Friedhof lebendig zu halten, heißt, ihn freizugeben!“

v.l. Thorsten Benkel, Matthias Meitzlerv.l. Thorsten Benkel, Matthias Meitzler

Über 1.100 Friedhöfe haben die beiden Soziologen bereits unter die Lupe genommen: Dr. Thorsten Benkel forscht und lehrt Soziologie an der Universität Passau, Matthias Meitzler, M.A. promoviert im Bereich Thanatosoziologie und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Die Pluralisierung des Sepulkralen“. Ihre wissenschaftlichen Forschungsprojekte führten Matthias Meitzler und Thorsten Benkel unter anderem in Gerichtssäle, Gefängnisse und ins Rotlichtmilieu.

Aktuell sind sie überall dort unterwegs, wo die Gesellschaft der Sterblichkeit begegnet. Die beiden Wissenschaftler haben Expertisen erstellt für  Ministerien, Stiftungen, privatwirtschaftliche Institutionen, Verwaltungen und Gesetzgebungsverfahren auf Landtagsebene. Auf Ihrem Blog www.friedhofssoziologie.de posten Sie regelmäßig zu ihren Forschungen und Entdeckungen.

 

Regulierung oder Liberalisierung, wohin steuern unsere Friedhöfe?

Matthias Meitzler: In vielen Nachbarländern sind die Gesetze liberaler, was man jedoch den Friedhöfen nicht unbedingt ansieht – eine Streuwiese für Kremationsasche, wie es sie beispielsweise auf französischen Friedhöfen gibt, fällt schließlich nicht sofort ins Auge. Interessant ist die Tatsache, dass die Erlaubnis, Asche zu verstreuen oder eine Urne mit nach Hause zu nehmen keinesfalls die Friedhofskultur zerstört; im Gegenteil: Da vieles liberalisiert ist, können die Menschen freiwillig und ohne Druck auf den Friedhof gehen und tun dies auch. Das bestätigen auch Beispiele aus Skandinavien, den Niederlanden oder der Schweiz. Den Friedhof lebendig zu halten heißt, ihn freizugeben!

Thorsten Benkel: Hierzulande diskutiert man zwar Gesetzesänderungen, ist jedoch hinsichtlich der Liberalisierung in vielen Bundesländern sehr zurückhaltend. Als nächstes steht das Bestattungsgesetz in Sachsen-Anhalt zur Debatte. Mittelfristig wird sich eine Lockerung der gesetzlichen Vorschriften nach unserer Ansicht nicht aufhalten lassen. Ich habe selbst schon als Experte in Landtagen an Diskussionen und Verhandlungen teilgenommen und stellte fest, dass viele Abgeordnete nicht ausreichend über das Bestattungsgesetz informiert sind, weil es schlicht kein Thema für sie ist. Meist gibt es in allen Parteien sowohl Befürworter als auch Gegner
der Liberalisierung. Einige denken protektionistisch, halten eine Lockerung für moralisch verwerflich. Sie wollen die Trauernden vor sich selbst schützen und vor Kommerzialität bewahren. Noch weniger informiert ist die Bevölkerung. Dass ein Verstorbener beispielsweise für mehrere Stunden aus dem Krankenhaus mit nach Hause genommen werden darf, ist ebenso wenig bekannt, wie die Tatsache, dass es unterschiedliche Ruhefristen auf Friedhöfen gibt. Da müsste noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden…

Matthias Meitzler: Wir leben in einer Kultur, die das Leben und die Jugendlichkeit feiert. Das Thema Tod und Trauer wird in unserer Alltagswelt tabuisiert. Der Friedhof ist für viele ein fremdes Terrain, das solange nicht betreten wird, bis man nicht mehr darum herumkommt. Vor allem in Großstädten wächst jedoch eine junge Generation Bestatter heran, die das Thema Tod mit Kulturprogrammen ansprechbar machen wollen, sich nicht nur als Dienstleister und Handwerker sehen, sondern sich dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen verpflichtet fühlen. Diese neue Generation wird nach und nach die Kultur prägen – spätestens, wenn die älteren Bestatter aussterben. Hinterbliebene werden zunehmend von ihrer Wahlmöglichkeit Gebrauch machen.

 

Sie schreiben auf Ihrer Website: ‚Der Tod ist nicht nur eine biologische, sondern auch und vor allem eine soziale Tatsache – und mit Trauer verbunden ist immer auch das Andenken und Erinnern sozialer  Verhältnisse.‘ Herrscht auf dem Friedhof (Un)Gerechtigkeit?

Thorsten Benkel: Der Friedhof war schon immer ein Ort sozialer Ungleichheit. Neben pompösen Gruften stehen bescheidene Gräber; zumindest war das früher ein gewohnter Anblick. Heute gibt man nicht mehr so sehr mit seinem Vermögen an – jedenfalls nicht durch ein repräsentatives Grab. Vielmehr stirbt jeder für sich alleine, Verstorbene in Reihengräbern hatten zu Lebzeiten nichts miteinander zu tun. Zudem sind Gräber strengen Auflagen unterworfen: Steine müssen bestimmten Maßen und Materialvorschriften entsprechen, die Gestaltungsmöglichkeiten sind äußerst begrenzt. Dies ruft oftmals Unverständnis hervor: Wenn man schon viel Geld für ein Grab ausgeben muss, warum hat man dann oft wenig Gestaltungsfreiheit, ein Grab gemäß der Persönlichkeit des Verstorbenen zu gestalten? Hinzu kommt auch hier eine weit verbreitete Unwissenheit: Die meisten Menschen denken, nur der kommunale Friedhof sei für ihr Wohngebiet zuständig und eine Waldbestattung sei die einzige Alternative. Nicht wenige kehren dann aus Trotz dem Friedhof den Rücken zu und geben sich der Illusion hin, im Bestattungswald hätten sie mehr Freiheiten. So war auch der Trend zur anonymen Bestattung in den 90er Jahren eine klare Prinzipienentscheidung gegen die konventionellen Regeln und Grabformen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Nachfrage nach anonymen Bestattungen auf Friedhöfen, die eine Auswahl alternativer Bestattungsformen anbieten, rückläufig ist.

Matthias Meitzler: Während sich kirchliche Friedhöfe in einem Dilemma zwischen Friedhofssatzung und der Wertschätzung des letzten Willens befinden, gestatten vor allem private Friedhofsbetreiber zum Teil eigenwillige Grabformen. Hier sieht man Bezüge zum Hobby, zum bevorzugten Fußballclub, Urnenwände mit Comicfiguren oder einem abgelegten Playstationspiel. Dies ist eine Lücke, die private Betreiber gerade in Regionen ausnutzen, deren Friedhöfe noch stark konservativ geprägt sind. Langfristig werden viele kommunale Friedhöfe jedoch mitziehen müssen.

 

Was vermissen Sie auf deutschen Friedhöfen?

Thorsten Benkel: Was vielerorts fehlt, ist ein Zukunftskonzept, das über den Augenblick hinausgeht. Häufig funktionieren die traditionellen Angebote noch. Doch in 50 Jahren sterben diejenigen, die heute 30 sind. Diese Generation ist plural und globalisiert. Daher müssen Friedhofsbetreiber über die aktuelle Belegschaft hinausdenken und jetzt mit der Nachhaltigkeit beginnen, ähnlich wie beim Umweltschutz.

 

Welche Rolle spielen die Gebühren?

Matthias Meitzler: Sterben ist sehr teuer. Auffällig sind die mitunter recht großen Differenzen: Die Stadt Bochum etwa hat vergleichsweise hohe Gebühren, während es in einigen anliegenden Ortschaften teilweise nur die Hälfte kostet. Wie wollen Sie die dahinter verborgenen wirtschaftlichen Kalkulationen den Angehörigen plausibel erklären? Dennoch habe ich das Gefühl: Wenn ich meine Trauer ganz individuell und persönlich ausbuchstabieren darf, ist das auch sein Geld wert. Wenn ich hingegen sehr viel Geld zahle, um am Ende in meiner Gestaltungsfreiheit begrenzt zu werden, gehe ich womöglich aus Trotz ins Kolumbarium, in den Wald
oder ins Meer.

 

Was erforschen Sie in Ihrem Projekt „Pluralisierung des Sepulkralen“?

Thorsten Benkel: Das Projekt ist eine Fortsetzung früherer Arbeiten: Wir schauen uns den Wandel und die Ausdifferenzierung des Trauerns an, also im Prinzip, wie wir trauern – online und offline, wer trauert und auf welche Weise? Hierzu führen wir qualitative Interviews und Online-Befragungen durch, sodass wir im kommenden Jahr anhand unserer Ergebnisse auch in statistischer Form ablesen können werden, wie sich die Trauerbedürfnisse und Trauerhandlungen verändern.

Matthias Meitzler: Gerade bei jungen Leuten haben wir festgestellt, dass viele die Präsenz des toten Körpers nicht mehr für ihre Trauer brauchen und die Trauer nicht mehr zwangsläufig an einem festen Ort stattfindet, sondern im Vergleich zu älteren Generationen delokalisiert wird. Wer nicht mehr dort lebt, wo er aufgewachsen ist, der hat oft auch keine Verbindung zu einem Trauerort, der nicht in der Nähe seines Wohnortes liegt. Heute ersetzen oft Referenzobjekte, Erinnerungsstücke wie Fotos oder Gegenstände des Verstorbenen diese Trauerorte. Auch vielen unserer Studenten, die meist Anfang 20 sind, ist das Grab als Bezugspunkt bereits
fremd. Wenn jemand stirbt, wollen sie häufig an den Orten sein und trauern, wo sie gemeinsame Lebenszeit mit dem Verstorbenen verbracht haben – und das war für gewöhnlich nicht der Friedhof. Dort befinden sich nun zwar die körperlichen Überreste, doch das, was man mit dieser Person verbindet, wird woanders gesucht.

 

Was raten Sie einem Friedhofsbetreiber, der sich öffnen und den neuen Bedürfnissen anpassen will?

Thorsten Benkel: Ein Patentrezept, das für alle Friedhöfe gleich erfolgreich ist, gibt es natürlich nicht. Große Kommunenfriedhöfe sollten eine Mehrfelderstrategie anbieten und nicht an der üblichen Anordnungsästhetik festhalten. Räume müssen sinnvoll geöffnet und getrennt werden. Warum nicht Trimm-dich-Pfade einrichten und Spielplätze bauen, den Friedhof als ‚grüne Lunge‘ der Stadt etablieren, um Menschen wieder Anreize zu geben, auf den Friedhof zu kommen?

Matthias Meitzler: Wir sagen: Sterben ist zwar teuer, aber der Friedhof hat Chancen, wenn er den gesellschaftlichen Wandel berücksichtigt, flexibel auf ein verändertes Trauerverhalten reagieren kann, sich als lebendigen Ort und gleichzeitig als Kulturarchiv versteht, das seinen Besuchern vielfältige Angebote bietet und möglichst wenige Verpflichtungen auferlegt. All diese Ansätze schließen einander nicht aus.

 

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