„Die Erinnerung ist das einzige, das bleiben darf“

In der Erinnerungswerkstatt von „Vergiss mein nie“ in Hamburg entstehen ganz persönliche Gedenkstücke. (Foto © Ilona Habben)In der Erinnerungswerkstatt von „Vergiss mein nie“ in Hamburg entstehen ganz persönliche Gedenkstücke. (Foto © Ilona Habben)

Erinnerungsstücke sind Unikate und für den Trauernden etwas ganz Besonderes. Anemone Zeim und Madita van Hülsen fertigen sie aus Dingen, die Hinterbliebene mit einem oder einer Verstorbenen verbinden. So wird etwa ein von der Mutter handgestrickter altmodischer Pullover, den die Tochter gerne als Andenken bewahren wollte, eine tragbare Erinnerung: ein gestrickter Schal – in Material, Geruch und Haptik gleich, nur in seiner Form verändert. Aus dem Gedicht einer trauernden Mutter wird ein Papercut, der je nach Sonnenstand anders wirkt, und aus vielen Einzelfotos und einem alten Nummernschild wird ein überdimensionales Fahrtenbuch, das die Lebenswege des Vaters erfahrbar macht. Auch als Trauerberaterinnen setzen sich die beiden für einen selbstverständlicheren Umgang mit der Endlichkeit in der Gesellschaft ein. Nicht als gemeinnützige Gesellschaft, sondern als Agentur.

 

Ihr seid eine Agentur und kein gemeinnütziger Verein. Spielt das eine – positive? – Rolle in der Außenwahrnehmung eurer Arbeit und bei eurer „Mission“, Tod und Trauer ansprechbar zu machen?

Madita: Ich würde sagen, dass man grundsätzlich in der Phase der Neugründung, also in den ersten drei bis fünf Jahren, viel Geduld, Rückgrat und ein enormes Durchhaltevermögen damit sich eine gute Außenwahrnehmung bilden kann. Hier kommt noch hinzu, dass das Thema „Trauer“ behutsamer und geduldiger behandelt werden muss als zum Beispiel ein Restaurant oder ein T-Shirt-Laden. Das bedeutet eben, dass man sich sehr viel mehr Gedanken machen muss, wie man bei bestimmten Steps voranschreitet.

Anemone: Und wir müssen wir uns ja überhaupt erst einmal bemerkbar machen. Sowas wie uns gab es ja vorher noch gar nicht. Es ist wie eine Mondlandung – jeden Tag eine neue Herausforderung. Trauerarbeit wird immer auch mit sozialem Engagement gleichgesetzt. Manche Leute reagieren irritiert, wenn sie hören, dass wir nicht gemeinnützig sind. Dabei ist unsere Arbeit auch eine Dienstleistung, die Entlohnung ist ein einfacher Tausch, und idealerweise sind am Ende alle etwas glücklicher.

 

Ihr schafft Neues aus Altem und erweckt Erinnerungen zu neuem Leben. Warum sind Erinnerungsstücke so wichtig im Trauerprozess und was können sie bewirken?

Anemone:
Sie geben Kraft und Schwung für die dunklen Zeiten. Alle Erinnerungsstücke sind Unikate und für den Trauerden etwas ganz Besonderes. Wir machen Erinnerungsstücke aus Dingen, die jede Menge Energie gespeichert haben, diese aber noch nicht hergeben, wie zum Beispiel der Schal aus dem von der Mutter gestrickten Pullover.

Madita: Das Besondere und  Beeindruckende ist der Prozess bis zum fertigen Erinnerungsstück. Wir sprechen sehr intensiv mit den Klienten, bis wir einen Eindruck haben, was wichtig ist – wo die Kraft stecken könnte. Viele Klienten bringen sehr viele Dinge mit, dann ist unser erster Schritt das oder die Stücke zu finden, die besonders wichtig sind. Oft ist das den Klienten gar nicht so bewusst. Der beste Teil der Arbeit ist aber auch die Übergabe. Oft fertigen wir ein Stück an, und der Klient sieht es dann erst bei der Übergabe. Ein berührender Moment: Eine Frau, deren Erinnerungen wir in einem Fahrtenbuch des Lebens für ihren Vater festgehalten hatten, sagte mit Freudentränen in den Augen als sie das Buch in den Händen hielt „Das ist Papa. Es ist als hättet ihr ihn gekannt.“ Das ist für uns natürlich eine unfassbar schöne Arbeit.

 

Wie funktioniert das Erinnerungsglas und wie kann Kreativität beim Trauern helfen? 

Anemone: Das Erinnerungsglas ist ein kleiner Schaukasten, in dem kleine Dinge wie Fotos, Knöpfe oder Zeichnungen ganz mühelos dekorativ und erzählerisch arrangiert werden können. Es hilft, die Erinnerungen aus dunklen Schubladen zu befreien und der Welt zu zeigen. So bekommt man aus lose herumfliegenden Dingen ein Erinnerungsstück, das auch eine starke symbolische Bedeutung hat. Früher hat man „etwas eingemacht“, was wertvoll war, wie zum Beispiel Zwetschgen, die nur im Sommer reif sind. Somit konnte man sie aufheben, haltbar machen für karge Zeiten wie den Winter, in dem man normalerweise eben kein Obst hatte. Mit den Erinnerungen ist es ähnlich. Und das Glas steht eben dafür, dass man etwas Kostbares konservieren und damit behalten kann. Selbst vertraute Gerüche an Stoffen bleiben so erhalten. Unser Erinnerungsglas hilft dabei, diese Erinnerungen zu arrangieren: Kleine Ösen erlauben es, etwas im Deckel aufzuhängen, im Vorlagenbuch finden sich Hintergründe und symbolische Bilder für Dinge, die man vielleicht nicht mehr hat. Das Schönste ist: Wir geben das Glas vor, aber kein Erinnerungsglas gleicht am Ende dem anderen, weil jeder etwas anderes hineintut.

 

Wie können Bestatter zu einer besseren Erinnerungskultur beitragen?

Madita: Ich glaube, für einen Bestatter ist die Herausforderung, etwas für die Erinnerungskultur zu tun, weitaus größer als z.B. für einen Trauerbegleiter. Das liegt daran, dass der Bestatter mit den Trauernden zu einer ganz andere Zeit in Berührung und in Kontakt kommt, nämlich meistens dann wenn die Trauer noch im Schockzustand ist. Der Angehörige reagiert aktiv, weil im Zeitraum der Bestattung viele Dinge erledigt werden müssen die vorgeschrieben sind. Erinnerungsarbeit beginnt meistens erst ein paar Wochen oder ein paar Jahre nach der Bestattung. Für ein liebevolles Andenken an den Verstorbenen würde man nicht unbedingt auf die Idee kommen, noch einmal zum Bestatter zu gehen. Ich glaube, ein guter Bestatter kann die Trauerden aufklären, welche Angebote es im Rahmen der Erinnerungsarbeit gibt oder mit solchen Institutionen zusammenarbeiten. Zum Glück machen dies sehr viele auch schon. Zudem finde ich es persönlich ganz großartig, dass einige Bestatter z.B. auch Schmuckstücke von Fingerabdrücken ihrer lieben Verstorbenen anbieten – allerdings trauen sich viele Bestatter im Gespräch nicht, den Trauernden dies vorzuschlagen. Ich glaube ein offener und liebevoller Umgang ist für alle Beteiligten immer das Beste.

 

Würdet ihr sagen, es gibt in Deutschland eine Erinnerungskultur? Wenn ja, was macht sie aus?

Madita: Ich finde wir haben in Deutschland zwar eine Art „Trauerkultur“ aber nicht direkt eine „Erinnerungskultur“. Zudem fühlt sich für mich die Trauerkultur oftmals nicht zeitgemäß an und das spiegelt sich ja auch in der Gesellschaft wider. Viele Menschen sind auf der Suche nach einer neuen Form des Trauerns. Das Positive ist, dass sich da in den letzten Jahren wirklich viel getan hat und ein Entwicklungsprozess stattgefunden hat bzw. immer noch stattfindet.

Anemone: Ich persönlich differenziere zwischen der Erinnerungskultur, die eine feste Begrifflichkeit für Mahn- und Denkmale ganzer Kulturen darstellt, und der Erinnerungskultur in Form von erinnerungskulturellen Ritualen, die den Trauernden persönlich Halt geben. Erstere sind Orte, die zu Recht mahnen, die Geschichte nicht zu vergessen. Das wird nicht wirklich gelebt, hat in Deutschland aber einen bestimmten Kulturstatus erlangt.

Ganz anderes sieht es mit der Trauerkultur aus, wenn man sie mal von der Kirche losgelöst betrachtet. Welche Rituale sind ohne diesen Kontext noch wirksam? Die erinnerungskulturellen Rituale stehen und fallen mit der Trauerkultur. Sie sollen dem Trauernden Halt geben und ihm sinnstiftend dabei helfen, den Lebensweg alleine weiterzugehen. Die Trauerkultur erfindet sich gerade neu. Aktuell beobachten wir –vielleicht gerade wegen der vielen digitalen Erinnerungsangebote – einen großen Wunsch nach anfassbaren Ritualen, Symboliken, Gegenständen, überkonfessionellen Helferlein und merken: Es tut sich viel, aber da ist noch Luft nach oben.

 

Habt ihr eine Zukunftsvision zur Erinnerungskultur in Deutschland? 

Anemone: Unsere Vision ist es, keine Exoten mehr zu sein, sondern eine Institution des Alltags. „Ich gehe zum Zahnarzt, zum Bäcker, zur Trauerbegleitung.“ Wir wollen aber auch mehr für Unternehmen tun, die unseren Wirkbereich nur streifen. Zum Beispiel Hospize oder Seniorenheime. Hier können wir viel mit Ritualentwicklung machen – für die Stimmung im Haus, unter den Mitarbeitern und für einen selbstverständlicheren Umgang mit der Endlichkeit und allem, was sie mit sich bringt.

 

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