Ein Angebot mit Tücken

csm_krawuttke_klein_17_61b4522fa8© echtgemalt

Es gibt so Tage, da kommt alles zusammen. Zur ohnehin schon schlechten Laune gesellen sich ein streikender Drucker, ein lascher Kaffee und ein sogenannter Dienstleister, der zur falschen Zeit am falschen Ort erscheint. Guten Tag! Sie wünschen? Ich suche Herrn Krawuttke. Steht vor Ihnen. Ah, das freut mich. Schmidthuber mein Name. Angenehm.

 

Was kann ich für Sie tun? Mir zehn Minuten Ihrer Zeit schenken. Ich kaufe nichts, raus! Doch Herr Schmidhuber war einer der ganz Renitenten.  Eine gut geschulte Nervensäge. Ich will Ihnen nichts verkaufen. Ich will, dass Sie mehr verkaufen. Raus! Warum? Darum! Was halten Sie von 25% mehr Umsatz? Gar nichts! Brauchen Sie nicht? Doch. Geben Sie mir zehn Minuten. Sie haben fünf! Kaffee? Gerne. So fing alles an. Aus den zehn, bzw. fünf Minuten wurde eine ganze Stunde. Und aus den versprochenen 25% mehr Umsatz wurde die größte Fehlinvestition in der Geschichte von Krawuttke-Bestattungen. Dabei hörte sich das alles zunächst gar nicht so verkehrt an. Die Idee war, den Kunden neue, innovative Serviceleistungen  zu verkaufen und sie damit über einen längeren Zeitraum zu binden. Ganzheitlich, systemische Trauerbegleitung hieß das Erfolgsrezept. „Wenn Sie es richtig machen, dann können Sie an dem Kunden noch ein Jahr nach der eigentlichen Bestattung Geld verdienen, “ log mir der windige Herr Schmidhuber  ins Gesicht. Und ich glaubte ihm.

 

Der Unterschied zwischen der ganzheitlich systemischen Trauerbegleitung à la Schmidhuber und der ganz normalen Trauerbegleitung à la Krawuttke beträgt ziemlich genau 1.950 Euro. So viel kostete mich das sogenannte Schulungspaket 1, bestehend aus einem Lehrbuch, einer Mappe mit 10 Arbeitsbögen und einem Internet-Passwort, mit dem ich sechs Monate Zugang zum Schulungsportal für ganzheitlich, systemische Trauerbegleitung bekam. „Dort wartet ihr Coach auf Sie und Sie können sich mit anderen Programmteilnehmern austauschen – keine Fahrtkosten, keine Übernachtung – alles kann bequem von Zuhause aus erfolgen“,  so Schmidthuber. Am Ende lockte der Titel: Dipl. Gz. Sys. Trauerbegleiter und der Eintrag in eine bundesweite Kartei, aus der dann laufend Aufträge vermittelt werden.

 

Wenn ich das jetzt so erzähle, könnte ich mich selber ohrfeigen. Das merkt doch jedes Kind, dass das nichts als Abzocke sein kann. Aber dieser windige Hund von Schmidhuber hat mir das alles so plausibel und vertrauenserweckend dargestellt, dass ich keinen Verdacht geschöpft habe. Dabei hätten schon bei dem Wort Vorkasse alle Alarmglocken klingeln müssen. Und was habe ich daraus gelernt? Dass Trauerbegleitung mehr ist, als sich einmal in der Woche zum Jour-Fix zu treffen und den Kunden zu fragen: „Wie geht es Ihnen denn heute?“.  Auch für gut gemeinte Ratschläge wie „Gehen Sie doch mal wieder unter Leute“ oder „Tun Sie sich doch mal etwas Gutes und kaufen Sie sich was Schickes zum Anziehen“ braucht man keine ganzheitlich systemische Ausbildung. Und überhaupt, was bedeutet eigentlich ganzheitlich systemisch? Dass ich den Betrag von 1.950 Euro ganzheitlich in den Wind schreiben kann? Dass diese Abzocker-Masche System hat?

 

Ich finde aber trotzdem, dass Trauerbegleitung eine ganz  wichtige Serviceleistung ist, der man sich als zeitgemäßer Bestatter nicht verschließen sollte. Mein teuer erkaufter Titel prangt daher groß auf dem Schaufenster. Viel verspreche ich mir auch von meiner neuen Internetseite www.rent-a-trauerbegleiter.de. Die Idee ist mir neulich morgens beim Duschen gekommen. Auf dieser Internetseite können sich Hinterbliebene einen Trauerbegleiter mieten, wann immer Sie ihn brauchen. Die ersten Anfragen habe ich schon. Dabei zeigt sich, dass der Job des Trauerbegleiters sehr vielseitig ist. Eine Witwe fragte, ob ich auch Rasen mähen könnte. Das hätte sonst immer ihr jüngst verstorbener Mann gemacht. Ich schrieb zurück, das käme ganz drauf an. Sie solle mal ein Foto von sich schicken.