MIT TYPHON UND Tradition – Interview mit Kapitän Horst Hahn

Wie in der guten alten Zeit: Bei der Seebestattung spielen Kreativität und Individualisierung kaum eine Rolle. (Bild © Marco Kempe)Wie in der guten alten Zeit: Bei der Seebestattung spielen Kreativität und Individualisierung kaum eine Rolle. (Bild © Marco Kempe)

95 Prozent der Deutschen finden ihre letzte Ruhestätte ganz klassisch auf einem Friedhof. Doch auch dank günstiger pflegefreier Alternativen wächst auch die Nachfrage nach alternativen Bestattungsorten, wie der Nord- oder Ostsee. Hier gab es im vergangenen Jahr nach Schätzungen des  Bundesverbandes Deutscher Bestatter fast 20.000 Seebestattungen, die  trotz steigender Tendenz bei der Seebestattungs-Reederei Hamburg nicht  „wie am Fließband“ begangen werden: Als Kapitän Horst Hahn 1972 das Unternehmen gründete, betrat er Neuland und legte den Grundstein für eine Bestattungszeremonie, wie sie noch heute feierlich begangen wird.

 

Wie hat sich die Zeremonie auf See in den letzten Jahren verändert?

Eigentlich gar nicht. Sie ist seit 40 Jahren unverändert. Ich war ja damals der erste Seebestatter – mir kam gar nicht in den Sinn, dass eine Bestattung anders ablaufen könnte, als ich es vom Friedhof gewohnt war: Erst die Trauerfeier an der Urne und dann die Beisetzung. Rituale wie Kerzen sind an Bord ohnehin verboten. Den Menschen sind eher die Abläufe wichtig.

 

Äußern die Angehörigen den Wunsch, die Trauerfeier an
Bord mitzugestalten?

Oft halten Hinterbliebene eine Rede auf den Verstorbenen, selten
kommen freie Trauerredner an Bord, noch seltener Geistliche.
Christliche Lieder werden übrigens auch so gut wie nie gewünscht.
Wir machen über 1.000 Seebestattungen pro Jahr, darunter
höchstens eine christliche. Ein der Gründe ist vermutlich, dass
der Pastor oder die Pastorin aus der Gemeinde des Verstorbenen
kommen oder in Travemünde organisiert werden muss.

Grundsätzlich spricht unser Kapitän die letzten Worte, geht aber
nicht auf das Leben des Verstorbenen ein, sondern zitiert meist ein
Gedicht von Theodor Storm.

Dann wird die Urne mit dem Netz ins Meer gelassen. Manchmal
wird vorher noch gemeinsam ein letztes Vater Unser gesprochen.
Die Trauergemeinde steht mit Blümchen um den Kapitän herum,
die ins Meer geworfen werden, während die Urne versinkt. Dann
umkreist das Schiff drei Mal die die Stelle, an der die Urne nun am
Meeresgrund liegt und bereits beginnt, sich aufzulösen, während
die Asche sich als Häufchen am Boden absetzt und dort verbleibt.
Dies möchten die Trauernden immer ganz genau wissen.

Während des Umkreisens wird die Glocke sechs Mal geschlagen.
Der Brauch stammt noch aus der Seefahrtzeit. Eine Wache dauert
in der Seefahrt immer vier Stunden. Sechs mal vier Wachen sind 24
Stunden. Wenn es sechs Mal läutet, ist symbolisch die Lebenszeit
abgelaufen, die Lebenswache beendet. Der letzte lange, tiefe Gruß
ertönt vom Typhon, dem Schiffshorn, das eine Minute lang vom
Steuermann gezogen wird. Die Rückreise wird dann in einem angemessenen
Tempo angetreten, damit die Trauergemeinde langsam
Abschied nehmen, weinen, fotografieren und den Blumenteppich
noch mit dem Fernglas beobachten kann. Jetzt kommt oft der
Schnaps ins Spiel. Manchmal begleitet von einem Akkordeonspieler.

 

Wäre bei diesem festen Ablauf überhaupt noch Raum für persönliche Wünsche?

In einem kleinen Rahmen ja. Eine Dame erzählte ihrem Bestatter beispielsweise, ihr Mann sei zu Lebzeiten immer zu spät gekommen. Sie fragte, ob man diese Marotte in der Zeremonie würdigen könne. Als dann die Trauergemeinde das Schiff betrat, war die Urne nicht da. Alle setzten sich und waren irritiert. Als ich der Witwe zuzwinkerte, wusste sie bescheid, und als der Leichenwagen einige Minuten später endlich mit der Urne kam – wie immer zu spät – atmeten alle auf und die Stimmung lockerte sich.

 

Seebestattungen an Sehnsuchtsorten sind da vermutlich eher individueller?

Ja, da ist tatsächlich manchmal unsere Kreativität gefragt. Ich habe beispielsweise einmal eine Urne nach Thailand begleitet. Der verstorbene Mann der Kundin hatte sich als letzte Ruhestätte eine Stelle auf See vor einem bestimmten Strand gewünscht, zu dem wir uns gemeinsam auf den Weg machten. Ich bekam die Urne vom Krematorium, füllte die Asche in eine kräftige Papiertüte, die ich gemeinsam mit dem Leichenpass im Handgepäck verstaute. Vor Ort fand ich dann einen Bootsvermieter, der uns mit dem Longtail-Boot hinausfuhr. Unkomplizierter ist es auf Gran Canaria oder Mallorca. Diese Destinationen gehören schon zur Routine. Dort haben wir Partnerunternehmen, deren Schiffe wir chartern. Der Ablauf an Bord ist dann übrigens der gleiche wie in Deutschland. Auch die Uniform mit den vier Streifen.

 

Bei der Seebestattung gibt es kein sichtbares Grab. Ist Erinnerungskultur trotzdem wichtig?

Wir haben von allen Beisetzungen die Koordinaten. Das Häufchen Asche bleibt auf dem Meeresgrund, solange die Erde besteht, sodass regelmäßige oder auch private Gedenkfahrten zu besonderen Tagen oder einfach während der akuten Trauerphase stattfinden können. An Land gibt es Gedenksteine mit den Namen der Verstorbenen, damit die Hinterbliebenen eine Anlaufstelle für ihre Trauer haben.

 

www.seebestattungen.de