Ein letztes Mal richtig durchstarten (Interview mit Jörg Michael Grossmann)

Motorradbestatter_Eva & Jörg GrossmannSeine Bestattungsmotorräder hat sich Jörg Michael Grossmann patentieren lassen und verkauft sie in ganz Europa.

Als erster Motorradbestatter Deutschlands hat es Jörg Michael Grossmann als „Chauffeur der würdevollen letzten Fahrt“ schon in fast jedem Winkel der Republik verschlagen. Der persönliche Rahmen, zahlreiche motorisierte Trauergäste, unterschiedliche Gesetze und Behörden-Befindlichkeiten – auf all diese Faktoren stellt er sich bei jeder Bestattung neu ein. Seine Bestattungsmotorräder hat sich Jörg Michael Grossmann patentieren lassen und verkauft sie in ganz Europa. Auch Bestatter, die kein eigenes Fahrzeug kaufen wollen, können mit Grossmann zusammenarbeiten und die Motorradbestattung in ihr Serviceangebot aufnehmen.

 

Wie sind Sie am Markt bekannt geworden und wer beauftragt Sie klassischerweise?

Das sind Menschen von Lieschen Müller bis zum härtesten Rocker. Wenn es um eine Bestattung geht, sind alle gleich. Überwiegend melden sich die Hinterbliebenen direkt bei mir. Oft haben sie selbst schon an einer Motorradbestattung teilgenommen. Je nachdem, wo die Beisetzung stattfindet, kooperiere ich meist mit Bestattungshäusern vor Ort. Gemeinsam koordinieren und optimieren wir den Ablauf, wie beispielsweise bei einer Bestattung im Saarland, bei der ich mit einem französischen Bestatter zusammengearbeitet habe. Der Verstorbene war sehr beliebt. Es kamen ca. 700 Rocker unterschiedlichster Clubs aus ganz Europa, die aufgrund des deutschen Kuttenverbots an der französisch-deutschen Grenze ihre Kutten umdrehten.

 

Sind Sie der einzige Motorradbestatter in Deutschland?

Eigentlich sehe ich mich eher als Chauffeur, denn als Bestatter. Daher freue ich mich immer, wenn mich Bestatter direkt beauftragen. Inzwischen gibt es 3 Motorradbestatter in Deutschland, für die ich die Bestattungsmotorräder gebaut habe. Als ich 2012 meine erste Bestattungsfahrt antrat, gab es bereits kurze Zeit später Interesse, die Maschine zu kaufen. Sie fährt jetzt durch Sachsen und Brandenburg. Eine weitere Maschine habe ich nach Dänemark verkauft und gerade bearbeite ich einen weiteren Auftrag von der Befa für Berlin.

 

Wie aufwändig war es, ein Bestattungsmotorrad zu entwickeln?

Extrem zeitintensiv und kostspielig, da Bestattungsmotorräder ein Novum waren und die Auflagen des TÜV und die BKW-Gesetze der einzelnen Länder wahnsinnig streng sind. Von Mindest-Einlademaßen bis Blickachsen musste jedes Detail stimmen. Sie können sich vorstellen, wie hoch die Entwicklungskosten waren! Darum habe ich mich auch gleich um ein deutsches und europäisches Patent gekümmert und gehe rechtlich gegen Kopien vor.

Wir begannen mit zwei Prototypen, einer Kawasaki, die ich mittlerweile verkauft habe, und einer Harley, die ich sogar für die strengen dänischen Gesetze umgebaut habe. Der TÜV in Flensburg beschwerte den Beiwagen mit drei bis vier Sandsäcken und einem erwachsenen Menschen, bevor er die Maschine zuließ.

 

Als Motorradbestatter fahren Sie als Chauffeur die Verstorbenen mit dem Bestattungsgespann, gefolgt von oft mit mehreren Dutzend ebenfalls motorisierten Trauergästen. Wie läuft eine typische Motorradbestattungsfahrt ab?

Bei dieser sehr individuellen Bestattungsart gleicht keine Verabschiedungsfeier und keine Zeremonie der anderen. Je nachdem, wie viele Trauergäste kommen, muss die Fahrt als ‚Versammlung‘ bei der Polizei gemeldet werden, damit der Verkehr für die anderen Verkehrsteilnehmer gesichert werden kann. Vielerorts sind die Behörden aber sehr kooperativ. Nur bei Ruhestörung durch zu viele laute Maschinen innerhalb von Wohngebieten verstehen sie keinen Spaß.

Einmal hatte ich eine Doppelbeisetzung in Sachsen-Anhalt mit 50 Gästen. Ein Ehepaar war im Alter von Mitte 50 in Italien auf dem Motorrad tödlich verunglückt; ihr Sohn beauftragte mich. Ich spreche viel mit den Familien und versuche alles im Rahmen dessen zu ermöglichen, was der Gesetzgeber und die Friedhofsverwaltung erlauben – sei es eine Doppelurnenhalterung in Herzform aus Holz oder die Fahrt auf dem Friedhof mit dem Motorrad, das breiter ist als ein PKW. Die Verabschiedungsgäste müssen dort natürlich zu Fuß zum Grab gehen. Für einen engen Angehörigen auf dem Sozius-Sitz Platz.

 

Bestatten Sie hauptsächlich Menschen, denen ihr Hobby, das Motorradfahren, zum Verhängnis geworden ist?

Nein, die meisten sind eines natürlichen Todes gestorben oder haben sogar nie auf einem Motorrad gesessen! Einmal beauftragte mich eine ältere Dame, die ihrem Mann aus Sicherheitsgründen sein Leben lang verwehrt hatte, Motorrad zu fahren. Nun wollte sie ihm posthum diesen Wunsch erfüllen.

So viele Motorradfahrer sind es übrigens gar nicht, die tödlich im Verkehr verunglücken: Bei 3,4 Mio Motorradfahrern in Deutschland und einer Sterberate von einem Prozent, sind es 34.000 Motorradfahrer, die jährlich sterben. Leider sind es auch um die 1.000 bis 1.400 pro Jahr verunglücken im Verkehr.

 

Fahren Sie mehr Urnen oder Särge?

Beides ist ebenso möglich wie üblich. Die Särge können sogar eine Länge von 2,20 Metern haben und bis zu einen Meter breit sein. Am besten kommen weiße Särge zur Geltung, aber es gibt auch geschnitzte Eichensärge oder schlichte Kiefer-Modelle.

Die Fahrten sind ganz unterschiedlich: Entweder bringe ich nur den Sarg oder die Urne zum Friedhof, oder ich fahre erst zur Verabschiedungshalle, dann mit dem Sarg zum Krematorium, gefolgt von den Bikern. Die Abholung vom Krematorium und die Urnenbeisetzung finden dann oft im engsten Familienkreis statt.

 

Was ist das Besondere an Motorradbestattungsfahrten?

Einerseits die Tatsache, dass die Fahrt an sich eine zentrale Bedeutung hat und meist von allen Trauergästen auf ihren Motorrädern flankiert wird. Eine weitere Besonderheit ist die Stimmung. Darüber hinaus, dass alle Anwesenden wie bei jeder Bestattung den Verstorbenen kannten, gibt es unter Bikern eine andere Art der Verbundenheit. Es wird gefeiert, was man gemeinsam erlebt hat, selbst Touren oder Strecken, die andere auch schon einmal gefahren sind, sind verbindende Elemente und dies durch alle gesellschaftlichen Schichten. Es ist einfach sehr persönlich.

 

www.jg-motorradbestattungen.de