Abgetaucht: Ruhe sanft auf dem Meeresgrund

Kapitän Horst Hahn

Als Kapitän Horst Hahn 1972 seine Seebestattungs-Reederei gründete, hatte er ein Schiff und viel Überzeugungsarbeit vor sich. Heute zählt seine Flotte 22 Schiffe und die Möglichkeit der Seebestattung hat sich längst auch auf dem Festland herumgesprochen.

 
Herr Kapitän Hahn, Sie wollen gleich in See stechen und Kurs auf Ihr Familiengrab auf hoher See nehmen. Das klingt ungewöhnlich…

Ich habe gerade ein neues Hüftgelenk bekommen und werde das alte zusammen mit der Asche meiner verstorbenen Katze auf See beisetzen. Unsere Familie hat seit vielen Jahren eine Stelle, an der wir alle beigesetzt werden wollen und an der auch schon Familienmitglieder bestattet sind.

So ungewöhnlich sind übrigens weder Haustierbestattungen noch Familiengräber auf See. Das deutsche Gesetz schreibt ja eine genaue Positionsangabe vor, sodass wir nicht nur bei Einzel-, sondern auch bei Familiengräbern Gedenkfahrten zur exakten Stelle unternehmen können. An einem festen Tag fahren wir fünf Mal monatlich mit 12 Passagieren pro Schiff zu solchen Fahrten aufs Meer. Und da geht es nicht immer nur traurig und betreten zu, da wird auch mal auf den Verstorbenen ein Schnaps getrunken. „Dat Fell versupen“, heißt das bei uns.

 
Wie kamen Sie zur Seebestattung?

Ich bin gelernter Seemann und habe damals das Bestattungsinstitut meiner Tante und meines Onkels geerbt. Ich hatte eine größere Segelyacht in Travemünde und habe den Kunden einfach die Seebestattung mit angeboten. Das war damals ganz neu. Bis dahin gab es die Beisetzung auf See nur für Angehörige der Wasserschutzpolizei und für Marinesoldaten – ohne Zeremonie. Das war bei mir anders und fand mehr und mehr Zuspruch. Allerdings nicht bei den Friedhofsbetreibern. Ich habe einige Prozesse vor dem Landgericht durchfochten und mit dem Ethikrat diskutiert. So entstanden nach und nach Gesetze und Richtlinien, die unter anderem eine selbstauflösende Urne aus Papier oder ungebranntem Ton vorschreiben. Später kamen auch noch weitere Restriktionen hinzu: Schiffe durften nicht mehr aus Holz, nur noch aus Stahl bestehen, statt Kränze werden Blüten oder einzelne Blumen geworfen, usw.

 
Wie stehen Menschen, auch in küstenfernen Regionen, heute zur Seebestattung?

In Süddeutschland ist die Seebestattung religions- und regionsbedingt natürlich nicht so verbreitet wie im Norden. Im Westen findet diese Bestattungsart immer mehr Zuspruch, nicht zuletzt, weil sie ursprünglich päpstlich verdammt war, was der neue Papst inzwischen gelockert hat. Insgesamt etabliert sich die Seebestattung kontinuierlich seit Anfang der 80er Jahre. Laut einer aktuellen Umfrage von InfratestDimap im Auftrag des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur e.V. wünschen sich 18 Prozent der Menschen, die sich für eine Feuerbestattung entschieden haben, eine Seebestattung. Dabei spielt natürlich auch der Kostenaspekt eine wichtige Rolle. Die Seebestattung gehört zu den kostengünstigsten Beisetzungsvarianten, da hier keine Grab- bzw. Verlängerungsgebühren oder Grabpflegekosten auftreten.

 
Wie ist es um das Mitbestimmungsrecht bestellt, wenn es um die Wahl des Beisetzungsortes auf See geht?

Ab drei Seemeilen von der Küste entfernt haben wir freie Wahl. Nach 12 Meilen beginnt die so genannte Hohe See. Je länger ein Schiff fährt, desto länger arbeitet jedoch die Besatzung und desto teurer wird eine Bestattung auch. Bei 12 Meilen sind wir schon bei insgesamt vier Stunden, was auch für den Magen vieler Angehöriger eine Herausforderung ist. Aus diesem Grund bieten wir übrigens auch Seebestattungen vom Helikopter aus an. In der Regel werden die Urnen aber knapp hinter der Drei-Meilen-Grenze seebestattet. Diese anderthalbstündige Fahrt bieten wir bis zu sechs Mal täglich an. Daher ist die Seebestattung auch als Wirtschaftspotenzial für Travemünde nicht ganz unerheblich. Hinzu kommen Gedenkfahrten oder Besuche des Gedenksteins an der Küste.

 

Gibt es auch exotischere Ziele?

Vor kurzem bin ich mit einem Witwer nach Koh Phi Phi in Thailand geflogen. Seine Lebensgefährtin hatte sich zu Lebzeiten eine Beisetzung im Meer zwischen den Felsen gewünscht. Die Thailändischen Behörden sind etwas lockerer als unsere. Die Restriktionen gehen eher von Deutschland aus: In einem solchen Fall fordern wir die Urne beim Krematorium an, das sie gegebenenfalls auch mit einem Spezialversender quer durch Deutschland verschickt. Ich muss mich als Berufskapitän ausweisen und führe die Asche beim Flug im Handgepäck mit Begleitschein bei mir. Derartige Sonderwünsche kommen jedoch nicht so oft vor wie der Traum, um Mallorca herum bestattet zu werden, wo wir ca. zehn Mal jährlich sehr pietätvolle Seebestattungen in Kooperation mit den ‚Weißen Schwestern‘ durchführen. Meist beziehen sich die Beisetzungsorte auf Geburtsorte, Wohnorte oder beliebte Urlaubs- oder Sehnsuchtsorte im In- & Ausland.

www.seebestattungen.de