FRIEDHOF HEISST Vielfalt – Interview André Könnecke

Bild: Erinnerungsgarten © Mario FabichBild: Erinnerungsgarten © Mario Fabich

Auf dem Friedhof in Aschersleben in Sachsen-Anhalt gibt es eine Vielzahl von Grabarten: vom kostengünstigen Urnenhain bis zum individuell gestaltbaren Familiengrab. Neben den traditionellen Grabarten sind in den vergangen Jahren immer mehr alternative Angebote entstanden – vor allem im Erinnerungsgarten, einem 2016 eröffneten Gräberfeld, das verschiedene Grabarten gärtnerisch gepflegt und attraktiv gestaltet vereint. Angefangen von der Anlage für Sternenkinder über Baumbestattungsplätze und Paargräber bis hin zu Grabstellen für Mensch und Tier.

 

Was hat Sie dazu veranlasst, den Friedhof für neue Grabarten zu öffnen?

Wir haben hier im Osten traditionell einen hohen Kremationsanteil, der in den vergangen Jahren auf rund 96 Prozent angestiegen ist. So entstanden immer mehr Freiflächen im Laufe der Jahre, die aufwändig gepflegt werden mussten. Hinzu kam, dass sich immer mehr Menschen anonym bestatten lassen wollten. Durch Befragungen fanden wir heraus, dass der Grund hierfür meist in der Pflegefreiheit der Gräber lag, da die Familien zunehmend zersiedelt sind und sich niemand mehr um ein Grab kümmern kann. Dennoch wurde ein Grab oder zumindest eine Stelle zum Trauern von
den Hinterbliebenen oft schmerzlich vermisst, sodass wir pflegefreie Alternativen auch mit Namensschildern anbieten wollten.

 

Wie haben Sie die Idee realisiert, unterschiedliche Bestattungsmöglichkeiten auf einer konzentrierten Fläche anzubieten?

Um keine weiteren vereinzelten pflegefreien Gemeinschaftsgrabanlagen auf unserem 16 ha großen Areal anlegen und pflegen zu müssen und nachdem wir drei pflegefreie Anlagen gebaut hatten, die sehr schnell belegt waren, beschlossen wir 2015 den ‚großen Wurf‘: Gemeinsam mit der Berliner Landschaftsarchitektin Katarina Baumgart erschlossen wir unseren Erinnerungsgarten auf einer freien Fläche und bepflanzten ihn von Anfang an: Wir gestalteten einen mit Steinen geformten Fluss des Lebens mit verschiedenen Ruhezonen für die fünf Lebensabschnitte Jugend, Erwachsenenalter, Alter und Tod, die sich in Pflanzen und Gestaltung widerspiegeln. Besonders gut wird das Ascherlebener Baumhoroskop
angenommen: 12 unterschiedliche Bäume, die für verschiedene Eigenschaften stehen, welche Hinterbliebene mit dem Verstorbenen verbinden. Auch die Ruhezonen sind sehr beliebt und sorgen dafür, dass Menschen länger auf dem Friedhof verweilen.

 

Es gibt also auch für Nicht-Trauernde viel zu entdecken?

Seit es den Erinnerungsgarten gibt, kommen die Leute tatsächlich lieber auf den Friedhof. Durch die pflegefreien Gräber sind sie nicht mehr gezwungen zu gießen, sondern können einfach zur Ruhe finden, wenn ihnen danach ist – natürlich auch nach der ersten Trauerphase, wenn sie den Friedhof als Ort der Einkehr und Erholung in Erinnerung behalten haben.

Wer sich für Geschichte interessiert, kann auf dem historischen Teil des Friedhofs außerdem auf den Spuren historischer Ascherslebener Persönlichkeiten wandeln und anhand von QR-Codes Lebensgeschichten auf seinem Smartphone lesen.

Auf einer frei gewordenen Fläche haben wir gerade einen Naturpfad
eingerichtet. Hier pflegt ein Imker seine Bienenstöcke, andere
Insekten fliegen im Insektenhotel ein und aus, Blumen wachsen wild
und Infotafeln erläutern die Tier- und Pflanzenwelt. Das ist auch
Schüler und Lehrer spannend, die unseren Pfad und die QR-Codes
in Schulprojekte zur Heimatgeschichte oder Natur einbinden.

 

Wie entstehen neue Ideen und finden ihren Weg auch in die Öffentlichkeit?

Mundpropaganda spielt natürlich eine große Rolle. Auf dem Friedhof entstehen Gespräche, auch mit Mitarbeitern, die viel Lob gekommen, das natürlich zusätzlich motiviert. Wir setzen uns regelmäßig im Team zusammen und machen Brainstormings zu künftigen Projekten. Jeder darf seine Ideen äußern. Am Ende filtern wir nach der Frage: Ist sie nachhaltig und be- oder entlastet sie uns? Außerdem betreiben wir eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, die durch die Größe der Stadt natürlich erleichtert wird. Wir haben 30.000 Einwohner und die Lokalzeitung berichtet gerne über Neuigkeiten vom Ascherslebener Friedhof. Auf Facebook haben wir
500 Abonnenten und erreichen manchmal 3.000 bis 4.000 Menschen pro Post. Dann gibt es für jeden Bereich des Friedhofs vom Baumhoroskop bis zum Naturlehrpfad Flyer, die den Bürgern den Mehrwert des Friedhofs vermitteln.

 

Vermarkten Sie in dem Zuge auch Ihre Grabflächen direkt oder über Bestatter?

Wir sind der Ansicht, dass wir besser direkt beraten und verkaufen können als die Bestatter, deren Kerngeschäft ohnehin nicht die Grabstelle ist. Als Friedhofsverwaltung sehen wir uns als Dienstleister mit allen Services rund um den Friedhof bis zur Grabpflege. Die Menschen kommen zu unseren Veranstaltungen oder besuchen den Friedhof in ihrer Freizeit. So sind wir nah an den Bürgern und ihren Bedürfnissen. Vor acht bis zehn Jahren war der Bestatter noch der erste Anlaufpunkt. Inzwischen verwenden sie sogar
unsere Informationsmaterialien und die Menschen kommen zu uns, um sich eine Grabstelle oder -Art auszusuchen. Das hat sich gut eingespielt.

 

Wie gelingt es Ihnen, bei all den Innovationen die Kosten im Rahmen zu halten?

Bei dem Erinnerungsgarten beispielsweise haben wir viel mit
Bodendeckern und Stauden gearbeitet. Die automatische Bewässerung
stört niemanden und verursacht kaum personellen Aufwand.
Dank der großen Freiflächen, die entstanden sind, können
wir nun natürliche Blumenwiesen entstehen lassen, die gut für die
Insektenvielfalt sind und die wir nur ein, zwei Mal im Jahr mähen
müssen. Alles Maßnahmen, durch die sich der Pflegeaufwand mittelfristig
enorm reduziert. So sind wir lange Jahre personell stabil
geblieben und haben erst letztes Jahr zwei junge Gärtner ausgebildet,
die auch frische Ideen auf den Friedhof bringen.

 

Wie kalkulieren Sie die Gebühren?

Wir sind ein kommunaler Friedhof und haben noch das klassische Modell nach Fläche und Größe, Belegung und Laufzeit. Unsere Gebühren sind etwas höher als bei anderen Kommunen im Umkreis. Als ich 2009 anfing, war dies noch ein Streitthema. Da mussten die Bürger für wenig Auswahl tief in die Tasche greifen. Mittlerweile sehen die Menschen, dass etwas passiert. Sie haben mehr Möglichkeiten und Wahlfreiheit, für die sie auch bereit sind,
etwas mehr Geld auszugeben, das ja auch in die Gestaltung der Wege und der ganzen Anlage fließt. Wir kalkulieren die Gebühren mit einem Büro zusammen, bekommen von der Stadtverwaltung einen kleinen Zuschuss für den öffentlichen Grünanteil und arbeiten seit Jahren kostendeckend.

 

Was würden Sie anderen Friedhöfen raten, die sich für die Zukunft wappnen wollen?

Wir haben jetzt neun Jahre hinter uns und wurden glücklicherweise immer von den Stadträten unterstützt. Wir haben 8 ha unseres Friedhofsgeländes geschlossen und haben viele mutige Entscheidungen getroffen, die wohl erst 2040 Früchte tragen werden – dessen müssen sich Friedhofsbetreiber bewusst sein. Aber langfristig ist das der richtige Weg: sich zu verkleinern und auf das Wesentliche zu beschränken.

 

In Sachsen-Anhalt steht das Gesetz über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofswesen auf dem Prüfstand. Wie denken Sie darüber?

Wir wollen den Friedhof als Trauerort aber auch als Park, in dem sich Menschen nicht aufhalten müssen, sondern wollen. Wir tun alles, um unseren Friedhof so attraktiv wie möglich zu machen und stellen uns dem gesellschaftlichen Wandel. Friedhöfe, die sich als Dienstleister verstehen und verschiedene Grabarten anbieten, müssen auch keine Angst haben, dass sich die Menschen massenhaft in alternative Bestattungsformen flüchten.

 

www.bauwirtschaftshof-aschersleben.de/friedhofswesen