Der blaue Diamant: eine Erinnerung entsteht – und bleibt

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Ich bin ein Mensch, der nicht gerne wegrennt. Auch, wenn es noch so schwer ist. Meine Frau verstarb im Oktober 2016 an Krebs. Wir waren 35 Jahre verheiratet. Sie war meine große Liebe. Und ich ihre. Bis zum Schluss war sie eine wunderschöne, starke und optimistische Frau. Wir sind Agnostiker. Für meine Frau und mich kommt nach dem Tod nichts. Dieser Gedanke, der andere zutiefst verängstigt, hat meiner Frau Margit in ihren letzten Stunden Trost gespendet.

Wenn nichts kommt, muss man sich auch nicht fürchten. In der Palliativstation wurde nicht nur sie liebevoll gepflegt, auch mich haben die Schwestern und die Psychologin so einfühlsam begleitet, dass der Abschied von Margit zwar unglaublich schmerzhaft, aber auf seine Weise auch schön war. Ich hatte mir schon immer gewünscht, bei ihrem letzten Atemzug bei meiner Frau sein zu dürfen. Und dieser Wunsch wurde mir erfüllt. Friedlich sah sie aus. Die Demütigung einer langen Pflege blieb meiner immer sehr gepflegten Frau erspart. Dennoch: Für mich war es unglaublich schwer, sie gehen lassen zu müssen.

 

Überall Erinnerung

Die Kleidung, die sie am Tag ihrer Einweisung in die Palliativstation auf den Badewannenrand gelegt hatte in der Überzeugung, abends wieder zuhause zu sein, lag noch bis vor drei Wochen dort. Auch ihre Bettwäsche lag noch immer neben meiner. Ich brauchte sie einfach um mich herum. Inzwischen ist ein anderes Erinnerungsstück hinzugekommen, mit dem ich Margit immer bei mir habe: mein Erinnerungsdiamant. Der Bestatter, der mir diese Möglichkeit bot, war in vielerlei Hinsicht ein Segen. Denn was nun kam, hätte individueller und persönlicher nicht sein können.

Meine Frau hatte den Wunsch, eingeäschert zu werden. Ihre, lieber noch unser beider Asche sollte in Griechenland in der Nähe unseres dortigen Hauses verstreut werden. Die einzige Möglichkeit, ihr dies zu erfüllen, war der Umweg über die Schweiz. Doch zunächst wollte ich unserem großen Freundeskreis die Gelegenheit geben, Abschied von Margit zu nehmen. Eine Aussegnungshalle, eine Trauerfeier mit Pfarrer hätte ich als trostlos empfunden. Ich wollte meine Frau ein letztes Mal feiern, bevor ich mit ihrer Urne am 23. Dezember nach Griechenland fliegen würde. Ein Flug, den wir noch gemeinsam gebucht hatten.

 

Griechischer Abschied

Für die Feier kam nur unser Lieblingsgrieche infrage, bei dem wir trotz seiner religiösen Abneigung gegen Einäscherungen herzlich willkommen waren. Der Bestatter hat die Urne wunderbar mit Seesternen und einem Foto dekoriert, sodass Margit tatsächlich mitgefeiert hat. Es gab Ouzo, griechische Musik und Rezitationen von befreundeten Musikern, einen unglaublich einfühlsamen privaten Trauerredner und viele, viele Tränen.

In unserem Haus in Griechenland stand die Urne erst einmal auf meinem Esstisch mit dem Bild von Margit, das auch bei der Trauerfeier neben der Urne stand. An diesem Tisch hörte ich Musik, trank, rauchte, weinte, nahm mir die Zeit, die ich brauchte. Wer kann das schon von sich sagen?

Sich noch einmal von ihr zu lösen, war schwer. Eigentlich wollte ich mit Freunden aufs Meer fahren und Margits Asche dort verstreuen, doch das Wetter wurde immer schlechter, die See unruhig. Wir fuhren am nächsten Tag in ein kleines Städtchen am Meer, gingen an den Hafen und zu den Steinen an der Mole, wo sie immer so gerne gesessen hatte. Dies war der richtige Ort. Das spürte ich sofort. Hier, wo sie nicht alleine draußen auf dem Meer wäre, sondern wo Freunde kommen und sich ihrer erinnern könnten.

 

Abschied und Anfang

Silvester war es soweit. Ich wollte das Jahr einfach abschließen, gemeinsam mit den engsten Freunden und Familienmitgliedern. Die Angler, die an diesem Tag dort angelten, zogen sich respektvoll zurück und kondolierten mir, der ich nun die Aufgabe hatte, mich auch von Margits Asche zu verabschieden. 59 rote Rosen, für jedes Lebensjahr eine, ergaben ein wunderschönes Bild im Meer. Ich kletterte auf die Felsen und verstreute die

Asche mit meinen eigenen Händen. In diesem Moment war ich ihr Bestatter. Die Urne beschwerte ich mit einem Stein und ließ sie ins Meer. Die Sängerin, unsere gemeinsame

Freundin stimmte ein griechisches Lied an … ein unvergesslich ergreifender Moment. So andächtig dies Ritual war, so ausgelassen haben wir danach Silvester gefeiert. So, wie meine Frau auch gelebt hat. In vollen Zügen. Als ich später an die Stelle am Meer zurückging, schwamm dort noch eine Rose.

 

Das ewige Erinnerungsstück

Nun war nichts mehr da. Doch ich hatte noch die Aussicht auf den Diamanten. Nach einigen Monaten erhielt ich die Nachricht, dass er fertig sei. Ich vereinbarte mit Algordanza in der Schweiz, dass ich ihn am 60. Geburtstag meiner Frau persönlich abhole. Für diese Fahrt im Sommer mit dem Cabrio meiner Frau nahm ich mir ein paar Tage Zeit und Ruhe und wurde herzlich empfangen. Mit weißen Handschuhen wurde mir ein schwarzes Kästchen überreicht und langsam geöffnet. Ein bläuliches Schimmern hatte ich bereits erwartet, aber nicht das: Der Diamant strahlt in der Augenfarbe meiner Frau! Durch den edlen Schliff, den ich auswählen durfte, ist die Wirkung noch intensiver und klarer. Ich hatte die Größe von 0,7 Karat und einen Durchmesser von 6 mm gewählt, denn ich wusste, dass ich den Diamanten in einem Ring gefasst immer bei mir tragen wollte. Eine Münchner Goldschmiedin entwarf dann auch das perfekte Schmuckstück. Von allen Erinnerungsstücken ist dies die am wenigsten Schmerzhafte. Der Diamant spendet mir Kraft.

Doch bevor er gefasst wurde, feierte ich mit ihm Margits 60. Geburtstag. Auf dem Rückweg aus der Schweiz legte ich ihn auf den Tisch eines Sternerestaurants, bestellte Champagner und mehrere Gänge. Diese Szene bewegte an diesem Abend viele Menschen. Überhaupt ist dies eine Erfahrung, die ich seitdem vielfach machen durfte: Ich habe mit so vielen Menschen über den Tod gesprochen. Der Gedanke, einen geliebten Menschen als Diamant immer bei sich tragen zu können, tröstet und begeistert geradezu. Viel zu wenige wissen, wie viel man selbst entscheiden und gestalten darf. Ich kann nur jeden ermutigen, offen zu sein, sich rechtzeitig Gedanken zu machen, Gespräche zu suchen. Und zwar zu Lebzeiten.

Durch den Tod meiner Frau und meinem Umgang mit der Trauer und dem Abschied von ihr habe ich viele Freunde hinzugewonnen. Mit meiner Offenheit habe ich auch ihnen die Unsicherheit genommen, ich fühle mich jederzeit willkommen. Sogar mit meiner Familie bin ich enger zusammengewachsen. Kürzlich habe auch ich meinen eigenen Nachlass geregelt. Auch ich will ins griechische Meer. Dann werden unsere Aschen an einem Ort vereint sein. Ich bin oft an dieser Stelle. Doch ich muss nicht mehr täglich dort sein. Ein Jahr nach Margits Tod habe ich eine Erinnerungskarte mit Bildern und einem wunderschönen Text gemeinsam mit meinem Bestatter gestaltet und an unsere Freunde und Familie geschickt. Jetzt blicke ich noch auf 14 Fotos von meiner Frau, die ich Schritt für Schritt an einen anderen Ort stellen werde. Vielleicht bleibt am Ende nur eines übrig, wer weiß. Was bleibt, sind der Diamant und die Erinnerung. Beides trage ich immer bei mir.

von Christof Werhan