Wie lässt sich der Friedhof als Erinnerungsort stärken? Tim Busam von allive spricht darüber, wie die Wünsche der Menschen im Mittelpunkt ganzheitlicher Konzepte stehen und der letzten Ruhestätte neues Leben einhauchen.
Wie kann der klassische Friedhof wieder attraktiver für Trauernde und andere Besuchende werden?
Der Friedhof muss wieder stärker als Ort wahrgenommen werden, der individuelle Formen der Erinnerung ermöglicht. Standardisierte Angebote vermitteln oft weder Trost noch Persönlichkeit – dabei wünschen sich Angehörige nach einer individuellen Trauerfeier konsequenterweise auch entsprechende Möglichkeiten der Grabgestaltung. Das können thematische Bereiche oder auch Grabfelder für Sternenkinder oder andere Gruppen, die bisher wenig berücksichtigt wurden. Entscheidend ist, dass der Friedhof nicht nur als Pflichtort wahrgenommen wird, sondern als bewusst gewählter Ort der Erinnerung. Dieser muss sich auch nicht in pietätvolles Schweigen hüllen, denn Trauer ist nicht immer leise. Sie kann auch Bewegung, Lachen, Musik oder gemeinsames Erinnern bedeuten. Gerade bei Kindern oder jungen Familien merken wir, dass klassische Friedhofsregeln oft gar nicht zu ihrer Lebenswirklichkeit passen. Wenn ein Geschwisterkind am Sternenkinderfeld spielen darf oder Angehörige an einem Grab Musik hören, dann ist das kein Zeichen von Respektlosigkeit, sondern Ausdruck von Beziehung. Der Friedhof darf ein Ort sein, an dem man verweilt – nicht nur ein Ort, den man möglichst schnell wieder verlässt. Natürlich braucht das einen respektvollen Rahmen. Aber innerhalb dieses Rahmens sollten viel mehr Formen von Erinnerung möglich sein.
Wie wirken sich neue Gestaltungskonzepte auf den gesamten Friedhof aus?
Sie können dem Friedhof eine neue Aufenthaltsqualität geben und unterschiedliche Bedürfnisse abbilden an Orten, die berühren, die erzählen und die auch über den Moment der Beisetzung hinaus Bedeutung haben. Wenn solche Konzepte gut umgesetzt sind, entsteht wieder eine stärkere Bindung – sowohl für Angehörige als auch für die Gesellschaft insgesamt. Produktideen wie unser Grabstein oder auch Urnenwände zum Einwerfen sowie wiederbeschriftbare Grabkreuze können solche Entwicklungen unterstützen, stehen aber nicht im Vordergrund.
Was bedeutet das für die Arbeit der Bestatter?
Bestatter können eine zentrale Rolle dabei übernehmen, solche Entwicklungen anzustoßen. Sie sind nah an den Bedürfnissen der Angehörigen und können Impulse geben, wie Friedhöfe weitergedacht werden können. Wenn es gelingt, Beratung, Gestaltung und neue Ideen zusammenzubringen, kann der Friedhof wieder stärker als relevanter Ort im Trauerprozess etabliert werden. Der Leitgedanke sollte sein: weg vom Reihengrab, hin zu unterschiedlichen Atmosphären, Begegnungsorten und Themenbereichen.
