Die Bio-Bestattung als Teil der Vielfalt – Interview mit Dr. Frank Thieme

Dr. Frank ThiemeDr. Frank Thieme ist Lehrbeauftragter der Fakultät für Sozialwissenschaft der Fakultät für Ruhr-Universität Bochum.

Dr. Frank Thieme ist Lehrbeauftragter der Fakultät für Sozialwissenschaft der Fakultät für Ruhr-Universität Bochum. Sein Buch „Bestattung zwischen Wunsch und Wirklichkeit“, eine soziologische Studie zum Wandel des Bestattungsverhaltens in Deutschland, ist 2016 im Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes erschienen und kostet 29,80 Euro.

 

Welchen Einfluss haben gesellschaftliche Entwicklungen und Trends generell auf Tod, Bestattung und Trauer?

In der Öffentlichkeit erscheinen Trends oft größer als sie sich bei genauerer Prüfung erweisen. Das gilt im Besonderen für sensible Themen. Anlässlich einer TNS/Emnid-Umfrage im Jahr 2011,  über die berichtet wurde, hatten 12 Prozent der Befragten zwischen 14 und über 60 Jahren angegeben, in einem Beisetzungswald beigesetzt werden zu wollen; 23 Prozent wünschten sich eine andere Form der Naturbestattung.

Nach meiner auf 1.370 Bestattungsfällen beruhenden Auswertung einer deutschlandweiten Bestatterumfrage rangierte immer noch das Erdwahlgrab mit 34 Prozent an erster Stelle, gefolgt von 18 Prozent Bestattungen in einem Urnenwahlgrab. Das Naturgrab machte lediglich 6,5 Prozent aus, die anonyme Bestattung 10,2 Prozent, die Seebestattung zwischen 2 und 3 Prozent. Diese Diskrepanz dürfte unter anderem daher rühren, dass die Situationen derer, die befragt werden, wie sie einst ‚unter die Erde kommen‘ wollen, eine andere ist als die derjenigen, die über die Bestattung eines frisch verstorbenen Angehörigen entscheiden müssen. Das Vorziehen eines unkonventionellen Grabs im ersten Fall basiert auf einer eher theoretischen Entscheidung häufig jüngerer Personen, denen ihr Tod noch fern scheint, während im anderen Fall ein ganz aktuelles Problem, die Bestattung eines meist alten Menschen durch seine Angehörigen verantwortungsvoll zu lösen ist. Da wird dann doch eher auf bekannte Formen vertraut. Nicht zu unterschätzen ist das Verhalten der Massenmedien, deren zum Teil skandalisierende Berichterstattung über exotische Formen der Bestattung diese als Normalität suggeriert und damit deren Bedeutung verzerrt.

 

Was sagt die Bestattungsart über unsere Kultur aus?

Das Bestattungsverhalten ist immer auch ein Teil der Gesamtkultur. ‚Ein Volk wird danach beurteilt, wie es seine Toten bestattet‘, wird der griechische Staatsmann Perikles oft zitiert. Wir erleben gerade eine Pluralisierung der Bestattungskultur. Individualisierung und Privatisierung bieten Möglichkeiten, von bisherigen Standards abzuweichen. Mit der Individualisierung geht aber auch eine Rationalisierung und damit eine Entzauberung einher. Menschen entfremden sich von Tradition und Standard. Auch religiöse Wahrheiten, der Glaube an das Jenseits und die Auferstehung werden zunehmend aufgehoben. Die Folge: Der Tod wird versachlicht, sodass anonyme Bestattungen oder besonders preiswerte ‚Entsorgungen‘ möglich werden. Preis- und Leistungsvergleiche werden nicht mehr als pietätlos angesehen; ein Kosten-Nutzen-Denken ist durchaus salonfähig.

 

Wie passt die Naturbestattung in dieses entzauberte Bild?

Ich sehe den romantischen zurück-zur-Natur-Gedanken als eine Folge der Entzauberung und vielleicht sogar einen Ersatz. Rational gesehen ist der Tod unausweichlich. Es wird zwar getrauert, aber mit dem Tod ist alles vorbei. Das heißt: Wer nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann sich auch ganz pragmatisch Gedanken über den Umwelteinfluss seiner sterblichen Überreste machen.

 

Würden Sie von einem Bio-Trend bei Bestattungen sprechen?

Ich sehe vor allem einen Trend: den der Individualisierung und Vielfalt. Das biologische Begräbnis ist ein Teil dieser Vielfalt, die sich auch auf Friedhöfen widerspiegelt. Diese dürften die Sensibilität für diese Themen vor dem Hintergrund zahlreicher Probleme mit der Resorption der Leichen begrüßen.

Auch wenn konservative Institutionen wie die Kirchen Widerspruch anmelden werden – die ‚natürliche‘ Bestattung wird ihre Marktnische finden und der Gesetzgeber wird nicht hadern, sie zuzulassen. Und vielleicht kann sie anderswo tatsächlich ein Instrument ökologischer Nachhaltigkeit sein, nämlich in Ländern mit hohen Bevölkerungswachstumsraten und nachfolgend steigenden Zahlen Verstorbener.