen, doch keine kriminellen Verwicklungen. Aber was, um Himmels Willen, verbirgt er unter seinem Mantel? „Ich möchte eine Beisetzung ohne viel Wirbel. Keinen Grabstein, keine Feierlichkeiten, absolut anonym und so günstig wie möglich“, sagt der Mann und zieht mit einer plötzlichen Bewegung seine Hand unter dem Mantel hervor. „Hier finden Sie alles Nötige“, sagt er und legt einen Beutel vor mir ab. „Alles andere klären wir beim nächsten Treffen …“, spricht‘s und verschwindet genauso schnell und leise, wie er gekommen ist. Ich öffne den Beutel: „Hauptsache anonym“ steht auf einem Zettel, daneben die Unterlagen für die Beisetzung der Mutter – und ein paar Geldscheine, offensichtlich die Anzahlung. Etwas merkwürdig war der Mann ja schon … aber egal … Ich bin Dienstleister durch und durch. Wilhelm Krawuttke Bestattungen heißt absoluter Service und das schon seit 1930. Der Kunde ist König, sein Wunsch ist mir Befehl. Ein paar Tage nach unserer Begegnung ist alles erledigt, vorschriftsmäßig: Keiner weiß, wann und wo die Bestattung stattgefunden hat, an Frau … erinnert nichts mehr. Außer der Rechnung, auf der ihre Beerdigung als Posten aufgeführt ist. Jetzt muss ich nur noch meinen Auftraggeber finden. Anonym heißt schließlich nicht kostenlos. Wenn ich nur seinen Namen wüsste …