Es war einmal…

csm_titel_web_2c7f6c586fFriedhof. © Echtgemalt

… ein Friedhof. Er war die Begräbnisstätte der Verstorbenen. Die Menschen besuchten ihn zum Gedenken an die Toten, als Ort der Ruhe oder um Trost zu finden. So oder so ähnlich könnte in einigen Jahren die Geschichte vom „Guten alten Friedhof“ beginnen. Denn entwickelt sich die Friedhofskultur weiterhin so negativ wie in den letzten Jahren werden Friedhöfe, wie es sie heute gibt, nicht mehr existieren.

 

In unserer letzten Ausgabe (Bestattung 2/2012) berichteten wir über die Schließung des Friedhofs Bornkamp in Hamburg-Altona. Diese ist nicht die einzige in Deutschland. Immer mehr Friedhöfe müssen stillgelegt werden. Sie sind für die Kommunen zu kostspielig, da die großen Flächen nicht mehr gebraucht werden. Heutzutage lassen sich die Menschen vermehrt einäschern und dann anonym unter einer Rasenfläche beisetzen. Viele haben nicht die finanziellen Mittel um eine aufwendige Beerdigung mit einem Wahlgrab bezahlen zu können. Doch auch der gegenteilige Trend zu immer aufwändigeren und teureren Bestattungsformen fördert die Schließung der Friedhöfe.

 

Außergewöhnliche Bestattungsorte sind en vogue

Egal ob die Asche des Verstorbenen aus Heißluftballons über Schweizer Bergen verstreut wird, oder ob sie in einer Urne ins Wasser der Nordsee gelassen wird – es wird kein Platz auf dem Friedhof benötigt. Doch die Totenasche muss noch nicht einmal in das Weltall geschossen oder zu einem Diamant gepresst werden. Alleine die vielen Eröffnungen von Friedwäldern und Ruheforsten in den letzten Jahren sorgen für nicht besetzte Gräber auf deutschen Friedhöfen. Noch im letzten Jahrhundert stand es völlig außer Frage, dass ein Verstorbener auf dem Friedhof beerdigt wird, mit geistlichem Beistand und einem Grabstein mit Namen. Ein hübsch bepflanztes Grab mit Erinnerungskerzen, die regelmäßig ausgetauscht werden, zeigte wie sehr Familie und Freunde den Verstorbenen schätzen.

 

Friedhöfe: Freilichtmuseen der sich wandelnden Epochen

Aber war früher wirklich alles besser? Waren tatsächlich vor 100 Jahren alle Gräber hübsch bepflanzt und liebevoll gepflegt? Spiegelautor Ullrich Fichtner schrieb im Artikel „Das Friedhofssterben“ (Spiegel 53/2009) von einer oftmals verzerrten Sichtweise auf die Geschichte der Friedhofskultur: Die Friedhöfe sind immer Freiluftmuseen der sich wandelnden Epochen gewesen, und es wäre absurd zu meinen, die romantischen alten Totenstädte mit ihren Mausoleen und Engeln, den mannsgroßen Christusfiguren und kunstvollen Kreuzen bildeten eine gute alte Zeit ab. Sie sind gewiss ein Stück ziviler Hochkultur, aber sie spiegeln auch eine versunkene Klassengesellschaft, die die längste Zeit niemand ernsthaft zurückhaben wollte. Stellt sie sich jetzt, in der Krise, doch wieder ein? Sollen auch die Gräber wieder zeigen, dass hier kein Hartz-IV-Empfänger ruht, sondern ein erfolgreicher Arzt? Ein bedeutender Kaufmann? Fichtner weist auf ein Problem hin, das die Grabwahl entscheidend beeinflusst, nämlich die Kosten. Ein Erdwahlgrab kann, je nach Kommune, inklusive Grabnutzungsgebühren und Beisetzungskosten bis zu 6000 Euro kosten. Außerdem können für eine Dauergrabpflege nocheinmal bis zu 10 000 Euro hinzukommen. Das kann sich nicht jeder leisten und so stellt man wie vor hundert Jahren fest, dass die Armen anonym verscharrt werden, während die Reichen schöne Gräber mit hübschen Grabsteinen erhalten.

 

Individuelle Persönlichkeit mit individueller Grabstätte

Kritiker sehen im starren Friedhofszwang einen Eingriff in die menschliche Freiheit. Denn wer sich sein Leben lang frei und vollkommen individuell bewegen konnte, sollte nach seinem Tod nicht in starre Vorgaben gedrängt werden. Jeder Mensch ist einzigartig und hat sein ganz persönliches Leben geführt. Warum also sollten sich nach dem Tod alle Menschen in gleicher Weise bestatten lassen? Wie Hennen in der Legebatterie nebeneinander gereiht auf dem Friedhof liegen? Die neuen Bestattungsformen geben dem Einzelnen seine Freiheit zurück. Auch die Friedhöfe selbst könnten mit veränderten Bestattungsgesetzen individueller gestaltet werde und das monotone Bild so verändern.

 

Individuell ja, aber nicht um jeden Preis

Mittlerweile werden die Bestattungsgesetze gerne umgangen, indem zum Beispiel der Verstorbene in einem anderen Land mit anderen Gesetzen beerdigt wird. So darf zum Beispiel in Frankreich die Totenasche aus einem Heißluftballon auf einem Feld verteilt werden. Grundsätzlich wäre es natürlich wünschenswert, dass jeder Mensch nach seinen persönlichen Wünschen bestattet wird und es dementsprechend viele unterschiedliche Bestattungsarten gebe. Doch, wie bei vielen anderen Dingen, gibt es immer auch eine Kehrseite der Medaille. Denn selbstverständlich hört es sich zunächst toll an, dass die Asche des Verstorbenen aus einem Heißluftballon über den Wäldern Frankreichs verstreut wird, quasi „vom Winde verweht“. Doch nicht selten landet die Asche nicht auf einem Feld oder in Wäldern, sondern auf einer Straße. Dann fahren täglich viele Autos über die sterblichen Überreste des geliebten Opas. Auch ist es nicht schön, mit der Familie in der Lübecker Bucht Urlaub zu machen und am Strand liegen Unmengen an Trauergestecken von Seebestattungen.

Prinzipiell ist es ein schöner Gedanke, die Totenasche der Mutter in der Urne zuhause auf dem Kaminsims oder der Fensterbank aufzubewahren. Doch was ist, wenn die Familie zerstritten ist? Oder wie entscheidet eine Patchworkfamilie? Wer darf d, die Asche mit nach Hause nehmen? So reizvoll die neuen Bestattungsarten sind, sie werfen auch viele Fragen auf. Dennoch gibt es vermehrt Angebote alternativer Bestattungsformen. „Leider spielen auch die Medien eine nicht unwesentliche Rolle in der Entwicklung: die Berichterstattung ist meist tendenziös, das „Neue“ wird als Trend hingestellt, das „Alte“ gilt als verstaubt und überholt. Oft werden auch die Konsequenzen des einen oder des anderen für die Hinterbliebenen nur von einer Seite betrachtet: Ein Grab und die Grabpflege sind teuer. Wie wichtig das Grab für die Hinterbliebenen ist, bleibt unreflektiert. Es hat ja Gründe dafür gegeben, dass sich das symbolträchtige Grab mit Grabmal und Grabbepflanzung über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Und diese Gründe liegen in dem ureigensten Bedürfnis der Menschen, zu wissen, wo der Verstorbene seine letzte Ruhe gefunden hat. Warum sonst finden wir einsame Blumen auf anonymen Rasenfeldern? Warum sonst lassen Hinterbliebene ihre Verstorbenen umbetten vom Rasengrab in ein Grab mit Namen? Es gibt viele Indizien dafür, dass das Thema nur einseitig beleuchtet wird“, erläutert Lüder Nobbmann, Vorsitzender vom Bund deutscher Friedhofsgärtner e.V. (BdF).

 

Friedhof als unattraktive letzte Ruhestätte

Dennoch ist es nicht zu leugnen, dass vor allem in den letzten Jahren die Überhangflächen auf den Friedhöfen drastisch zugenommen haben. Warum aber ist der Friedhof als letzte Ruhestätte so unattraktiv geworden? „Ich würde nicht sagen, dass der Friedhof in den letzten Jahren unattraktiv geworden ist. Es gibt keine Statistiken die belegen, dass in Deutschland die Überhangflächen auf Friedhöfen zugenommen haben oder es vermehrt Stilllegungen gibt. Das ist regional völlig unterschiedlich. So gibt es zum Beispiel im Emsland auch viele Friedhofserweiterungen“, sagt Dr. Michael C. Albrecht. „Im Gegensatz zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es heute mehr Mitbewerber und neue Angebote außerhalb des Friedhofs. Dass diese aber vermehrt von Hinterbliebenen als Bestattungsform gewählt werden kann ich nicht erkennen. 95 Prozent aller Beisetzungen finden immer noch auf den Friedhöfen statt“, so der Referent Presse und Öffentlichkeitsarbeit beim Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands e.V..

 

Beruf des Friedhofsgärtners

Mit der Entwicklung der Friedhofskultur gehen auch Arbeitsplätze verloren. Nicht nur Steinmetzen und Friedhofsgärtnern, auch Sargausstattern, Musikern und Hilfsarbeitern mangelt es an Aufträgen. Bei Auszubildenden ist der Beruf des Friedhofgärtners trotz der schlechten Ausgangslage ein beliebter Lehrberuf. „ Der Beruf der Friedhofsgärtnerin/des Friedhofsgärtners ist auch weiterhin gefragt! Denn auch wenn es momentan eine Diversifizierung in der Bestattungskultur gibt, werden weder die Friedhöfe noch das bepflanzte Grab „aussterben“. Beide müssen sich allerdings den Markt mit anderen Angeboten teilen, so wie es bei anderen Angeboten schon immer der Fall war“, berichtet Lüder Nobbmann. „Der Arbeitsalltag des Friedhofsgärtners wird von den Jahreszeiten bestimmt. Noch immer spielen die natürlichen Vorgänge in unserer Umwelt eine wichtige Rolle. So wird in den Monaten zwischen März bis November hauptsächlich auf dem Friedhof gearbeitet: Gräber werden angelegt, bepflanzt und gepflegt. Dazu erhalten die jüngeren Friedhofsgärtner und die Azubis Skizzen und Pflanzenlisten in ihrem Ausbildungsbetrieb, der diese nach den Wünschen der Kunden erstellt“, beschreibt er den Arbeitsalltag des Friedhofgärtners. „Neben den gartenbaulichen Kenntnissen ist auch die Fähigkeit, auf Menschen einzugehen, ihre Bedürfnisse und Wünsche aufzugreifen und sie in einer schwierigen Lebensphase zu begleiten und zu beraten wichtig. Auszubildende sollten daher nicht nur den Umgang mit Pflanzen lieben, sondern auch Spaß an der Kundenberatung haben und offen sein für neue Herausforderungen.“ Momentan erlernen ca. 550 junge Menschen pro Jahr den Beruf des Friedhofsgärtners. Auch weitere Entwicklungsmöglichkeiten sind gegeben: Aufstiegschancen bieten die Fortbildungen zum Meister oder zum Techniker. Wer die Voraussetzungen mitbringt und weiter kommen will, der kann Gartenbau oder Landschaftsarchitektur an einer  Fachhochschule oder Universität studieren.

 

Verrottete Gräber stören Friedhofsidyll

Ein großes Ärgernis für Hinterbliebene sind ungepflegte Gräber. Besonders wenn die Pflanzen bereits wildwuchernd auf das eigene liebevoll gepflegte Grab wachsen. Wird ein Grab über längere Zeit nicht gepflegt, werden zunächst die Nutzungsberechtigten aufgefordert die Pflege durchzuführen. Dies geschieht im ersten Schritt durch einen Aufkleber oder ein Steckschild, dass am Grab angebracht wird. Die Hinterbliebenen werden aufgefordert sich beim Friedhofsverwalter zu melden. Geschieht dies innerhalb einer gewissen Zeit nicht, werden in einem zweiten Schritt die Nutzungsberechtigten angeschrieben. Wenn nach Ablauf der Frist sich immer noch niemand gemeldet hat, kann es passieren, dass nach erneutem Aufruf und weiterer Fristsetzung amtlicherseits die Abräumung verfügt wird. Die Friedhofsverwaltung lässt dann den Grabstein und die verwilderten Pflanzen entfernen, das Grab wird eingeebnet und in der Regel Gras eingesät. Die Kosten dafür trägt der Hinterbliebene. Kann dieser nicht ausfindig gemacht werden muss  die Allgemeinheit der Friedhofsnutzer über die Grabgebühren die Kosten tragen. Die einzelnen Zeitfristen variieren von Friedhof zu Friedhof. Einige Verwaltungen lassen bereits nach einem halben Jahr Wildwuchs abräumen, andere erst nach mehreren Jahren.

 

Morsche Bänke und unsaubere Toilettenanlagen

Doch nicht nur die Gräber, auch die Friedhofsanlagen selbst verkommen immer häufiger. Grund: Bei vielen Kommunen wird der Friedhofshaushalt immer knapper. In vielen Städten deckt er gerade einmal die Grundkosten. Außerplanmäßige Reparaturarbeiten oder gar Modernisierungsmaßnahmen sind daher nicht möglich. Morsche Bänke und verschmutzte Toilettenanlagen sind mittlerweile an der Tagesordnung. „Hier sehe ich ganz klar die Friedhofsträger in der Pflicht sich dem Thema Friedhofskultur anzunehmen. Der Friedhof ist leider in vielen Kommunen das „Stiefkind“ im Haushalt, dem nicht so viel Beachtung geschenkt wird “ sagt Dr. Michael C. Albrecht, Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands e.V..

 

Gegen den Verfall der Friedhofskultur

Doch es wird bereits einiges versucht gegen den Verfall der deutschen Friedhofskultur entgegenzuwirken. So zum Beispiel die Ende 2009 gestartete Imagekampagne „Es lebe der Friedhof!“ des Bundes deutscher Friedhofsgärtner (BdF). Mit aufmerksamkeitsstarken und ungewöhnlichen Anzeigen in führenden deutschen Printmedien, auf Werbegroßflächen sowie in einem Fernsehspot im ZDF machten die Friedhofsgärtner deutlich, wie kreativ Grabgestaltung sein kann und wie wichtig ein Ort der Trauer auf dem Friedhof ist. Bundesweit sollte der gesellschaftliche Umgang mit Tod und Trauer sowie die Kreativität und Individualität des Berufs „Friedhofsgärtner“ in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Leider wurde die erfolgreiche Kampagne im Mai diesen Jahres in ihrer bisherigen Form beendet. Denn es gelang nicht, genügend Landesverbände und die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Friedhofsgärtner-Genossenschaften und Treuhandstellen als Partner des BdF davon zu überzeugen, weiterhin einen Teil, genauer gesagt ein Prozent der Auszahlungssumme für Dauergrabpflege, für die Kampagne zur Verfügung zu stellen. Dennoch hat die Aktion gezeigt, dass man mit ein wenig Mut die schwierige Gratwanderung zwischen Provokation und Wahrung der erforderlichen Pietät schafft und die Menschen auf das Thema aufmerksam machen kann.

 

Innovationspreis Friedhofskultur 2012 verliehen

Mit der Verleihung des Preises „Innovationspreis Friedhofskultur 2012“ würdigt der Verein zur Pflege der Friedhofs- und Bestattungskultur innovatives und nachhaltiges Engagement von kommunalen Friedhofsträgern in der badischen Region, welches entscheidend zur Erhaltung und Weiterentwicklung der traditionellen Friedhofs- und Bestattungskultur beiträgt. In diesem Jahr wurden die Friedhöfe Mannheim mit dem Innovationspreis ausgezeichnet. Der städtische Betrieb erhielt für sein umfassendes und bürgernahes Service- und Dienstleistungskonzept sowie für die nachhaltige Kooperation mit Privatunternehmen aus dem Friedhofsbereich die Auszeichnung. Die Friedhöfe Mannheim wurden aus über 50 badischen Kommunen ausgewählt und von einer unabhängigen Kommission, die sich aus Vertretern des Friedhofswesens zusammensetzt, als Preisträger vorgeschlagen. Der „Innovationspreis Friedhofskultur“, der mit einem Preisgeld in Höhe von 7.500 Euro dotiert ist, wurde erstmalig im Jahr 2010 an das Friedhofs- und Bestattungsamt der Stadt Karlsruhe verliehen.

 

Tag der Friedhofskultur

Um die Bedeutung des Friedhofs als Ruhestätte, Ort der Trauerbewältigung, Erholungs- und Lebensraum den Menschen wieder näher zu bringen wurde im Jahr 2001 der Tag des Friedhofs ins Leben gerufen. Seitdem finden an jedem dritten Wochenende im September

geführte Friedhofsrundgänge, Diskussionen zu friedhofsrelevanten Themen, Ausstellungen mit verschiedenen Schwerpunkten sowie kulturelle Veranstaltungen mit Musik und Literatur statt. In den letzten Jahren nahmen immer mehr Städte und Friedhöfe mit unterschiedlichen Aktionen an diesem Tag teil. So wurde zum Beispiel im Ruhrgebiet im Jahr 2001 eine Posterserie realisiert, die in zwölf Stationen durch einfache, emotional berührende Strichzeichnungen den Lebensweg eines Menschen darstellten. Vom Start ins Leben, symbolisiert durch Geburt und Taufe, über das Erwachsenwerden, erste Verluste durch den Tod der Großeltern, Familiengründung und Altern bis hin zu Tod und Trauer zeigten die Poster den kompletten Lebenskreis. Im letzten Jahr veranstalteten unter dem Motto „Formen, Farben, Vielfalt – Es lebe der Friedhof!“ in Krefeld die Friedhofsgärtner gemeinsam mit den Steinmetzen, Bestattern, Floristen, Verwaltern, Religionsgemeinschaften und allen rund um den Friedhof aktiven Vereinen der Stadt ein buntes Programm für Jung und Alt. Auch in diesem Jahr sind in vielen deutschen Städten Aktionen am 15. und 16. September geplant.

 

Ohlsdorf – mehr als ein Friedhof

Nicht nur Organisationen und Vereine setzen sich für den Erhalt der deutschen Friedhofskultur ein. Auch die Friedhöfe selbst versuchen mit neuen Angeboten, Veranstaltungsreihen und Grabarten dem Verfall der Friedhöfe entgegenzuwirken. Nicht jede Ruhestätte ist verwahrlost mit morschen Bänken, grafitibeschmierten Toilettenanlagen und wildwuchernden Pflanzen. Es gibt sehr viele schöne und einzigartige Begräbnisstätten in Deutschland. Ein Vorzeige-Friedhof ist sicherlich die Hamburger Ruhestätte Ohlsdorf. Sie ist mit 391 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt. Hier gedeihen 450 Laub- und Nadelgehölzarten, die Teiche und Bäche sind von Wasservögeln belebt. Es gibt eine Vielzahl an modernen Grabstätten wie der Ohlsdorfer Ruhewald, Baumgräber, der Ohlsdorfer Rosenhain, eine Paar-Anlage, Urnengräber mit einem gemeinsamen Grabmal, Grabstätten für Verstorbene verschiedener Nationen und Religionen, aber auch Rasengräber und die Möglichkeit anonymer Beisetzungen. Die Rosengrabstätte für Särge und Urnen ist mit Beet- und Hochstammrosen sowie Clematis bepflanzt. Auf vielen Grabsteinen finden sich ebenfalls Rosenmotive wieder. Der Schmetterlingsgarten ist eine Wahlgrabstätte für Särge und Urnen. Die Gräber sind um ein zentrales Beet angelegt, das mit Stauden und Blütensträuchern bepflanzt ist und im Sommer die Falter anzieht. Jedes Grabmal zeigt ein Schmetterlingsornament. Anders als bei klassischen Wahlgräbern müssen die Gräber im Schmetterlingsgarten bepflanzt werden, eine einfache Pflege reicht nicht aus. Im letzten Jahr eröffnete das neue „Bestattungsforum“ auf dem Hamburger Friedhof. Neben Feier- und Abschiedsräumen, einem Kolumbarium und einem Café gibt es auch eine Feuerbestattungsanlage. So ist es möglich die Trauerfeier, Einäscherung und Beisetzung an nur einem Tag stattfinden zu lassen. Das „Café Fritz“ steht nicht nur Trauergästen, sondern auch Spaziergängern und Friedhofsbesuchern offen. Der Ohlsdorfer Friedhof ist mehr als nur eine Ruhestätte der Toten, er ist auch ein Erholungsraum für die Lebenden und Naturparadies. So können Besucher auf einem Naturlehrpfad einiges über Eichhörnchen, Uhu und andere Wildtierarten erfahren. Der Parkfriedhof gilt wegen seiner historischen Grabstätten mit über 800 Skulpturen und eindrucksvoller Gartenarchitektur als Gesamtkunstwerk von internationalem Rang.

 

Buntes Schaufenster – der Leitfriedhof Nürnberg

Ein weiterer Vorzeige-Friedhof ist der Leitfriedhof in Nürnberg. Hier hängen grüne Merktafeln aus, auf denen steht, wie Gräber zu bepflanzen sind, wie viel Prozent „Bodendecker“ auf Reihengräbern angemessen und wie viel Prozent „Wechselbepflanzung“ auf Wahlgräbern anzustreben sind. Auf 6000 m² Friedhofsfläche werden ca. 250 Grabzeichen und Grabstätten in naturnaher Umgebung präsentiert. In Zusammenarbeit mit Fachleuten stellt das Kuratorium regelmäßig neue Konzepte vor, die dazu beitragen sollen, die innerstädtische Friedhofskultur weiter zu entwickeln. Insbesondere vor dem Hintergrund der sich wandelnden Bestattungskultur bietet die Gestaltung und Struktur des Leitfriedhofs sowohl Hinterbliebenen, als auch Entscheidungsträger wie den Kommunen eine gelungene Orientierungshilfe.

 

Erster Privatfriedhof Deutschlands

Am Stadtrand Bergisch-Gladbachs hat Fritz Roth den ersten rein privaten Urnenfriedhof Deutschlands eröffnet. Mit den „Gärten der Bestattung“ wollte der Bestatter sich nicht den Vorschriften jahrzehntealter Gesetze unterordnen lassen. Die Grabstätten können vollkommen individuell nach Ihren ganz privaten Vorstellungen gestaltet werden. Bis auf anonyme Bestattungen ist alles erlaubt. Denn Trauerforscher sind sich einig, der Mensch braucht einen Ort, um den Trauerprozess verarbeiten und bewältigen zu können. Sie warnen davor, die räumliche Trennung zwischen den Lebenden und den Toten aufzugeben – und damit einen eigenen Ort der Trauer. Die ständige, unmittelbare Nähe der Toten, wie der Urne im Bücherschrank oder dem Grab unter dem eigenen Kirschbaum, komme einer Überforderung an den notwendigen Grenzen des eigenen Verstandes, der eigenen Psyche gleich. Ein Besuch auf dem Friedhof dagegen beginnt und endet. Es ist ein konkreter Ort für die Trauer, den man wieder verlassen kann. Ulrich Keller, Fachreferent für Trauerpastoral im Erzbistum München sprach sich im Interview mit der Fachzeitung DON BOSCO magazin ganz deutlich für einen Ort der Bestattung und der Trauer aus. Der Friedhof sage uns, woher wir kommen und wohin wir gehen. Außerdem begegnen sich auf Friedhöfen die Menschen in ihrer Trauer, sie kommen miteinander ins Gespräch. „Trauer muss ausgelebt werden, dafür braucht man „Anker“ im Leben. Einer davon ist der Ort, wo der Verstorbene seine letzte Ruhe gefunden hat. Ein Ort, an den man sich zurückziehen kann, um zu trauern. Das hilft und langsam kehrt man von diesem Ort wieder in das Leben zurück“, schildert der Vorsitzende des BdF Lüder Nobbmann. Der Friedhof ist nicht nur eine Grabstätte, sondern auch ein Ort des Abschieds, Trauerns, Erinnerns, Kommunizierens, Begegnens und Feierns. Um jedoch den zeitgemäßen Anforderungen gerecht zu werden, sind innovative Denkansätze gefordert. Neue Antworten auf das veränderte Bestattungs- und Grabpflegeverhalten breiter Bevölkerungsschichten sind gefragt. Friedhöfe wie der Hamburger Friedhof Ohlsdorf zeigen, dass Ruhestätten nicht unmodern und langweilig sein müssen und dennoch Tradition und Würde aufweisen können. Der Friedhof kann und wird eine Zukunft haben. Die Friedhofsgärtner verstehen die Entwicklungen als Herausforderung und nicht als Untergang“, ist sich Lüder Nobbmann sicher.