„Erinnerungen sind immer bunt“

Foto: Vergiss Mein Nie

Mitten im hippen Hamburger Schanzenviertel ist „Vergiss Mein Nie“ offen für Erinnerung und Trauerberatung.

 

„Du bist erst tot, wenn sich niemand mehr an dich erinnert.“ Dieser Satz springt einem sofort ins Auge, wenn man an dem einladenden Schaufenster von „Vergiss Mein Nie“ vorbeischlendert. „Tod“ und „einladend“ – passt das zusammen? In der Agentur für Trauerberatung von Anemone Zeim und Madita van Hülsen ist dies kein Widerspruch. Hier dreht sich alles um Erinnerungen. „Erinnerungen haben eine magische Wirkung. Sie lassen den Menschen weiterleben. Sie geben den Überlebenden Halt. Doch sie verblassen auch, wenn man sie nicht festhält“, sagen die jungen Trauerbegleiterinnen, die als Kommunikationsdesignerin und Kommunikationswirtin jede Menge Kreativität in „Vergiss Mein Nie“ einbringen. Auch auf Youtube und Facebook sind sie aktiv, schreiben einen Blog und haben Anfang des Jahres ihr erstes Buch publiziert.

 

In ihrer Erinnerungswerkstatt halten sie gemeinsam mit Hinterbliebenen Erinnerungen an deren Leben mit dem Verstorbenen fest und bringen sie in eine unverwechselbare Form, die der Persönlichkeit des Verstorbenen entspricht. Das kann ein Buch für die Kinder des Verstorbenen sein, in dem alte Schulfreunde erzählen, wie die Mutter oder der Vater eigentlich selbst so waren als Kind. Ein Film, zusammengebastelt aus alten Super-8-Schnipseln und neu vertont mit ihrer Geschichte. Ein Schal, gestrickt aus der Wolle des Lieblingspullovers der Oma. Oder eine Wanderkarte, auf der die wichtigsten Lebensstationen eines begeisterten Hobby-Wanderers festgehalten werden. Diese Erinnerungen können auch noch Jahre nach dem Tod entstehen. Das ist sogar besser als zu früh.

 

Wann ist der richtige Zeitpunkt für Erinnerungsarbeit?

Madita van Hülsen: Nach dem Verstreichen des Trauerjahrs. Dies sollte man vorüberziehen lassen, denn in diesem Jahr erlebt der Trauernde jeden Tag als den ersten ohne den verstorbenen Menschen. Wenn man zu früh mit den Erinnerungen beginnt, kann es sein, das derjenige sie nicht in seinen Alltag integriert, wie es eigentlich gedacht ist, sondern den Verstorbenen glorifiziert und sich an der Erinnerung festhält. Erinnerungen sollen positive Energie spenden, dann ist die richtige Zeit dafür gekommen.

 

Welche Erinnerungen können trotzdem bereits bei der Bestattung eine Rolle spielen?

Madita van Hülsen: Nicht jeder Trauernde ist offen dafür, einen Sarg zu bemalen oder sich intensiv in die Trauerfeier einzubringen. Im Rahmen der immer weiter verbreiteten Individualisierung von Bestattungen ist vieles möglich. Ich war einmal auf der Beerdigung eines Apfelbauers. Dort bekam jeder der Trauergäste am Ende einen Apfel mit nach Hause.

 

Anemone Zeim: Es geht darum, einen gemeinsamen Moment zu schaffen. Das Wichtigste für einen Trauernden ist, zu merken, dass er nicht alleine ist. Ein gemeinsames Ritual, kleine Schiffchen schwimmen oder etwas fliegen zu lassen, ist etwas Verbindendes, das dem traumatischen Erlebnis eine gute Erinnerung hinzufügt. Die Erinnerung ist ohnehin allgegenwärtig. Das fängt schon beim Leichenschmaus an, dem Erinnerungsfest per se. Hier wird gelacht und sich erinnert – und sich an der Erinnerung erwärmt!

 

Warum sind Bestattung und Trauerbegleitung häufig getrennt? Es bietet sich doch an, die Hinterbliebenen nach dem Trauergespräch weiterzubetreuen?

Anemone Zeim: Der Bestatter war ja früher ein Dienstleister aus dem Schreinerhandwerk. Inzwischen werden die Aufgabenbereiche immer menschlicher. Dennoch ist der Bestatter kein Trauerbegleiter. Dazu steht er mit den Trauernden zu kurz in Kontakt. Wir kennen tolle Beispiele von Bestattern, die viel in Richtung Trauerarbeit anbieten und die Hinterbliebenen gut begleiten. Doch oft wird Trauerbegleitung vom Bestatter von Hinterbliebenen abgelehnt, da sie das Bestattungsinstitut mit ihren traurigen Erinnerungen in Verbindung bringen. Immer wieder hierher zurückzukommen, ist schwierig. Vielen Hinterbliebenen ist aber schon mit einer Liste von Trauerbegleitern oder einem Buchgeschenk sehr geholfen.

 

Auch Sie bieten Trauerarbeit an. Was ist das Besondere an Ihrer Arbeit?

Madita van Hülsen: Eine Trauerbegleitung ist immer dann eine gute Option, wenn der Trauernde einfach nicht mehr weiter weiß – als Prävention oder als Nachsorge. Eine Trauerbegleitung ist keine Psychotherapie. Wir behandeln keine Symptome, stellen keine Diagnosen und man kann uns nicht von der Krankenkasse absetzen. Wir schaffen in unserer Trauerbegleitung einen sicheren Raum, in dem man seine Gefühle be- und erleben kann und wieder Schwung fühlt, vor allem wenn im Alltag längst kein Platz mehr für eine Trauer ist, die schon über Monate lang stillsteht und sich nicht nach vorne bewegt. Wird die Trauer nicht bewältigt, ist der Gang zum Psychotherapeuten vielleicht irgendwann unausweichlich, weil sich durch die unterdrückten Gefühle Folgekrankheiten ergeben können. Wir schaffen eine geschützte Atmosphäre, setzen Impulse ohne zu bewerten, entdecken gemeinsam die individuellen Chancen in der Veränderung und schützen und begleiten den Trauerprozess solange es notwendig ist.

 

Ungewöhnlich ist vor allem Ihr einladendes Ladenlokal und Ihre positive Ausstrahlung und Offenheit im Umgang mit diesem schwierigen „totgeschwiegenen“ Thema.

Anemone Zeim: Tod und Trauer müssen aus der dunklen, traurigen Ecke ans Licht gebracht werden. Erinnerungen sind nicht traurig; Erinnerungen sind immer bunt! Unser Anliegen ist es, Leichtigkeit in ein schweres Thema zu bringen. Die meisten Bestatterschaufenster sind zugehängt. Bei uns ist alles offen, teilweise bemalt, hier sitzen lebendige Leute, all das sieht man und das ist auch Teil unseres Konzepts eines angstfreien Raums.

 

Madita van Hülsen: Viele dachten auch schon, wir wären Bestatterinnen! Den Satz ‚Schade, ich würde mich gerne von euch bestatten lassen‘, haben wir schon oft gehört. Überhaupt gibt es erfreulich viel neugierige Laufkundschaft.

 

Sie bieten ja auch für fast jeden etwas an.

Anemone Zeim: Ja, tatsächlich haben die meisten Menschen schon jemanden verloren, der ihnen nahestand. Ein individuelles Erinnerungsstück kann ja auch noch viele Jahre nach dem Tod entstehen. Viele Menschen sind oft hilflos, wenn Freunde oder Kollegen einen geliebten Menschen verloren haben. Bei uns bekommen sie Gutscheine für ein Erinnerungsstück oder eine Trauerberatung, die sie verschenken oder bei der Beerdigung überreichen können, um zu zeigen: ‚Ich sorge für dich, auch wenn ich gerade selbst nicht weiß, wie ich dir helfen kann.‘

 

vergiss-mein-nie.de