Back to the roots

Huub KluijtmansHuub Kluijtmans, Gründer und Geschäftsführer des „Natuurbegraafplaats Venlo-Maasbree“

Erdbestattung oder Ascheverstreung? Im niederländischen Begräbniswald ist alles möglich

Wer in einem Wald bestattet wird, kehrt buchstäblich zurück zu den Wurzeln. Vorausgesetzt, er oder sie wird zuvor eingeäschert und in einer Urne beigesetzt. Mehr Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum gibt es bei unseren Nachbarn: Der Naturbegräbniswald in der Nähe von Venlo an der deutsch-niederländischen Grenze zum Beispiel zieht immer mehr Deutsche an. Der Grund? „Die Freiheit“, sagt Huub Kluijtmans, Gründer und Geschäftsführer des „Natuurbegraafplaats Venlo-Maasbree“. Die Naturruhestätte aus zwei Teilflächen hinter dem städtischen Krematorium in Venlo grenzt an die Ostseite des Gemeindefriedhofs an. Der größere Teil liegt einen halben Kilometer entfernt auf dem Gebiet von Maasbree. Entlang des verbindenden Waldweges kann auf kleinen Parzellen Asche verstreut werden. Dies ist in den Niederlanden erlaubt, ja sogar durchaus üblich. Rund 70 Prozent der Niederländer haben laut Kluijtmans eine Sterbegeldversicherung, die Bestattungsdienstleistungen und die Kosten für den Sarg abgdeckt. Dies hat auch einen Einfluss auf die Bestattungskosten, die in den Niederlanden dementsprechend höher sind. Die Bestattung oder Ascheverstreuung im Begräbniswald sei allerdings eine sehr preisgünstige Alternative, erklärt Huub Kluijtmans, dessen Gegräbniswald offen für fast alle Bestattungsarten ist, auch für die Erdbestattung – ein „No Go“ in einem deutschen Begräbniswald. „Viele Deutsche empfinden Holland als besonders offen, frei und locker“ – ein Kontrast zur deutschen Mentalität, die eher zurückhaltend sei, so Kluijtmans. Auch von den Bestattungsmöglichkeiten im Nachbarland seien vor allem deutsche Freigeister angetan, die Wert auf eine individuelle Beisetzung nach ihren Wünschen legen.

 

Das Areal in Maasbree ist im Gegensatz zur Teilfläche in Venlo bis auf einige Hügelchen flach und wird durch verschiedene Waldwege erschlossen. Es soll so natürlich wie möglich belassen werden. Das ist Huub Kluijtmans und seiner Familie wichtig. „Wir wollen eine Art Urwald entstehen lassen, ohne dass wir Bäume abholzen oder umgefallene Bäume beseitigen. Hier erfolgt also keine normale Wald- oder Forstwirtschaft, sondern hier kann die Natur Natur sein. Abgebrochene Äste und umgefallene Bäume bleiben liegen, solange sie keine Gefahr darstellen“, erklärt der Holzkaufmann, der eher zufällig zum Friedhofsbesitzer wurde: Als er 2001 ein Stück Wald erwarb, erfuhr er über Umwege, dass es für die Fläche bereits eine Friedhofsgenehmigung gab. So wurde die Idee geboren und weiterentwickelt.

 

Einfach liegen lassen

Insgesamt vier Hektar Wald sind im Naturbegräbniswald für 4.000 Sarggräber reserviert: Einzelgräber, Doppelgräber, übereinander oder nebeneinander, markiert mit einem kleinen beschrifteten, nicht behauenen Findling. „Für die Särge gibt es keinen strengen Lageplan, jeder kann sich seinen Platz aussuchen“, erzählt Huub Kluijtmans. „Wenn möglich, erfüllen wir auch Sonderwünsche: Vor einiger Zeit wollte beispielsweise eine Dame in Fötushaltung in einem Korb bestattet werden. Dem Wunsch sind wir natürlich nachgekommen. Warum auch nicht?“ Auch für Rituale aus unterschiedlichen Religionen ist der Wald offen – sofern sie seine ursprüngliche Natur nicht zu sehr beeinträchtigen. Muslimische Bestattungen gebe es zwar seltener, doch gerade neulich wurde das Baby einer muslimischen Familie im Naturbegräbniswald bestattet. Die Eltern wünschten sich, dass der Kopf des Kindes nach Mekka ausgerichtet und der kleine Körper mit Holz bedeckt würde. Kein Problem. „Welcher Religion auch immer Menschen angehören – im Wald erlebt jeder noch einmal eine andere, glaubensübergreifende Dimension des Lebens und der Natur, die schwer zu beschreiben ist.“

 

Kinder, die auf Särgen sitzen

Auch bei der Sarggestaltung und -beschaffenheit haben die Angehörigen laut Huub Kluijtmans freie Hand: „Der Sarg kann professionell hergestellt oder selbstgebaut sein. Normalerweise wird er von Angehörigen auf einem Bollerwagen gezogen. Manchmal sitzen sogar bis zu fünf Enkel auf dem Sarg, in dem die Oma liegt.“ Was für deutsche Ohren etwas gewöhnungsbedürftig oder gar pietätlos klingt, ist für Huub Kluijtmans nicht unwürdig. Im Gegenteil: „Das ist Liebe!“ Überhaupt werde in Holland wesentlich mehr selbst gestaltet und weniger dem Bestatter überlassen. Aus Deutschland lassen sich oft Kreative oder Menschen mit einem besonderen Lebenslauf im Naturbegräbniswald bestatten, etwa eine ältere Dame, die vor dem Krieg an den olympischen Spielen in London teilnahm und bis ins hohe Alter Sport trieb, oder eine Tänzerin.

 

Kinder, die auf Särgen sitzen

 

Die Bedenken der Deutschen Behörden hinsichtlich der Sargebstattung im Wald teilt Huub Kluijtmans nicht: „Auf normalen Friedhöfen stehen doch auch Bäume. Niemand bestattet direkt neben einem Stamm. Bei alten, dicken Bäumen respektieren wir die Wurzeln und bestatten in einem angemessenen Abstand.“ Überhaupt bleibe der Wald so unberührt wie möglich und vor Abholzung geschützt. So lässt sich die in Deutschland traditionelle Bestattung im Sarg mit ökologischen Aspekten, freier Platzwahl in einem unbelasteten Wald und Gestaltungsfreiheit kombinieren.

 

Natürlich Abschied feiern

Doch auch in den Niederlanden steigen die Kremationszahlen. Urnenbegräbnisse oder Ascheverstreuungen überwiegen im Vergleich zum Interesse an einer Erdbestattung. Doch die Bestattungskultur in den Niederlanden unterscheidet sich in mehrerlei Hinsicht von der deutschen: Der Abschied vom Verstorbenen wird meist am Vorabend der Kremation in einer Kirche oder einem Abschiedsraum am Sarg gefeiert. Zur Einäscherung kommen geladene Gäste ins Krematorium, das mit einem Empfangsgebäude aufwartet und Platz für meist zwischen 50 und 200 Teilnehmer bietet. Ein Abschied an der Urne sei unüblich. Diese bekommen die Angehörigen erst rund vier Wochen nach der Einäscherung ausgehändigt, um die Asche an einem beliebigen Ort zu verstreuen, zwischen den Familienmitgliedern aufzuteilen oder zu bestatten.

Kommt die Urne aus Deutschland, wird sie von einem deutschen Bestatter überführt. „An der Bestattung oder Verstreuung in unserem acht Hektar großen Streuwald nehmen meist kleine Gruppen mit um die zehn Personen teil“, erzählt Kluijtmans. „Die Angehörigen können sich ganz spontan einen Baum oder einen Platz suchen, an dem der geliebte Mensch beigesetzt werden soll.“ Die Stelle wird dann mit einer Baumscheibe mit dem Namen des Verstorbenen oder einem Grußwort markiert. Ganz gleich, ob die Urne bestattet oder die Asche verstreut wird – Angehörige kommen immer wieder in den Wald, etwa an persönlichen Gedenktagen. „Oder“, ergänzt Huub Kluijtmans, „um dem Mysterium von Leben und Tod etwas näher zu kommen, wenn nach dem Winter im Frühling die Natur zum Leben erwacht.“