Bestattung von Jugendlichen: Mitten im Aufbruch…

Foto: Franziska MolinaFoto: Franziska Molina

Jugendliche sind an der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen. Sie sind dabei, sich abzunabeln, sind Freunden oft näher als ihren eigenen Eltern und Geschwistern, erzählen Unbekannten im Internet mehr als ihrer Familie. Jugendliche sind auf der Suche und üben sich in Extremen – sei es im Kleidungsstil, in der Musik, in der Wahl ihrer Freunde. Stirbt ein junger Mensch, ist dies für Bestatter oft eine Härteprobe – emotional wie organisatorisch.

 

Barbara Rolf leitet seit 2008 ihr Bestattungsunternehmen in Stuttgart und Leinfelden-Echterdingen. Die Theologin ist Trauerrednerin, integrative Trauerbegleiterin und absolvierte eine Fortbildung in hygienischer Totenversorgung. Sie arbeitete an einigen Veröffentlichungen mit, hält Vorträge, leitet Seminare und Workshops zu verschiedenen Themen rund um Trauer und Bestattung.

 

Frau Rolf, was unterscheidet Bestattungen Jugendlicher von Bestattungen von Kindern oder älteren Menschen?

Sind es bei Kinderbegräbnissen oft nur enge Familienangehörige, die an der Trauerfeier und Beisetzung teilnehmen, gleichen Begräbnisse von Jugendlichen oft größeren Events: Mitschüler, Lehrer, Freunde, Verwandte, Bekannte, Sportfreunde oder Bandkumpels – alle erscheinen zur Beerdigung und wollen nicht selten auch ihren Teil dazu beitragen. Jugendliche haben schon einiges hinter sich: Eltern haben viel Energie investiert, sie bei den ersten Schritten begleitet, ihnen Lesen und Schreiben beigebracht und unzählige schlaflose Nächte hinter sich bis der Jugendliche sich fast selbstständig in der Welt bewegen kann. Stirbt er in einem solchen Zeitpunkt, ist das unendlich tragisch. Ich vergleiche den Tod eines Kindes gerne mit einer Knospe, die sich nicht öffnete. Der Jugendliche hingegen stirbt im Zeitpunkt seiner vollen Blüte.

 

Was bedeutet das für die Art der Bestattung?

Jugendliche haben oft einen ausgeprägten Geschmack. Meist wünschen sich die Eltern, Geschwister, Freunde und Mitschüler, dass dieser auch in die Feier einbezogen wird – sei es in Form bestimmter Lieder oder Dekorationen. Oft sind es Geschwister oder Freunde, die die Auswahl treffen. Die Eltern tragen eher etwas bei, das dem Wesen ihres verstorbenen Kindes entspricht. Sie wissen plötzlich ganz genau, was passt und was nicht.

 

Das klingt sehr aufwändig…

Ja, die Bestattung Jugendlicher kostet allein schon aufgrund der zahlreichen Beteiligten viel Zeit und Energie. Gerade wenn viel selbst gestaltet wird, muss ich dies koordinieren, vorschlagen, anleiten, manchmal auch Einhalt gebieten, wenn etwas nicht geht. Aber meist ist viel mehr möglich, als die Beteiligten denken. Letztes Jahr haben wir einen Jugendlichen bestattet, der an Krebs gestorben war. Die Eltern haben die Sarggestaltung komplett den Schulkameraden überlassen. An dem Tag hatten wir 60 Teenager im Haus und es war gut, dass sie unter sich waren und ohne Erwachsene miteinander reden konnten.

 

Wie gestalten Sie Bestattungen von Jugendlichen, die durch einen Suizid gestorben sind?

Für mich ist es besonders wichtig, den Suizid aus der Sünden- und Vorwurfsecke herauszuholen und zu betonen, dass man auch die Kraft verlieren kann, wenn man noch jung ist. Dass ein Leben auch früh zu Ende gehen kann, dies aber über die Qualität oder Intensität nichts aussagt. Wenn ich dann einen Brief von der Familie bekomme, die Trauerfeier habe sie berührt, getröstet und erfüllt, freue ich mich ungemein.

 

Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke?

Die Teenies sind sehr undurchsichtig. Oft „weiß“ Facebook mehr als die eigene Familie. Auch in Whatsapp-Gruppen haben sie sich möglicherweise
mitgeteilt. Das erfahren wir dann bei der Nachforschung, wenn wir wissen möchten, wie dieser Mensch gewesen ist. Auch bei trauernden Freunden und Familienmitgliedern spielen soziale Netzwerke und Kurznachrichten eine große Rolle: Es wird zusammen getrauert, sich ausgetauscht, Sprüche, Gedanken, Gefühle, Fotos geteilt. Ein schwerkranker Junge hat bis zu seinem Tod rege aus dem Krankenhaus gepostet – und das sogar sehr humorvoll!

 

Wie wichtig sind Sarg, Urne oder Erinnerungsprodukte?

Produkte spielen auf jeden Fall eine große Rolle. Bei Jugendlichen ist die Sargauswahl erfahrungsgemäß wichtiger als bei älteren Menschen. Wir nutzen oft Kiefer natur Särge, die auch selbst gestaltet werden können. Andere wünschen sich eine edle weiße Truhe und können sich nicht vorstellen, dass ihr Kind in einem schlichten Holzsarg liegt. Mittlerweile gibt es ja auch Särge, die man mit Fotos individualisieren kann. Je nach Bestattungsform ist auch die Auswahl der Urne sehr wichtig. Geld spielt da weniger eine Rolle als vielmehr die Angemessenheit. Es geht nicht darum, dem Kind noch einmal etwas Schönes zu kaufen, sondern eher darum, dass es dem Wesen des Kindes entspricht. Manchmal sind die Eltern für einen weißen, der Bruder aber für einen schwarzen Sarg. Dann kommt es darauf an, dass man die Möglichkeiten aufzeigt. Immer wichtiger werden Erinnerungsprodukte: Die Menschen sehnen sich danach, etwas Bleibendes zu behalten. Der Bruder einer verstorbenen jungen Frau etwa hatte eine Kette mit einem Kreuz als Talisman. Diesen hat er der Schwester in die Urne gelegt und ihn durch ein Fingerprint-Kreuz von ihr ausgetauscht. Die Individualität hat viele Ausdrucksformen. Früher wurde sie, wenn überhaupt, nur in der Familie gelebt. Nach außen war man möglichst konform. Analog zu unseren Lebensumständen ist Gleichmacherei heute hingegen fast verpönt. Kein Grab ist mehr wie das andere. Das gilt glücklicherweise auch für Trauerfeiern und Bestattungen.

www.bestattungen-rolf.de