Dem Himmel ziemlich nah – Ein Friedhof auf dem Flachdach?

Bild © G. Stoverock

Die Aktionsgruppe TELA 2030 steht für ein sozialgerechtes, lebenswertes, umweltverträgliches und kommunalwirtschaftlich sinnvolles Miteinander im Münchner Stadtteil Giesing. Die neueste Idee: Ein Friedhof auf einem Hochhausflachdach. Auf dem großflächigen Gelände des Ostfriedhofs könnten rund 10.000 Giesinger wohnen, so die Gruppe. Der Friedhof müsste lediglich um ein paar Etagen verlegt werden. Gen Himmel.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen – gibt es Vorbilder? Es gibt ja bereits Hochhausprojekte in Mumbai, Oslo und Santos, bei denen die Gebäude jedoch ausschließlich der Bestattung dienten und nicht einer „Wohngemeinschaft“ von Lebenden und Toten.

Die Idee von „Citta Vitale – Leben auf dem Ostfriedhof“ entstand fast zwangsläufig bei unseren Überlegungen, wie mehr bezahlbarer Wohnraum in München geschaffen werden kann. Wir sind selbst von den eklatanten Mietpreisen in München betroffen. Die Frage nach erschwinglichem Wohn- und Lebensraum ist immer präsent, da werden Tabus schon mal in Frage gestellt. Der Bau neuer Wohnungen wäre eine Maßnahme, die zu spürbarer Entlastung des angespannten Wohnungsmarktes führen würde. Der Münchner Ostfriedhof umfasst dreißig Hektar – eine große unbebaute Fläche, auf der gut 10.000 Menschen leben könnten. Wir sind weder Stadtplaner*innen noch Architekt*innen oder Lokalpolitiker*innen: Wir sind Künstler*innen und Aktivist*innen. Es geht uns darum, mit einer Idee vorhandene Denk- und Interpretationsmuster herauszufordern und die Debatte mit unserer Idee zu bereichern.

 

Beinhaltet Ihre Vision eine Umbettung bestehender Gräber oder bezieht sie sich auf künftige Bestattungen (ausschließlich Urnen oder auch Särge?)

Ursprünglich dachten wir an eine Umsiedlung der Gräber in eine strukturschwache Region, wo das Luxusgut Fläche reichlich vorhanden ist. Zum Beispiel in die Oberpfalz. Das Münchner Architekturbüro Pool Leber Arch entwickelte daraufhin ein Konzept, das die Grab- und Gedenkstätten in die Wohnbau-Architektur integriert. Das machte die Idee für viele Menschen denkbarer. Mit der Fragestellung ‚ausschließlich Urnen oder auch Särge‘ haben wir uns zu keinem Zeitpunkt befasst. So weit denken wir gar nicht.

 

Wie ist die Resonanz auf Ihre Idee?

Zwischen euphorischer Zustimmung und empörter Ablehnung ist alles dabei. Viele der von uns Befragten äußerten sich erst kritisch, ließen sich während des Gesprächs jedoch auf unsere Idee ein und veränderten zum Ende des Gesprächs ihre ablehnende Stimmung in eine offene, versöhnliche, teilweise auch euphorische Haltung.

 

Ist unsere Gesellschaft schon reif für solche Lösungen?

Aus unseren Befragungen ging hervor, dass es den Münchner*innen wichtig ist, Friedhöfe als Ruheorte und Naturoasen in der Stadt zu erhalten/zu behalten. Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und die Integration der Gräber in die Architektur unter dem Aspekt der Naturerhaltung sind Gesichtspunkte, die unsere Vision für Viele denkbar machen. In Manila wohnen tausende Menschen mit ihren Familien auf Friedhöfen. Es sind nicht allein ethische, sondern auch existenzielle Fragen, die darüber entscheiden, ob Tote städtischen Raum in erheblichem Umfang für sich allein beanspruchen sollten. Wobei sie selbst post mortem diese möglichen Ansprüche gar nicht oder zumindest nicht immer erkennbar erheben.

 

Zur Webseite: TELA2030.de