„Manchmal klopfe ich noch einmal auf den Sarg und sage: gute Reise !“

Auch die technische Überwachung der Einäscherung vom Steuerstand aus gehört zu Sascha Freinsbergs Aufgaben.Auch die technische Überwachung der Einäscherung vom Steuerstand aus gehört zu Sascha Freinsbergs Aufgaben.

Ein Job im Krematorium ist hart. Von 17 Praktikanten ist nur einer auch nach drei Tagen noch zur Arbeit gekommen. Mittlerweile ist Sascha Freisberg seit anderthalb Jahren Bertriebswart im Rhein-Taunus-Krematorium und kommt täglich gerne zur Arbeit. Aus vielen unterschiedlichen Gründen.

 

Wie sind sie darauf gekommen, sich ausgerechnet in einem Krematorium zu bewerben?

Das war purer Zufall. Zuvor habe ich das branchenfremdeste gemacht, das man sich vorstellen kann: Nach 15 Jahren als Zeitsoldat bei der Bundeswehr machte ich eine Ausbildung zum Lebensmitteltechniker und arbeitete als Nebenjob beim Bestatter. So kam ich darauf, mich im Krematorium zu bewerben. Bedingung war ein einwöchiges Praktikum, an dem wohl schon viele gescheitert sind.

 

Wie erklären Sie es sich, dass Sie im Gegensatz zu anderen „durchgehalten“ haben?

Ich schätze, die meisten gehen davon aus, dass man es als Betriebswart mehr mit Asche als mit Verstorbenen zu tun hat. Tatsächlich sind wir aber aufgrund unserer Betriebsgröße in alle Arbeitsschritte involviert, inklusive der zweiten Leichenschau mit dem Amtsarzt. Wir helfen dabei, die Verstorbenen zu entkleiden und zu wenden und müssen dafür sorgen, dass sich nichts mehr im Sarg befindet, das die Anlagen beschädigen könnte. An die Gerüche und manchen Anblick können sich viele nicht gewöhnen. Ich habe durch meine Erfahrungen aus Feuerwehr und Bund glücklicherweise einige Verarbeitungsstrategien. Hinzu kommt ein großer Vorteil gegenüber Bestattern und Angehörigen: Wir kennen die Lebens- und Todesumstände nicht.

 

Was ist bei Ihrer Arbeit besonders wichtig?

Der respektvolle Umgang mit den Verstorbenen, Kontrolle und Sicherheit. Jeder Angehörige hat ein Recht auf die Asche seines Angehörigen – dieser Grundsatz steht über allem. Wir arbeiten mit Etiketten und überprüfen mehrfach, dass nichts vertauscht und niemand verwechselt wird. Jeder Name wird ausgeschrieben, auch das ist eine Frage der Würde. Da wir ein Servicebetrieb sind, helfen wir natürlich auch dem Bestatter beim Ausladen. Diese Vielfalt und Verantwortung machen den Job abwechslungsreich und sinnstiftend.

Für die Angehörigen ist es wichtig, dass wir schnell arbeiten. Viele Menschen belastet es, wenn ihre Verstorbenen lange in der Kühlung liegen. Wir sorgen dafür, dass sie zeitnah bei einer Beisetzung Abschied nehmen können.

 

Was schätzen Sie an Ihrem Job besonders?

Mein Job ist krisensicher und alles andere als alltäglich. Langeweile gibt es nie. Stattdessen ist er körperlich fordernd und abwechslungsreich. Das ist für mich wichtig. Vor allem schätze ich den kollegialen und respektvollen Umgang untereinander, der es erst ermöglicht, diese Arbeit täglich zu tun. Bei uns herrscht keine Grabesstille, sondern es wird im pietätvollen Rahmen auch mal gelacht und gescherzt, wie bei anderen Jobs auch. Einmal abgesehen vom Prozess der Einäscherung selbst, gibt es einen hohen technischen Aufwand. Wir müssen Emissionen und gesetzliche Rahmenbedingungen beachten und sehen es als Herausforderung, ständig etwas zu verbessern. Wenn uns Optimierungspotenzial bei der Technik oder den Abläufen einfällt, wird es ausprobiert. Da ist die Geschäftsleitung sehr offen für unsere Anregungen.

 

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Heute hatte ich zum Beispiel Frühschicht. Wir beginnen alle immer etwas zeitiger, damit noch Luft für eine Übergabe und ein kurzes Schwätzchen bleibt. Nach dem Umziehen machen wir einen groben Check, dokumentierten Werte und pflegen gegebenenfalls die Anlagen oder bearbeiten Austauschpapiere und ordnen sie zu. Dann bringen wir die Särge für die anstehende Leichenschau in einen separaten Kühlraum und assistieren dem Amtsarzt. Wenn ich als Betriebswart arbeite, werde ich von den Kollegen mit den freigegebenen Särgen versorgt. Wir fahren fünf  Einäscherungsanlagen gleichzeitig, für die jeweils ein Mitarbeiter verantwortlich ist. Sind es sechs Anlagen, sehen wir schon zu, dass wir zu zweit sind. Schließlich muss auch genügend Zeit dafür sein, die Asche in die Aschenkapseln abzufüllen.

Auch für die Wartungs- und Reinigungsarbeiten am und in den Anlagen sind wir zuständig. Während wir die Wartung in Zusammenarbeit mit Programmierern und Anlagenherstellern durchführen, reinigen wir die Anlagen regelmäßig selbst, um die optimale Funktionsfähigkeit zu erhalten und eine kurze Einäscherungsdauer sicherzustellen. Dazu steigen wir in die ausgekühlten Anlagen. Die Wärme und Enge ist allerdings nicht jedermanns Sache; doch man weiß wofür man´s macht und ist sozusagen Herr über die Qualität. Jeder von uns ist daran beteiligt, unsere Firmenphilosophie zu vertreten und sie auch für Bestatter und Besucher sichtbar zu leben und zu zeigen. Diese können jederzeit zur Besichtigung oder einer Führung vorbeikommen, ohne dass wir etwas verstecken oder reinigen müssen.

 

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie verstorbene Bekannte oder Verwandte einäschern sollen?

Im vergangenen Jahr habe ich meinen Onkel eingeäschert. Ich sehe das als die letzte Ehre, die ich ihm erweisen konnte. Nicht nur in solchen Fällen gehen wir unter uns Kollegen sehr respektvoll miteinander um. Einige von uns sind auch befangen und überlassen die Einäscherung eines ihnen nahestehenden Menschen lieber einem Kollegen.

 

Wie reagiert Ihr Umfeld, wenn Sie von Ihrer Arbeit erzählen?

Wenn ich erwähne, dass ich im Krematorium arbeite, ändert sich erstmal die Gesichtsfarbe, weicht dann aber ganz schnell der Neugier. Am Ende steht meist die Einsicht: Das ist ein ganz normaler Job und irgendjemand muss ihn ja machen. Das Schöne ist, dass in meinem Umfeld nun mehr über den Tod gesprochen wird. Meine Großmutter hat sich einen Grabplatz im Blumengarten in unserem Alten Waldfriedhof reserviert und viele meiner Verwandten und Bekannten machen sich Gedanken, tauschen sich aus und sind erleichtert, wenn die letzten Dinge geregelt sind.

 

Und wie verkraften Sie den Anblick beispielsweise von Suizidopfern?

Zu einem Suizid gehört viel Mut und Verzweiflung. Wenn der- oder diejenige meint, er müsste das tun, gibt es vermutlich schwerwiegende Gründe. Das einzige, das ich tun kann, ist, den Angehörigen zu helfen, einen Schlussstrich zu ziehen. Meine Aufgabe ist es nicht, mich darum zu kümmern, dass so etwas nicht passiert, sondern den Hinterbliebenen einen Dienst zu erweisen. Das funktioniert nur, wenn man akzeptiert, dass die Verstorbenen verstorben sind. Manchmal klopfe ich noch einmal auf den Sarg und sage „gute Reise!“