Bestattungskultur im WM-Land Brasilien: A última festa

Bestattungskultur BrasilienBestattungskultur im WM-Land Brasilien: A última festa

Kaum ein Land wird so sehr mit ausgelassener Lebensfreude assoziiert – die Fußball-Weltmeisterschaft, die Vorfreude auf das Ereignis, aber auch die gewalttätigen Ausschreitungen im Vorfeld rücken Brasilien verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie bestattet ein solches Land seine Toten?

 

„Man stirbt, wie man gelebt hat“, zitiert der Franziskaner Johannes Gierse ein brasilianisches Sprichwort. „Der Tod ist Spiegelbild und Resultat des Lebens: Ob jemand gewalttätig oder leichtsinnig, gläubig oder ungläubig war, von vielen oder wenigen Menschen geliebt wurde, all dass reflektiert sich im Sterben und in der Bestattung“, ergänzt Gierse, der seit 1990 in Brasilien lebt und bis 2007 im Nordosten des Landes in der Gemeindepastoral, später in São Paulo und am Amazonas tätig war. Zwar hat das Sprichwort seine Gültigkeit nicht verloren, doch wird in São Paulo, der größten Stadt Brasiliens, „genauso gestorben, wie in anderen Metropolen auch“, so der Soziologe Cláudio C. Monteiro Jr. „meist im Krankenhaus und gemäß der sozialen Klasse auf luxuriösen Intensivstationen oder in Gemeinschafts-Krankenstationen.“ Doch was nach dem Eintritt des Todes folgt, unterscheidet sich grundlegend von der hiesigen Bestattungskultur, die den Verstorbenen gerne versteckt, statt ihn zu exponieren. Wurden die Verstorbenen früher zu Hause aufgebahrt, findet die Totenwache, der so genannte „velório“, nun in öffentlichen oder privaten Trauerhallen nahe des örtlichen Friedhofs statt. Hier wird der Verstorbene im offenen Sarg aufgebahrt, damit Verwandte und Freunde Abschied nehmen und kondolieren können. „Der Tote trägt seine eigene Kleidung oder ein weißes Totenhemd; eine leichte, weiße Decke und manchmal ist er zusätzlich mit einem Fliegennetz bedeckt, um den Körper vor Insekten zu schützen“, weiß Br. Johannes Gierse. „Während des velório wird gebetet, bei dem Toten gesessen und sich unterhalten; im Hinterhof des Hauses oder in der Küche wird gegessen und oft nicht gerade wenig getrunken; in der Nähe des offenen mit Blumen und Andenken geschmückten Sarges steht ein Tisch mit Tee und Kaffee“, berichtet der Franziskaner. „Besonders verdienstvolle Menschen werden in der Kirche oder Kapelle aufgebahrt und es wird sogar eine Messe mit ‚präsentem Körper‘ gefeiert.“ War der Verstorbene katholisch, wie rund 65 Prozent der brasilianischen Bevölkerung, erhält er eine Einsegnung durch den Priester.

 

In Stille trauern? Was in Deutschland üblich ist, wäre für Brasilianer undenkbar.

Beim Verlust eines Menschen steht weniger die Erinnerung an sein Leben im Vordergrund als vielmehr der Schmerz und der Verlust. „Das Ganze ist sehr emotional und tränenreich“, bestätigt Fabiane Motta, Brasilianerin aus São Paulo, die seit vielen Jahren in Heidelberg lebt. „Bei einer brasilianischen Beerdigung ist es nicht ungewöhnlich, dass Menschen ohnmächtig werden, laut schreien, den Körper des Verstorbenen küssen und umarmen und emotional reagieren, wenn der Sarg geschlossen wird“, bestätigt Br. Johannes Gierse. In kleineren Orten zieht die Trauergemeinde zu Fuß vom Haus des Verstorbenen zum Friedhof. Bei der Beerdigung hält meist ein Pfarrer, ein Familienmitglied oder eine nahestehende Person eine Rede. Nicht selten treffen hierbei unterschiedliche Religionen und Traditionen aufeinander. „Synkretismus“ wird diese Vermischung religiöser Ideen oder Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild genannt. So sind Teile des brasilianischen Katholizismus stark von afrobrasilianischen Traditionen wie Candomblé und Umbanda beeinflusst. „Nicht nur anlässlich der Trauerfeier gibt es religiösen Synkretismus, sondern im Allgemeinen ist die Zahl der Gläubigen nicht unerheblich, die an ‚beiden‘ Ritualen teilnehmen“, berichtet der Franziskaner, der bereits zahlreiche Bestattungen in kleineren Kreisstädten miterlebte und betreute. „Bis vor Kurzem war dies ein Problem für die katholische Kirche, die sich inzwischen etwas geöffnet hat.“

 

Beim Blumenschmuck gelten Lila und Dunkelrot als Trauerfarbe

Während in den meisten europäischen Ländern eine Beerdigung meist innerhalb einer Woche stattfindet, wird sie in Brasilien binnen 12 bis 24 Stunden durchgeführt, nicht zuletzt aufgrund des tropischen Klimas. Blumen oder Geldgeschenke werden üblicherweise nicht verschickt; vielmehr werden Trauerkränze persönlich niedergelegt. Beim Blumenschmuck gelten Lila und Dunkelrot als Trauerfarbe. Auch Plastikblumen sind keine Seltenheit; häufig werden Kerzen mitgebracht. Angehörige und Freunde tragen schwarze Trauerkleidung, zumindest formelle diskrete Garderobe; Frauen erscheinen oft mit schwarzem Schleier. „Undenkbar wäre ein Leichenschmaus“, sagt Fabiane Motta. „Das wäre für uns absolut pietätlos.“ Nach der vergleichsweise kurzen Beerdigung gehe daher jeder seiner Wege. Ebenso unüblich seien Todesanzeigen oder Trauerkarten. Für die Katholiken, sowohl Praktizierende wie Nichtpraktizierende, beendet die Sieben-Tages-Messe das Bestattungsritual. „Die ‚Missa do 7° dia‘ wird ca. eine Woche nach der Beisetzung gehalten. Familie, Freunde und Bekannte kommen noch einmal zu einem Gottesdienst zusammen, in dem die Verstorbenen namentlich vom Pfarrer erwähnt werden“, erklärt Johannes Gierse. „Die Sieben steht dabei für die Zahl der Vollkommenheit: Gott ruhte am 7. Tag.“ Danach kehren schnell wieder Alltag und Routine ein. Verwandte bleiben meist eine ganze Woche in der Nähe der Hinterbliebenen; Freunde bieten Hilfe an. Am späten Nachmittag versammeln sich Gemeindemitglieder, meist Frauen, und beten im Haus der trauernden Familie den Rosenkranz; dabei werden viele Kerzen angezündet und Heiligenbilder aufgestellt. „Dieses im Schmerz mit den Trauernden solidarische Gebet schenkt Trost und Hoffnung.“

 

Kosten – von einfacher Holzkiste bis Live-Musik und Süßigkeiten

Die Kosten für eine Bestattung in Brasilien sind laut Internetportal thebrazilbusiness.com sehr unterschiedlich. Gemäß einer Umfrage in São Paulo kann eine Beerdigung umgerechnet zwischen 80 und 13.000 Euro kosten. Abhängig ist diese Summe wie auch hierzulande von der Art des Sarges und der Bestattung. Bestattungsunternehmen bieten meist unterschiedliche Dienstleistungskategorien an: verschiedene Preislisten entsprechend der Qualität des Sarges, Anzahl der Kränze und weitere Extras. Während die preisgünstigste Bestattung nur die grundlegenden Dienstleistungen ohne Blumen, Kerzen und Trauerhalle enthält, umfasst die teuerste etwa Live-Musik und Süßigkeiten, die auch bei Hochzeiten und Geburten üblich sind. Natürlich darf auch ein repräsentativer Sarg nicht fehlen. Wenn die Familie des Verstorbenen keine ausreichenden Mittel für die Bestattung aufbringen kann oder wenn der Tote Organspender war, ist die Bestattung für die Angehörigen kostenfrei – inklusive Schleier, Kerzen und Blumen.

 

Gräber, Gruften, Kolumbarien

Erdbestattungen sind in Brasilien wesentlich verbreiteter als Feuerbestattungen: In der Metropolregion von São Paulo gibt es rund 40 öffentliche und private Friedhöfe, aber nur drei Krematorien. Auch wenn die Zahl der Feuerbestattungen in Brasilien gestiegen ist, werden noch über 70 Prozent der Verstorbenen begraben. Die traditionellen Friedhöfe folgen dem Muster einer christlichen Architektur mit Kreuzen und Heiligenfiguren. Jedoch gibt es auch “thematische Grabstätten”, wie etwa das Mausoleum eines Schauspielers auf einem traditionellen Friedhof von São Paulo. „Während der brasiliansichen Kolonial- und Imperialzeit konnten nur römisch-katholische Christen auf Friedhöfen begraben werden. Diese Tatsache führte dazu, dass die Protestanten von São Paulo im Jahre 1844 – noch während der Imperialzeit – ihren eigenen Friedhof schufen“, berichtet der Soziologe Cláudio C. Monteiro Jr. „Ab den 80er Jahren wurden die Friedhöfe einfacher und ‚ökumenischer‘, zunehmend ohne religiöse Symbolik und vielfach mit einfachen Grabplatten im Gras.“ Die Friedhofskultur hänge jedoch auch vom Geldbeutel der Familie des Verstorbenen ab, wie Johannes Gierse ergänzt. „Auch hier gibt es alles: von bepflanzten Gräbern, Gruften, Kolumbarien – vor allem in Großstädten – bis zu Steinplatten und Holzkreuze.“ Er berichtet von vielen verwilderten, schmutzigen Friedhöfen – „bis kurz vor dem 2. November, dem Nationalfeiertag, an dem das ganze Volk unterwegs ist und notfalls auch weit reist, um verstorbene Angehörige zu „besuchen“. An diesem Tag seien stets Menschenscharen auf dem Weg zu den Friedhöfen, auf denen die Gräber mit vielen Kerzen und Blumen oder Kunstkränzen geschmückt werden. Auf vielen Friedhöfen werden Messen gefeiert, um an die Toten zu erinnern.