Der wichtigste Moment des Lebens ist der Moment des Sterbens

Uller Gscheidel (Buddhist und Bestatter)Uller Gscheidel (Buddhist und Bestatter)

Interview mit dem Buddhisten und Bestatter Uller Gscheidel aus Berlin

 

Herr Gscheidel, wann ist ein Mensch aus Ihrer Sicht tot?

So wie das Leben schon vor dem ersten Atemzug beginnt, nehme ich an, dass es nicht schlagartig mit dem letzten endet. Beim Umgang mit einem Verstorbenen in den ersten Tagen nach dem Tod gehe ich davon aus, dass er oder sie noch präsent ist, wenngleich auf eine Art, die sich unserer Wahrnehmung weitgehend entzieht. Hinweise für eine solche Einstellung finden wir nicht nur in Religionen, die eine Wiedergeburt annehmen, sondern auch in unserem Kulturkreis, in dem noch vor nicht allzu langer Zeit Hausaufbahrungen und Totenwachen genauso selbstverständlich waren wie eine Geburt zuhause.

 

Welche Bedeutung haben Sterben und Tod im Buddhismus?

Der Autor des Tibetischen Totenbuchs, Sogyal Rinpoche, hat einmal eine Konferenz eröffnet mit dem Satz ‘The most important moment of our spiritual life is the moment of our death.’ Dies spiegelt eine spirituelle, geistige Sicht wider, die den Tod nicht als Ende betont, sondern als Befreiung aus einer definierten Lebenssituation. Wir werden in einen sozialen und kulturellen Kontext und ein sich daraus entwickelndes Leben hineingeboren und kommen aus vielen Bedingungen auch nicht heraus wie zum Beispiel dem körperlichen Geschlecht. Der Moment des Sterbens beinhaltet die Möglichkeit der  Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburt.  Das ist es, was die Tibeter anstreben. Die Vorstellung von Karma ist: Alles, was entsteht, entsteht aufgrund bestimmter Bedingungen. Im Moment des Todes oder Sterbens löst sich die Verbindung zwischen Körper und Geist, was als Möglichkeit der Befreiung gesehen wird.

 

Welche Rolle spielt ein gutes Leben für ein gutes Sterben?

Im Leben sollte man möglichst Bedingungen schaffen, die zur Befreiung und nicht zur Reinkarnation führen. Das Wort hat allerdings eine ganz andere Bedeutung als die christliche Wiederauferstehung: Man wird aufgrund von selbst geschaffenen Bedingungen zwangsläufig wiedergeboren. Ziel ist die Befreiung aus dem Zwang, wiedergeboren zu werden. Mit dem Thema der Wiederauferstehung verbinden sich hingegen Bilder wie: „Ich sterbe, aber irgendwann werde ich mit diesem Körper wieder auferstehen.“ Das Ich bleibt erhalten und bezieht bei Gott eine Wohnung. Im Buddhismus geht es eher darum, die Verbindung mit dem eigenen Ich als temporär anzusehen.

 

Wie schafft man diese Bedingungen?

Die ethischen Grundideen sind in allen Religionen ähnlich. Im Christentum sind diese etwa in den zehn Geboten zu finden. Der buddhistische Karmagedanke bedeutet, dass alles, das man tut oder nicht tut, Wirkungen erzeugt – gute und schlechte. Der grundlegende Unterschied ist, dass es keinen strafenden Gott gibt, kein Fegefeuer. Der Buddhist ist für sein Karma selbst verantwortlich und muss damit rechnen, dass alles, was er tut oder lässt, Auswirkungen hat. Nach dem Motto: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

 

Was kann man am Ende seines Lebens noch im Sinne eines „guten“ Sterbens tun?

Zum Lebensende schwinden die Kräfte. Unsere Fähigkeit, unser Karma durch unser Handeln zu beeinflussen, nimmt ab und wir können immer weniger tun, um Gutes zu bewirken. Dennoch kann man sich bzw. seinen Geist in Gelassenheit üben. Wir nennen das den „Mittleren Weg“. Nicht zu engagiert, aber auch nicht lustlos; weder immer auf Wolke 7 noch hasserfüllt. Starke Emotionen werden als hinderlich betrachtet, weil sei den Geist aufregen. Man sollte frühzeitig erkennen: Wie funktioniert mein Geist und wie kann ich ihn zähmen?

 

Was können Angehörige hilfreich tun, wenn es „soweit“ ist?

Ich rate Angehörigen dazu, eine friedvolle und harmonische Atmosphäre zu unterstützen. Wir wissen nicht, welche Vorgänge sich beim Sterbenden bzw. Toten abspielen, können aber davon ausgehen, dass etwas passiert. Daher sind wir auf der sicheren Seite, wenn wir uns friedvoll und ruhig verhalten. Nicht aktiv eingreifend, nicht störend. Beim Sterben geht es darum, sich zu lösen, was in vielen Fällen nicht so einfach zu sein scheint. Viele, die zuhause begleitet werden, suchen sich zum Sterben doch einen Moment, an dem sie alleine sind, weil es in Anwesenheit nahestehender Menschen oft schwieriger zu sein scheint, sich zu verabschieden. Vor allem, wenn diese den Tod noch nicht akzeptieren. Buddhistisch betrachtet, liegt in der Phase des Sterbens eine immense Chance für eine Befreiung oder eine neue Inkarnation, unter besseren Voraussetzungen Erleuchtung zu erlangen. Eine friedvolle Atmosphäre kann dabei nur unterstützend wirken.

 

Wie kann man noch zu einer solchen Atmosphäre beitragen?

Indem man den Leichnam so lange wie möglich bei sich behält, das Zimmer aufräumt, möglichst von Essensresten, Medizin, etc. befreit und die Atmosphäre ändert, etwa indem man eine Kerze entzündet und die wärmende Decke durch ein frisches Leintuch ersetzt, damit die Wärme und Energie aus dem Körper entweichen kann und der Zersetzungsprozess verzögert wird. So ändert sich auch der visuelle Eindruck vom Schlafenden hin zum Toten.

 

Raten Sie zu einer Totenwache und wenn ja, wie sollte diese gestaltet werden?

Wenn das bedeutet, dass nur geweint wird und starke Emotionen aufkommen, ist dies meiner Ansicht nach eher hinderlich. Es ist schön, wenn jemand beim Leichnam sitzt, aber er oder sie darf auch spazieren gehen. Die Zeit beim Leichnam kann etwa mit Vorlesen vertrauter Texte verbracht werden, vorzugsweise Inhalten, zu denen der Verstorbene eine Beziehung hatte. Das kann auch die Bibel oder andere inspirierende Texte sein. Dieser kann auch für Trauernde heilsam und beruhigend sein. Aus buddhistischer Sicht ist diese Phase eine Chance zur Befreiung und daher freudvoll. Statt zu jammern, sollte die Botschaft im Vordergrund stehen: „Es war schön mit dir. Jetzt mach dich auf den Weg, was immer dich begleitet.“

 

Kann das Vorlesen des tibetischen Totenbuchs hilfreich sein?

Das tibetische Totenbuch ist eine mündliche Anweisung, was ab dem Moment des Todes getan werden soll. Durch das Vorlesen soll der Verstorbene daran erinnert werden. Das setzt allerdings voraus, dass dieser mit den Inhalten vertraut war. Lamas sagen aber, man könne nichts bewirken, wenn man den Verstorbenen in dieser instabilen Situation mit etwas Neuem konfrontiert. ‚Geh dahin, wo das Licht ist‘, kann man jedoch religionsübergreifend vermitteln.

 

Wie sieht eine buddhistische Bestattung aus?

DIE buddhistische Bestattung gibt es nicht, auch keine Liturgie wie im Christentum oder Vorgaben zur Bestattung wie im Islam. Allein in Berlin gibt es rund 60 verschiedene buddhistische Zentren mit unterschiedlichen Ausrichtungen und Traditionen von tibetisch bis Zen. Buddhistische Bestattungen für Deutsche sind daher eher Unikatsveranstaltungen, die kulturell meist gemischt sind. Viele sind als Christ geboren und später Buddhisten geworden, während ihre Familienmitglieder noch im christlichen Kulturkreis verblieben sind. Andere wiederum, Vietnamesen beispielsweise, die hier geboren sind, sind von Geburt an Buddhisten und leben in Deutschland auch entsprechend in ihrer Community.

 

Lassen sich Buddhisten grundsätzlich einäschern?

Aus buddhistischer Sicht ist der Körper, von wenigen Ausnahmen abgesehen, völlig unwichtig, da die Betonung auf dem Geistigen liegt. Die traditionelle Verbrennung des Leichnams hängt eher mit geografischen Bedingungen und Faktoren wie etwa großen Holzvorkommen zusammen. Wesentlich ist aber nicht, dass der Körper verbrannt wird und damit auch eine Identifikation des Körpers mit dem Verstorbenen nicht mehr möglich ist, sondern, dass die Angehörigen den Zerstörungsprozess beobachten können und die Vergänglichkeit alles Geformten direkt erfahren. Die Art der Bestattung und der Trauerfeier können nichts mehr für den Verstorbenen bewirken. Für die Hinterbliebenen ist es die direkte Erfahrung, dass alles, woran wir uns binden, auch wieder vergeht und damit den Geist schult.

 

www.charon.de