Anonyme und soziale Bestattungen

csm_DSCN2166_07ffe55274Anonyme und soziale Bestattungen

Die Medien berichten fast täglich über die steigende Anzahl anonymer und sozialer Bestattungen. Die Abnahme familiärer Bindungen oder auch die zunehmende Verarmung der Bevölkerung werden als Hauptgründe für diese Entwicklung angeführt. Das Bestattungsgewerbe bekommt diese Zunahme durch Umsatzeinbrüche zu spüren. Was können Bestatter, Friedhofsverwaltungen und andere Einrichtungen gegen diesen Trend tun?

 

Anonyme Bestattungen

Bei einer anonymen Bestattung kennen die Hinterbliebenen weder den genauen Ort noch den Zeitpunkt der Beisetzung. Die Bestattung wird auf einer Rasenfläche als Urnen- oder Erdbestattung durchgeführt, eine Kennzeichnung der genauen Beisetzungsstelle durch ein Grabmal mit Namen entfällt. Nur bei einer halbanonymen Bestattung weist ein zentrales Denkmal oder eine Platte an der Beisetzungsstelle den Namen der Verstorbenen auf.

 

Soziale Bestattungen

Bei sozialen Bestattungen werden die Kosten zum Teil oder vollständig von den jeweiligen Sozialhilfeträgern übernommen, wenn „den hierzu Verpflichteten nicht zugemutet werden kann, die Kosten zu tragen“ (§ 74, Neuntes Kapitel Sozialgesetzbuch). Da jede Kommune unterschiedliche Maßstäbe ansetzt, welche Leistungen für eine Bestattung erforderlich sind, schwankt die Höhe der übernommenen Kosten zum Teil erheblich. Während laut der Verbraucherorganisation Aeternitas e.V. beispielsweise im Kreis Limburg-Weilburg 850 Euro für eine einfache ortsübliche Bestattung angesetzt werden, zahlt das Heilbronner Sozialamt bis zu 3.000 Euro für eine Feuer- und bis zu 3.500 Euro für eine Erdbestattung. Häufig werden auch ordnungsbehördlich veranlasste Bestattungen als Sozialbestattungen bezeichnet. Sie werden von Amts wegen veranlasst, wenn ein Verstorbener keine Verwandten hatte oder diese nicht ausfindig gemacht werden können.

 

Gründe für die Anonymität

Es gibt verschiedene Beweggründe, aus denen sich Hinterbliebene für eine anonyme Bestattung entscheiden. Ein häufig angeführter Grund sind die Kosten. Sie fallen bei einer anonymen Beisetzung in der Regel erheblich geringer aus, da u.a. Trauerfeier, Grabpflege und das Aufstellen eines Grabsteins entfallen. Gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen die Wahl der Beisetzungsart ebenfalls. Immer mehr Familienmitglieder leben weit voneinander entfernt, so dass Friedhofsbesuche nur sehr selten oder gar nicht möglich sind. Aber auch viele Personen, die ihre Bestattung im Voraus planen, entscheiden sich für die Anonymität. So zum Beispiel Dietmar Huch, Kaufmann aus Essen: „Ich möchte feuerbestattet und dann entweder auf See verstreut oder anonym auf einem Friedhof beigesetzt werden. Ich möchte meine Verwandten nicht unter Druck setzen, mein Grab aufsuchen und pflegen zu müssen. Meine Eltern wurden in einem Reihengrab beigesetzt. Ihr Grab besuche ich nur, um zu überprüfen, ob die von mir beauftragte Grabpflege ausgeführt wurde. Ich brauche kein Grab auf einem Friedhof, um anderen Menschen zu gedenken.“ Ähnlich sieht das die Designerin Adelheid Wich aus Düsseldorf: „Mein verstorbener Vater hat mir sehr nahe gestanden. Trotzdem besuche ich nie sein Grab – es hat für mich nichts mit ihm zu tun. Für mich gibt es viele andere Orte des Gedenkens. Meine Bestattung sollte auch anonym stattfinden, am besten so unaufwendig wie möglich. Ich empfinde es als Zumutung, jemanden damit zu belästigen, nach meinem Tod mein Grab zu pflegen. Ich würde mich auch bei einem Todesfall in meiner Familie für eine anonyme Bestattung entscheiden. Aber generell – auch was meine eigene Bestattung betrifft – sollte es immer den Hinterbliebenen überlassen werden, welche Beisetzungsform sie wählen.“ Die Aussagen der beiden Befragten sind typisch für den allgemeinen Wertewandel in Bestattungsfragen.

 

Anonym: Anstieg oder nicht?

Nicht in jeder Stadt wird eine offizielle Statistik über die Anzahl anonymer Beisetzungen geführt. Gesicherte Zahlen gibt es beispielsweise aus den Großstädten Berlin, Köln oder München. So fanden im Jahr 2007 in Berlin 391 anonyme Erd- und 11.681 anonyme Feuerbestattungen statt. Mit insgesamt 29.120 durchgeführten Bestattungen lag der Anteil der anonymen Bestattungen damit bei 41,3 Prozent. Zum Vergleich: 1992 waren es „nur“ 22,2 Prozent. In Köln dagegen schwankt der Anteil der anonymen Bestattungen seit 2002 relativ konstant zwischen 10 und 12 Prozent. Ein kontinuierlicher Anstieg, so das Amt für Stadtentwicklung und Statistik in Köln, sei nicht zu verzeichnen. In München lag der Anteil anonymer Urnenbeisetzungen 1998 bei 5,11 Prozent, 2007 bei 8,16 Prozent. Das Münchner Referat für Gesundheit und Umwelt geht von einem weiteren Anstieg in den nächsten Jahren aus. Aber wie sieht es in kleineren Gemeinden aus? Die Rheinische Post fragte im November 2008 bei Friedhofsverwaltungen verschiedener kleinerer Gemeinden in Nordrhein-Westfalen nach. Während Rheinberg mit 10 Prozent einen deutlichen Anstieg verzeichnet, werden anonyme Urnenbeisetzungen in Xanten kaum nachgefragt – auf 100 durchgeführte Bestattungen kommen vier anonyme.

 

Fazit: Nicht in allen Regionen Deutschlands steigt die Zahl der anonymen Beisetzungen. Ihr Anteil an den insgesamt durchgeführten Bestattungen schwankt von Stadt zu Stadt zum Teil erheblich. Dennoch zeichnet sich – bundesweit gesehen – ein deutlicher Anstieg dieser Bestattungsart ab. So geht beispielsweise auch das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur laut einer Meldung des evangelischen Pressedienstes von einer steigenden Anzahl anonymer Bestattungen aus.

 

Soziale Bestattungen: steigende Tendenz

Eine von der Nachrichtenagentur DDP veröffentlichte Umfrage brachte nicht nur die Anzahl sozialer Bestattungen zum Vorschein, sondern auch die Höhe der dafür anfallenden Kosten. Laut Umfrageergebnisse wenden Großstädte wie Hannover, Kiel oder Braunschweig Beträge im sechsstelligen Bereich auf. Hannover zum Beispiel zahlt beziehungsweise unterstützt jährlich 300 Beisetzungen; im Jahr 2007 wurden dafür 500.000 Euro fällig. Hamburg soll im Jahr 2006 insgesamt 1.300 soziale und ordnungsbehördliche Bestattungen durchgeführt und dafür circa drei Millionen Euro ausgegeben haben. Die Umfrageergebnisse zeigen insgesamt einen deutlichen Anstieg der durchgeführten Sozialbestattungen. In diesem Zusammenhang wichtig: Auch die Friedhofskosten steigen, was sich direkt auf die Kosten auswirkt, die für die Sozialämter anfallen. So berichtete der Obermeister der Berliner Bestatterinnung in einem Interview mit der Berliner Morgenpost, dass die städtischen Friedhöfe im Jahr 2007 1.950 Euro für eine anonyme Bestattung verlangten – drei Jahre zuvor seien es „nur“ 800 Euro gewesen.

 

Die Hinterbliebenen leiden

Die Zunahme sozialer Bestattungen führt in erster Linie zu immer höheren Ausgaben für die Ämter. Der Anstieg der anonymen Bestattungen hat dagegen vor allem auf die Hinterbliebenen negative Auswirkungen. Denn nicht selten, wenn der Verstorbene selbst eine anonyme Bestattung verfügt hat, ohne seine Entscheidung mit den Hinterbliebenen zu besprechen, fühlen sich diese übergangen und hilflos. Vielen von ihnen fehlt später ein Ort zum Trauern. Sehr anschaulich zeigt das zum Beispiel der Kommentar der Internetuserin Tanja zum Thema anonyme Bestattung im Bestatterweblog (www.bestatterweblog.de): „Ich persönlich mag gar nicht daran denken, wenn ich in einem Urnenfeld umher irre und z.Bsp. nach meiner Mutter suchen würde. Ich würde alles daran setzen, auch wenn es der letzte Wunsch meiner Mütter wäre, eine solche Beisetzung zu verhindern. Das klingt viel[l]eicht egoistisch, aber der Gedanke ich könnte mich nie von meiner Mama so richtig verabschieden (ich meine in Form einer Beerdigung usw.), sie nie besuchen und vor ihrem Grab trauern, ihr Blumen […] bringen und mich […] mit ihr […] unterhalten [ist für mich unerträglich]. Eine anonyme Bestattung ist zwar preiswert, aber nicht den Preis wert, dass meine Geschwister, ich usw. keinen Platz und Ort zum Trauern haben.“

 

Auswirkungen auf die Bestattungsbranche

Der Anstieg der anonymen Bestattungen wirkt sich negativ auf die gesamte Bestattungsbranche aus. Nicht nur Bestattungsunternehmen, auch andere Gewerke wie Floristen oder Trauerredner bekommen diese Entwicklung deutlich zu spüren. Bernd Dirks, Landesinnungsmeister des Steinmetz- und Bildhauerhandwerks Westfalen-Lippe: „In unserer Region steigen die Zahlen der anonymen Bestattungen ebenfalls. Beliebter werden zum Beispiel Wiesengräber, auf denen eine Platte mit Namensgravur an den Verstorbenen erinnert. Anonyme Grabfelder brauchen natürlich keine Grabsteine, Wiesengräber allenfalls eine Steinplatte. Für unser Gewerk bedeutet das, dass die Nachfrageseite zahlenmäßig dort wegbricht, wo die Menschen auf das traditionelle Einzel- oder Wahlgrab verzichten.“ Zumindest eine positive Entwicklung kann der Steinmetz- und Bildhauermeister beobachten: „In den letzten Monaten stelle ich fest, dass sich die Menschen, die einen Grabstein wählen, ihn wirklich ganz bewusst wählen. Sie machen sich Gedanken, welches Material und welche Form zum Leben des Verstorbenen am besten passt.“ Bernd Dirks ist überzeugt: „Jede Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Verstorbenen umgeht. Unsere Verstorbenen haben Namen, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Sie gehören auch nach dem Tod zu unserer Gemeinschaft, zu unserer Stadt dazu. Daher ist es wichtig, dass Bestattungsarten so gewählt werden, dass die Toten unter uns bleiben. Anonyme Bestattungen sind dazu meines Erachtens nicht geeignet.“

 

Menschwürdige Sozialbestattung gefordert

Sowohl der Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. (BDB) als auch Aeternitas haben Initiativen ins Leben gerufen, durch die Sozialbestattungen verstärkt ins Blickfeld der Politik gelangen sollen. Mit der Aktion Sozialbestattung 2008 fordert Aeternitas bundeseinheitliche Standards für eine ortsübliche Bestattung (weitere Informationen: www.aeternitas.de). Der BDB hat Ende Oktober 2008 Grundsätze für eine würdige Bestattung bei Sozial- und Ordnungsamtbestattungen verabschiedet. Mit ihnen möchte der Verband auf die Einhaltung einer menschwürdigen Bestattung durch Sozial- und Ordnungsämter hinweisen (weitere Informationen: www.bestatter.de).

 

Gottesdienste gegen die Anonymität

Bisher gibt es nur wenige Initiativen, die sich mit anonymen Bestattungen auseinandersetzen und deren Verringerung zum Ziel haben. Hauptsächlich aktiv sind in diesem Bereich die christlichen Gemeinden. So halten die Kirchen im nordrhein-westfälischen Essen für die „Unbedachten dieser Stadt“ – Verstorbene, die anonym beerdigt worden sind – jeden zweiten Dienstag im Monat einen ökumenischen Gedenkgottesdienst ab. In ihm wird den anonym Beigesetzten der Stadt gedacht. Ähnliche Gedenkgottesdienste gibt es beispielsweise in Erfurt, Köln und Leverkusen.

 

Verwaltungen sind gefragt

Auch die Friedhofsverwaltungen könnten einen weiteren Anstieg dieser Bestattungsart verhindern – durch eine Anpassung ihrer Gebührenstrukturen. Denn ein Großteil von Personen entscheidet sich allein aus Kostengründen für eine anonyme Beisetzung. Eine Anpassung brächte beiden Seiten Vorteile. Wären die Gebühren für eine anonyme Grabstätte genauso hoch wie für ein normales Reihengrab, müssten sich Betroffene nicht aus einer finanziellen Notlage heraus für die Anonymität entscheiden. Zum anderen würde sich das Erscheinungsbild der Friedhöfe verbessern – auf vielen von ihnen führt die hohe Zahl anonymer Beisetzungen bereits zu teilweise verödeten Flächen.

 

Jeder einzelne kann handeln

Eine weitere Möglichkeit anonymen Bestattungen entgegenzuwirken, bieten neuartige Friedhofskonzepte, die auf die Bedürfnisse von Hinterbliebenen besser ausgerichtet sind. So zum Beispiel das Konzept der „wandelbaren Gemeinschaftsgräber“. Mit ihm können Bestatter ihren Kunden begegnen, die mit Argumenten wie „es darf nicht so teuer sein“ oder „ich möchte niemanden zur Last fallen“ ein anonymes Grabfeld wünschen. Die Umsetzung solcher Konzepte muss nicht nur von den jeweiligen Friedhofsverwaltungen unterstützt werden. Ihr Vorhandensein muss vor allem einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Dabei kann jeder einzelne helfen, der in der Bestattungsbranche tätig ist.

 

Aufklärung und Betreuung sind wichtig

Entscheidend ist vor allem eine umfassende Aufklärung und Betreuung. Bestattungsunternehmen müssen ihren Kunden deutlich machen, was es für die Hinterbliebenen für Auswirkungen haben kann, keinen Ort zum Trauern zu haben. Sie müssen sie darüber informieren, was es bedeutet, sich nicht bei einer Beisetzung vom Verstorbenen verabschieden zu können. Vor allem wichtig: der Hinweis darauf, die Entscheidung für ein anonymes Grab nicht übereilt zu treffen, sondern mit den Familienmitgliedern abzusprechen und sie nicht vor „vollendete Tatsachen“ zu stellen. Ein umfassendes Angebot an verschiedenen Beisetzungsarten ist ebenfalls von Bedeutung. Es bietet Bestattern die Möglichkeit, Hinterbliebenen verschiedene Beisetzungsalternativen – wie Baum- oder Luftbestattungen – aufzuzeigen und ihre Wünsche nach außergewöhnlichen Bestattungsformen zu erfüllen. Einen besonderen Service stellen zudem Informationsveranstaltungen dar, auf denen Fragen rund um Beisetzungsformen oder –vorsorge beantwortet werden; sie verstärken den Kontakt zu den Kunden. Ein solcher Service sorgt für eine starke Kundenbindung und für Vertrauen. Und Vertrauen ist nicht nur Voraussetzung dafür, die eigenen Dienstleistungen und Produkte zu verkaufen. Es ist auch Basis für eine erfolgreiche Beratung. Diese wiederum bietet die beste Möglichkeit, mit den richtigen Argumenten eine weitere Zunahme anonymer Bestattungen zu verhindern. Auch Bernd Dirks kann die Bedeutung einer intensiven Beratung bestätigen: „Unser Bundesverband informiert natürlich über das Thema. Wir vor Ort stehen zudem in engem Kontakt mit den Menschen und auch mit den Hospizgruppen. Oft sind bei der Wahl der Bestattungsart zunächst wirtschaftliche Gründe oder die Sorge um die Grabpflege ausschlaggebend, wobei häufig vernachlässigt wird, dass ein konkreter Ort zur Bewältigung der Trauer notwendig ist. Damit von vorneherein die richtige Bestattungsart gewählt wird, sind behutsame Beratungsgespräche erforderlich.“