Der einbalsamierte Hamster

csm_krawuttke_klein_17_61b4522fa8© echtgemalt

Auch als Bestatter muss man – wie meine Kinder es formulieren würden – immer „up to date“ sein. Deswegen habe ich mich bereits vor einigen Jahren mit der Technik des Einbalsamierens auseinandergesetzt, obwohl ich zugeben muss: So ganz freiwillig geschah das auch nicht …

 

Benni, der Hamster meines Sohnes, lag eines Morgens tot in seinem Käfig. Als ehemaliger Teil der Familie sollte Benni, so der Wunsch meines Sohnes, nicht einfach den Weg in die Mülltonne nehmen, sondern einen Platz auf unserem Kaminsims erhalten. Ich schlug meinem Sohn die Bestattung seines tierischen Freundes im engsten Familienkreis vor. Als Inhaber von Wilhelm Krawuttke Bestattungen, Tradition seit 1930, war ich – so meine Argumentation – bestens dafür geeignet, eine sehr kleine, aber dennoch standesgemäße Beisetzungsfeier auszurichten, die uns allen für immer in Erinnerung bleiben würde. Mein Sohn war jedoch nicht von seiner Idee abzuhalten. Der Hamster sollte auf den Kaminsims. Notgedrungen druckte ich mir aus dem Internet eine Anleitung zum Einbalsamieren aus, die sich an der ägyptischen Mumifizierungstechnik orientierte. Das – davon war ich überzeugt – konnte nicht schlecht sein, schließlich hatten schon die alten Ägypter Tiere mumifiziert und zusammen mit ihren Besitzern beerdigt. Ich schritt ans Werk. Zugegeben: Ein wenig unangenehm war es mir ja schon, das Tier einzubalsamieren. Aber was tut man nicht alles für seine geliebten Sprösslinge?! Meine Kinder waren vom Ergebnis beeindruckt, nur meine Frau winkte mal wieder ab. Was soll ich sagen? Ich hatte „Blut geleckt“… Schon bald begab ich mich auf die Suche nach einem nächsten Objekt, um an ihm meine Einbalsamierungs- und Mumifizierungsfähigkeiten zu optimieren. Fündig wurde ich im nächstgelegenen Wald. So kam es, dass ich in der folgenden Zeit alles präparierte, was mir vor mein Luftgewehr lief: kleinere und größere Vögel, Nagetiere, Eidechsen und und und …

 

Im Laufe der Jahre sammelte sich so ein kleines Museum ausgestopfter Tiere bei uns an. Meine Frau war nicht sehr erfreut über mein neues Hobby. Sie verbannte mich und meine Tiere in den Keller, alleine der Geruch sei unerträglich, meinte sie. Doch mein Herz hing am Tiere-Einbalsamieren – vor allem, weil mir das unheimlich viel Anerkennung einbrachte! Hinter vorgehaltener Hand verbreitete sich die Kunde rasend schnell in unserem Dorf, und ich veranstaltete regelmäßig Führungen durch unseren Keller. „Sehen Sie – den Vogel gibt es nur noch in…“, oder „Kennen Sie schon dieses seltene Exemplar?“. Natürlich verlangte ich immer ein kleines Entgelt für den Eintritt. Mittlerweile bin ich bei uns im Dorf als ausgewiesener Experte im Einbalsamieren von Tieren anerkannt. Ich würde mein Hobby auch gerne weiter betreiben – gäbe es da nicht gleich mehrere Probleme … Bei einer der letzten Führungen hat sich doch tatsächlich so ein Freak von Tierschützer in die Gruppe eingeschlichen. Jetzt habe ich den Tierschutzbund am Hals, der mich verklagen will. Die Vorwürfe: Ich hätte auf einem dafür nicht ausgewiesen Gelände mein Luftgewehr genutzt und es gegen wehrlose Tiere gerichtet. Damit hätte ich mich nicht nur der Tierquälerei schuldig gemacht, sondern auch der Ausrottung geschützter Arten … Und auch das Ordnungsamt sitzt mir im Nacken, weil ich mit dem Museum angeblich ein nicht genehmigtes Gewerbe betreibe. Das alles wäre jedoch nur halb so schlimm, würde Benni mich nicht jeden Abend mit einem boshaften Grinsen vom Kaminsims aus anstarren …