Hat der Friedhof ausgedient? Neue Konzepte für die Erhaltung der Erinnerungskultur

Friedstelen von der Stein Hanel GmbH

Die Friedhofskultur steht am Scheideweg: Klassische Grabsteine weichen zunehmend der anonymen Bestattung. Parallel entsteht eine neue Erinnerungs- und Gedenkkultur. Baumgräber, Gemeinschaftsgrabstätten, Stelengräber, Urnenwände oder -anlagen eröffnen Bestattern neue Optionen für das Gespräch mit Hinterbliebenen. Denn der Wunsch nach einer anonymen Bestattung außerhalb des Friedhofs aus Kostengründen rührt oft daher, dass günstige und pflegefreie Alternativen nicht hinreichend bekannt sind.

„Angehörige bitte bei der Verwaltung melden“ – auf vielen Friedhöfen reihen sich solche verwitterten Hinweise an Grabsteinen direkt an leere Flächen. In der Metropole Berlin mit 3,5 Millionen Einwohnern sind bereits 50 Prozent der Friedhofsflächen überflüssig. Gepflegte Erdwahlgräber stehen buchstäblich auf verlorenem Posten, vor allem in Großstädten, denn Discount-Begräbnisse im Ausland, platzsparende Urnenbestattungen, Gemeinschaftsfelder, See- und Waldbestattungen setzen Friedhofsbetreiber unter Druck. Die oft notwendige Erhöhung der Gebühren bewegt Hinterbliebene dazu, nach alternativen Bestattungsmöglichkeiten jenseits der Friedhofsmauern zu suchen. Denn pflegeleicht und preisgünstig soll es sein, das Grab von heute. Eine Entwicklung, die sich auf die Gebührenhaushalte auswirkt und in einen Teufelskreis führt. Die Folge: In vielen Städten ist Sterben bereits ein Luxus ‒ immer weniger Menschen können eine Bestattung in ihrem Wohnort bezahlen. So dominieren in der Presse die Negativschlagzeilen, wenn es um die Zukunft des Friedhofs geht.

Begegnungen mit Verstorbenen und Lebenden

 

„Menschen brauchen äußere Zeichen einer inneren Verbundenheit. Ein Ort, der Angehörigen ermöglicht, ihre Verstorbenen zu betrauern und das Leben mit ihnen zu reflektieren, ist eminent wichtig. Es hat sich gezeigt, dass bei anonymen Bestattungen die Angehörigen oft über lange Zeit darunter leiden, wenn sie nicht wissen, wo ihre Angehörigen bestattet wurden. Der Friedhof bietet die Möglichkeit einer Begegnung mit den Verstorbenen und den Lebenden sowie einer Auseinandersetzung mit den Fragen von Leben und Tod“, schreibt das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur auf seiner Website. Dem Wunsch nach Pflegefreiheit der Grabfläche werde durch pflegefreie Gemeinschafts-Grabanlagen zunehmend Rechnung getragen. „Die Gestalt unserer Friedhöfe wird sich in den nächsten Jahren verändern, dies hat mit Grabfeldern für Verstorbene anderer Kulturen und Religionen zu tun, aber auch mit einer größeren Bandbreite ästhetischer Stile und unterschiedlicher finanzieller Möglichkeiten. Daneben gibt es einen sehr problematischen Trend zur möglichst billigen ‚Entsorgung‘ von Verstorbenen, oftmals bedingt durch veränderte familiäre Strukturen und finanziell engere Spielräume für manche Bevölkerungsschichten.“ Die zentrale Herausforderung für alle Beteiligten ist die Grabpflege. Wer kümmert sich? Wer trägt die Kosten? Wer besucht das Grab regelmäßig? Solche Fragen lassen sich in den Familien oft nicht vorab klären. Auch dies habe einen Anteil daran, dass in Berlin seit Jahren rund 40 Prozent der Verstorbenen anonym bestattet werden, wie die taz in ihrem Artikel „Zu viel Platz zum Sterben“ berichtet.

Alternativen zur Anonymität

 

Die Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas e. V. fordert daher: Attraktive Angebote sollen die Gebührenzahler überzeugen, nicht nur auf den Preis zu schauen. Viele Friedhöfe beschreiten hier bereits den richtigen Weg, zum Beispiel mit ansprechend gestalteten garten- oder parkartigen Grabanlagen. Auch aus den unterschiedlichen Gewerken entstehen immer mehr Initiativen, die sich die Wiederbelebung der Friedhofskultur auf die Fahnen schreiben. Mit neuen Grabformen finden sie zeitgemäße Lösungen, die sowohl dem Wunsch der Hinterbliebenen nach einer personalisierten Gedenkstelle als auch den Interessen der Friedhofsbetreiber entgegenkommen, da Freiflächen sinnvoll genutzt werden. „Mir geht es darum, ein Konzept zu finden, das möglichst vielen dient“, sagt Alexander Hanel, Steinmetz und Initiator des Friedhofskulturkongresses. „Eines der Konzepte mit der besten Wirksamkeit sind derzeit die Friedstelen, da die Pflegepflicht entfällt und Menschen nicht außerhalb in einem Wald bestattet werden, sondern in der Gemeinde bleiben.“ Die circa 110 Zentimeter hohen Steinstelen sind auf Wunsch mit Namen und Daten zu beschriften und werden von einem schmalen gepflasterten Rand umgeben, sodass etwa zu Gedenktagen auch Blumen niedergelegt oder Kerzen angezündet werden können – nach Hanels Ansicht ein notwendiges Trauerritual und somit auch ein wesentlicher Vorteil gegenüber der anonymen Waldbestattung. „Auf dem Friedhof bin ich vor Ort in der Gemeinde und kann die gesamte Infrastruktur wie befestigte Wege und öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Wenn etwa ältere Angehörige aufgrund von eingeschränkter Mobilität nicht zu ihren Verstorbenen gelangen, verlieren sie diese ein zweites Mal – ein traumatisches Erlebnis.“ Dies will Alexander Hanel den Hinterbliebenen ersparen. Er glaubt an die Zukunft des Friedhofs und daran, dass es möglich ist, gemeinsam mit anderen Initiatoren wie Kirche und Kommunen wirksame Konzepte zu realisieren.

Friedhof als zeitloser Ort der Trauer

 

Auch Bestatter möchte Alexander Hanel für die Bedeutung des Friedhofs sensibilisieren: „Trotz der Veränderungen in der Gesellschaft ist der Friedhof auch weiterhin der wichtigste Ort der Trauer und Bestattung.“ Viele Menschen werden sich dessen erst bewusst, wenn sie den Tod eines ihnen nahestehenden Menschen betrauern. „Der Friedhof ist unsere Tradition. Daher müssen wir Friedhöfe so umgestalten, dass sie den Wünschen der Menschen entsprechen und ihnen unterschiedliche Möglichkeiten und Konzepte bieten. Davon haben alle Gewerke, Friedhofsbetreiber, Bestatter und auch die Hinterbliebenen etwas.“ Er berichtet von einer Bürgerinitiative älterer Menschen, deren Kinder weit entfernt wohnen und sich nicht um die Grabpflege werden kümmern können. „Die Herrschaften wollen jedoch unbedingt auf dem Friedhof ihrer Heimatgemeinde bestattet werden. Da dieser keine pflegefreien Konzepte bot, reichten sie einen Antrag auf die Einrichtung von pflegeentpflichtenden Gräbern ein.“ Solche Initiativen sind jedoch eher eine Seltenheit. Die Bürger müssen meist mit dem vorliebnehmen, was der örtliche Friedhof bietet oder was der Bestatter ihnen aufzeigt. „Sowohl beim Friedhofsbetreiber als auch beim Bürger steht der finanzielle Aspekt im Mittelpunkt. Beide Seiten werden in eine Situation gezwungen, die sie so nicht wollen. Auch der Bürger möchte die Bestattungsform nicht nur von den Kosten abhängig machen. Daher müssen wir ihm die bestmögliche seinen Lebenswerten entsprechende Bestattung zukommen lassen“, fordert Tobias Weiher, Experte für Friedhofslösungen. „Viele ältere Menschen äußern den Wunsch einer Waldbestattung. Doch dahinter steckt meist nicht unbedingt der Wunsch, unter einem Baum zu liegen, sondern vor allem danach, niemandem zur Last zu fallen“, weiß Alexander Hanel. „Wir müssen die Schraube so drehen, dass die Menschen die freie Wahl haben“, meint er. „Wir kommen in ein Entsorgungssystem ‒ selbst im Mittelalter hat die Menschheit es geschafft, dem Toten einen Namen zu geben. Jetzt, Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts, soll das plötzlich nicht mehr möglich sein?“, fragt Tobias Weiher. „Nach einer anonymen Bestattung weiß ich noch nicht einmal, wo ich eine Blume ablegen kann. Meiner Ansicht nach fällt die Entscheidung für ein anonymes Grab vor allem aufgrund fehlender Alternativen.“

Pachtfristen und Kostendeckung

 

Als eine mögliche Lösung sieht Alexander Hanel das pflegeentpflichtende Stelengrab mit einer Pachtfrist zwischen 10 und 20 Jahren an; aufgrund der zahlreichen Überhangflächen sei auch eine längerfristige Pacht möglich. So können auch weitere Familienmitglieder unter der Stele beigesetzt werden. Die Kosten für ein Stelengrab betragen zwischen 800 und 1.100 Euro – je nach individueller Ausgestaltung. „Alle Freiflächen kommen Kirche oder Kommune teurer zu stehen“, so der Steinmetz. Auch kurze Liegezeiten im großstädtischen Raum sollten daher nicht zu kurz gehalten werden. Er regt je nach Belegung eine kostenfreie Verlängerung an, wenn das Grab gut gepflegt wird. Doch auch Lücken müssen nichts Schlimmes sein, da man inzwischen auch schmale Wege habe, für die früher kein Platz gewesen sei. „Größere Freiflächen können auch Raum für Kommunikation schaffen, etwa für im Quadrat angeordnete Bänke, auf denen sich Gespräche ergeben. „Eine kostengünstige Möglichkeit, den Hinterbliebenen einen Mehrwert zu bieten.“ Auch Tobias Weiher, der mit seinem Kompetenzteam Friedhofsbetreiber berät und individuelle Friedhofskonzepte entwirft, will den Friedhof als Begegnungsstätte propagieren. „Wir haben viele parkähnliche Friedhöfe in Deutschland ‒ öffentliches Grün, das als Begegnungsstätte stärker subventioniert werden kann“, so einer seiner Ansätze. Konfrontiert man die Friedhofsbetreiber allerdings mit zu extremen Veränderungsvorschlägen, ist dies nach Hanels Erfahrung eher kontraproduktiv. „Eigentlich weiß jeder, was es zu tun gilt. Übersteigt dies jedoch die Möglichkeiten vor Ort oder werden zu viele außergewöhnliche Konzepte präsentiert, wirkt dies eher bremsend.“ Praxisnah, werteorientiert und ohne große Kosten – das seien die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung, da sind sich beide Friedhofsspezialisten einig.

Abschiednahme am Sarg wieder im Fokus

 

Tobias Weiher möchte die Abschiednahme am Sarg und den Erhalt der traditionellen Friedhofsformen wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Er setzt auf Urnenstelenanlagen, aber auch auf Baumgräbersysteme auf dem Friedhof. Seine Konzepte basieren auf einer Quersubventionierung der traditionellen Bestattungsformen. Denn bei einer weiteren unverhältnismäßigen Gebührenerhöhung, so Weiher, verschwinde das Sarggrab bald völlig. „Das wäre das Schlimmste, das uns passieren kann. Eine Gesellschaft definiert sich doch auch über ihre Friedhofskultur.“ Seine Meinung: „Wir sind in Deutschland auf dem falschen Weg.“ Friedhofsbetreiber bieten eine Abschiednahme an der Urne oder eine Beisetzung im Rasengrab an – die Bestattung werde nicht mehr zelebriert. „Bei der Abschiednahme vor einem Blechkübel ohne Aussegnungsräume kann weder eine Beziehung zum Verstorbenen noch zur eigenen Trauer aufgebaut werden.“ In der Gesellschaft wie auch beim Friedhofsbetreiber stehe heute lediglich die Wirtschaftlichkeit im Mittelpunkt, sodass auch anonyme Bestattungen weniger dem Werteverfall zuzuschreiben sind als vielmehr den hohen Kosten der klassischen Möglichkeiten. „Wir sind mitten in einer Spirale, die sich weiter und schneller nach unten dreht. Wenn wir nicht reagieren und zumindest 50 Prozent mit pflegefreien Flächen erwirtschaften, werden die gewachsenen Friedhöfe, wie wir sie kennen, immer schwieriger zu betreiben sein“, warnt Tobias Weiher. Dennoch sieht auch er große Herausforderungen im gesellschaftlichen Wandel: „Wenn Angehörige weit verstreut leben, ist ein breites Angebot an pflegefreien Bestattungsformen wie zum Beispiel Urnenstelen ideal“, bestätigt er Alexander Hanels Meinung. Auch Urnenwände sind laut Tobias Weiher eine wirtschaftliche Lösung:„Wenn der Bürger sich schon gegen eine traditionelle Sarg- oder Urnenerdbestattung entscheidet und eine pflegefreie Lösung sucht, dann kann er beispielsweise 1.300 Euro für eine Nische in dieser Urnenwand investieren. Bei dieser Bestattungsform kann auch der Friedhofsbetreiber kostendeckend wirtschaften. Eine Nische kostet diesen im ersten Schritt 1.000 Euro. Der Bürger zahlt den Betrag an die Kommune und noch mal 200 bis 300 Euro für die Beschriftung der Türen.“ So profitiert die Kommune von einer Kostendeckung, zumal die Nische auch wiederbelegt werden kann, wenn die Urne nach Ablauf der Ruhezeit pietätvoll in einer Aschenkammer beigesetzt wurde. Das heißt: Mehrleistung für den Bürger in Form von pflegefreien Bestattungsformen, und die Kommune lässt wertvolles Potenzial nicht in die freie Marktwirtschaft abwandern.

Baumbestattung innerhalb des Friedhofs

 

Um dies zu verhindern, bieten viele Friedhöfe mittlerweile auch Baumbestattungen an, laut Tobias Weiher allerdings aufgrund des Aufwands für Personal, Erhaltung der Zuwege und Gebührenkalkulation lediglich im Durchschnitt zu 64 Prozent kostendeckend und in diesem Punkt vergleichbar mit der bisherigen Kostendeckung auf Deutschlands Friedhöfen. Um die Personalkosten für den Grabaushub zu minimieren, empfiehlt Weiher den Friedhofsbetreibern daher Baumgräber mit einem Röhrensystem und Bronzegussdeckeln, die gleichzeitig als Grabstein dienen. „An schön gewachsene Bäume können bis zu zwanzig Röhren gesetzt werden. Rundum besteht die Möglichkeit, Begegnungs- und Kommunikationsstätten zu schaffen“, sagt Tobias Weiher. „So wird eine bisher ungenutzte zu einer hochwirtschaftlichen Fläche, wenn es viele Bäume, aber keine Freifläche gibt, aber auch umgekehrt.“ Wenn Tobias Weiher Friedhofsbetreiber berät, wird zunächst der Friedhof individuell analysiert. „Wir erstellen eine Bestandsaufnahme und fragen: Wie ist der Friedhof gewachsen? Wie ist die demografische Entwicklung im Ort, welche Trends müssen wir mittelfristig berücksichtigen? Welche Stärken und Schwächen gibt es aktuell? Gibt es eine Aussegnungshalle, die genutzt oder umgenutzt werden kann, damit Abschied am Sarg wieder näher an den Friedhof rückt?“ Auch die Bodensituation und der für eine Erdbestattung geeignete Anteil werden genau unter die Lupe genommen. Anhand eigens erstellter Grabablaufpläne wird ermittelt, wo Grabflächen besser einsetzbar sind. „Im Anschluss wird an einem runden Tisch mit Bestattern, Steinmetzen, Friedhofsgärtnern und Angehörigen unterschiedlicher Glaubensrichtungen diskutiert, um eine Strategie und einen Masterplan für die nächsten 35 Jahre erstellen zu können, der modular umgesetzt werden kann.“ Die flexible Umsetzbarkeit sei besonders wichtig, denn „Wer vor 15 Jahren den heutigen Anteil von 50 bis 60 Prozent Feuerbestattung vorhergesagt hätte, wäre belächelt worden“, so Tobias Weiher. „Wir können heute nicht wissen, was in den nächsten Jahren wird, sondern lediglich einen roten Faden vorgeben und regelmäßig überprüfen, ob sich die Nachfrage so entwickelt hat, wie wir sie prognostiziert haben.“ Ein Thema, das Tobias Weiher besonders am Herzen liegt, ist die Um- beziehungsweise Mehrfachnutzung von Aussegnungshallen. „Steinmetze und Friedhofsgärtner können sie als Ausstellungshalle nutzen; es können Lesungen und kleine Konzerte stattfinden; wenn Waschräume zur Verfügung gestellt werden, können außerdem auch muslimische Bestattungen zelebriert werden. Das Wichtigste ist meiner Ansicht nach jedoch, hier die Trauer am Sarg zu zentralisieren.“ Dafür sollten die Voraussetzungen geschaffen und ein Zugang rund um die Uhr gewährleistet werden, etwa mittels Code oder Fingerprint. „Wir müssen Möglichkeiten schaffen, rund um die Uhr Abschied zu nehmen.“ Den Hinterbliebenen und Betroffenen zu vermitteln, wie wichtig dies ist, sie zu informieren und zu motivieren, liegt vor allem in den Händen des Bestatters. Als erste Kontaktperson im Trauerfall kann er aufklären und Betroffene für den Erhalt der Friedhofs- und Trauerkultur sensibilisieren.

Weitere Informationen:

 

www.bestatter.de/kuratorium

www.friedhofskonzepte.com

www.friedhofskulturkongress.de

www.stein-hanel.de