Auf das Taktgefühl kommt es an

csm_krawuttke_klein_17_61b4522fa8© echtgemalt

Ich weiß nicht, wie andere das sehen. Aber ich bin der Meinung: man kann nicht alles erlernen. Für manche Dinge braucht man Begabung und Talent. Da kann man noch so viele Bücher lesen, üben oder praktische Erfahrungen sammeln.

 

Ich weiß nicht, wie andere das sehen. Aber ich bin der Meinung: man kann nicht alles erlernen. Für manche Dinge braucht man Begabung und Talent. Da kann man noch so viele Bücher lesen, üben oder praktische Erfahrungen sammeln. So richtig wird das nichts. Wie bei mir und dem Klavierspielen. Meine ganze Kindheit über habe ich mich mit diesem Instrument  gequält. Und nicht nur mich. Auch meinen Klavierlehrer und meine Eltern. Ich glaube alle waren froh, als ich damit irgendwann einfach aufgehört habe. Talent braucht man auch im Beruf. Ich will jetzt nicht behaupten, dass man unheimlich begabt sein muss, um Bestatter zu werden. Aber man braucht auch in unserem Gewerbe  bestimmte Fähigkeiten, die kann man nicht lernen.  Zum Beispiel den Umgang mit Menschen. Nein, ich meine nicht den Umgang mit den Toten. Der ist vergleichsweise einfach. Schwierig sind die, die am Ende die Rechnung zahlen sollen. In welchem Lehrbuch steht bitte schön etwas darüber, wie man mit einem Kunden umgehen soll, der während des gesamten Verkaufsgespräches weint wie ein Schlosshund? Oder mit einem, der gar nichts sagt und noch nicht mal nickt oder mit dem Kopf schüttelt? Ja, das lernt man nicht, das hat man im Blut. Damit kann man umgehen oder eben nicht. In meiner Familie ist man seit 1930 den Umgang mit solch schwierigen Kunden gewöhnt. Als Krawuttke kommt man bereits mit dem Bestatter-Gen auf die Welt. Ob tot oder lebendig – nichts Menschliches ist einem da fremd. Bereits mein Opa hat immer gesagt: Am Ende liegen sie alle bei uns auf der Bahre.

 

Ich will Ihnen ein Beispiel geben, wie ich einmal meiner Auszubildenden Bettina gezeigt habe, was nur ein Krawuttke kann.  Ich habe sie mit zum Kundengespräch genommen, als ich eine schwierige Kundin mit der richtigen Dosis Humor wieder  aufgemuntert habe. Die Kundin war sehr verzweifelt und offensichtlich eine gläubige Frau, denn sie betete dafür, dass ihr Mann in den Himmel kommt, wie sie uns unter Tränen erzählte. Mit einem Augenzwinkern habe ich Sie gefragt, ob sie denn nicht wisse, was man tun muss um in den Himmel zu kommen. „Nein“, sagte sie, und sah mich neugierig an. „Na, erst mal sterben“, antwortete ich „ das Übrige ist dann Nebensache“.  Zuerst schien sie den Witz nicht zu verstehen, aber dann lächelte sie freundlich, wenn auch etwas gequält. Ich war in meinem Element. Ein Lächeln hatte ich schon auf ihr Gesicht gezaubert, ein zweites würde ich sicher auch noch schaffen. Das war ich auch meiner staunenden Auszubildenden schuldig.  „Aber sie wissen doch sicher, was eine Witwe ist“, legte ich nach und löste das Rätsel auf ihren verständnislosen Blick hin gleich auf. „Das ist eine Frau, die immer weiß, wo ihr Mann ist“. Ich gebe zu, das war nicht der allerneueste Aufmunterer, aber er wirkte. Die Frau, die zuvor noch traurig und verzweifelt war, schien plötzlich ein bisschen klarer zu sehen, als sie ein gequältes „Tja, Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ hervorbrachte. Zack! Krawuttkes Gespür für Menschen hatte mal wieder ins Schwarze getroffen. Bettina machte große Augen. Ich glaube, sie hat mich in dem Moment ganz schön bewundert. Etwas schade fand ich, dass die Kundin am nächsten Tag, als es noch um ein paar Kleinigkeiten ging, nicht nach mir, sondern nach Bettina gefragt hat, um alles zu besprechen. Aber vermutlich wollte sie auch einfach mal von Frau zu Frau sprechen. Ich hätte da schon noch die eine oder andere Erheiterung parat gehabt.